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Simone Rethel-Heesters: ALTERSLOS – GRENZENLOS

16.07.2021 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

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Simone Rethel-Heesters:
ALTERSLOS – GRENZENLOS
Porträts und Gespräche über das Leben
216 Seiten, Verlag Westend, 2021

Das Alter und das Altern muss für Simone Rethel-Heesters eine gelebte Erfahrung sein, nicht nur, weil sie selbst (Jahrgang 1949) mittlerweile über 70 ist, sondern weil sie fast zwei Jahrzehnte lang, bis zu seinem Tod mit 108 (!) Jahren, mit dem um 45 Jahre älteren Johannes Heesters verheiratet war. Er starb 2011.

Die Frage, wie man sich im Alter beschäftigt, um geistig fit und angespannt zu bleiben, hat sie für sich selbst beantwortet: Sie machte ein Buch (nicht ihr erstes), das sich mit dem Altern befasst und in dem spürbar viel Arbeit steckt. Denn sie hat nicht nur 25 Persönlichkeiten zwischen Mitte 60 und 90 plus interviewt, sondern sie dabei auch fotografiert – geradezu liebevolle Bilder, die die Gesichter, aber auch die Umwelt der Porträtierten umkreisen.

Vorausgeschickt sei: Simone Rethel ist eine gute, anpassungsfähige Interviewerin, viele ihrer Gesprächspartner kennt sie persönlich, ohne sich anzubiedern (gemeinsame Erinnerungen an „Joopie“ sind natürlich hie und da nicht zu vermeiden). Sie bleibt mit ihrer Fragestellung am Boden der Alltagserfahrung und hebt nicht angeberisch intellektuell ab. Es werden runde „Alters-Porträts“ der gewählten Persönlichkeiten, wobei die Erfahrungen und Gefühle bis zu hundert Prozent differieren. Jeder Mensch ist anders.

Die 25 ausgewählten Persönlichkeiten sind – zumal für österreichische Leser – nicht unbedingt eine Prominentenparade. Am ehesten kennt man natürlich die Schauspieler, zu Beginn die „Stieftochter“ von Simone Rethel, Nicole Heesters (Jahrgang 1937), die sehr zufrieden ist mit ihrem Leben. Mit der Österreicherin Waltraut Haas, die als Jahrgang 1927 die Älteste im Kreis ist, hat sie gemeinsam, mit den Menschen, die sie verloren haben (die Ehegatten), gewissermaßen innerlich weiter zu leben. Schauspielerin Jutta Speidel (Jahrgang 1954 und damit nach heutigen Verhältnissen nicht „so“ alt) findet immer noch „ältere“ Rollen und engagiert sich für Obdachlose.

Weniger sonnig als die Frauen (die auch in dem Buch in der Minorität sind), sind Männer um die 90, hier prominent vertreten mit Otto Schenk und Mario Adorf (beide Jahrgang 1930). Letzterer erlebt das Alter gewissermaßen mürrisch, unvermeidlich, wie es eben ist. Schenk leidet darunter, dass der Körper (Augen, Ohren und Beweglichkeit) nachlässt. Und er gesteht die Ängste ein, die er bezüglich seiner geliebten Frau und Gefährtin hegt – wer wird zuerst sterben, und was ist wünschenswert? Denn jener, der übrig bleibt, trägt die schwerere Last…

Leute aus dem Showbiz sind „haltbar“: Peter Kraus (Jahrgang 1939) lässt tatsächlich noch als alter Mann die Züge des Boys erkennen, der einst eine Generation mit „Sugarbaby“ rockte. Er ist unvergessen, auch weil er sich im Gedächtnis der Öffentlichkeit hält. Das gelingt Politikern weniger (Rita Süssmuth, Jahrgang 1937, die noch immer von ihrem einstigen Chef Helmut Kohl schwärmt, ist da eine Ausnahme), und viele Namen kann man gar nicht kennen. Was nicht heißt, dass auch sie Interessantes zu sagen haben. Wobei die Männer das Altwerden im allgemeinen weniger „schön“ finden als die Frauen, die es sich zurecht richten.

Immer wieder kommt Simone Rethels persönliches Anliegen als prominente Vertreterin der Initiative „Altern in Würde“ zum Vorschein. Diese setzt sich mit den individuellen Bedürfnissen alter Menschen zusammen, verlangt also vom Staat, was nicht leicht zu realisieren ist – dass jene weiter arbeiten dürfen, die es wollen, aber keiner länger arbeiten muss, als er möchte. Denn dass geistige Beweglichkeit eine Voraussetzung für Zufriedenheit in den späten Jahren ist, da stimmen alle überein. „Gar nichts mehr zu machen“, können sich die wenigsten vorstellen. Aber – wirklich gern wieder jung sein, das will eigentlich auch keiner…

Die letztendliche Erkenntnis, dass Altern einfacher ist, wenn man gesund ist und genug Geld hat – das hat man schon vorher gewusst. Im übrigen gibt es in dem Buch so manches Bedenkenswerte.

Renate Wagner

 

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