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Sebastian Werr: HITLER UND DIE MUSIK

31.03.2016 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

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Sebastian Werr: 
HEROISCHE WELTSICHT
HITLER UND DIE MUSIK
300 Seiten,
Böhlau Verlag, 2014

Sebastian Werr (Musik- und Theaterwissenschaftler ist Privatdozent, forschte und lehrte an Hochschulen in Bayreuth, Bern, München und Regensburg) stellt die ganz wichtige Frage (auch im Zusammenhang mit der Wagner-Diskussion so wichtig), wie es mit Hitler und der Musik stand. „Heroische Weltsicht“, wie sie sein „Drittes Reich“ prägte, fand ihre musikalische Kulisse in den gewaltigen Wogen Wagner’scher Klänge…

War der Faschismus attraktiv? Ohne Zweifel für Millionen Deutsche damals und auch für genügend andere, die von anderswo zusahen (man muss nur an die vielen Engländer denken, die mit den Nazis sympathisierten). Hitlers Sinn für Inszenierungen, für das Theatralische, für das Hochpeitschen der Emotion – er hat es gelernt. Gelernt bei der Kunstform der Oper, dem „Kraftwerk des Gefühls“. Dabei schätzte er durchaus Verdi und Puccini, aber Zentrum seines „Glaubens“ stand von Anfang bis zum Ende das Werk Richard Wagners. Die Musik und die Bühne!

Sebastian Herr geht nun der Biographie Hitlers auf den „musikalischen“ Spuren nach, wobei er zu Recht vermerkt, dass die Fülle an Hitler-Literatur so widersprüchlich ist, dass man über ihn persönlich relativ wenig gesichert weiß. In Linz begann es aber wohl, wo in seiner Kindheit und Jugend eine wahre Wagner-Mode herrschte und sich das verhältnismäßig kleine Theater mit großen Wagner-Aufführungen übernahm – und sie trotzdem auf die Bühne brachte. Ein „Lohengrin“ am Landestheater war die Initialzündung der Begeisterung. Dass viele Wagner-Interpreten damals Juden waren und Hitler sie bewunderte – es ist nur einer von vielen Widersprüchen. Damals wollte der junge Hitler (dem eine Stellung als Postbeamter winkte) noch Künstler werden, ein Leben mit Zeichnen, Malen, Dichten und Theaterbesuchen verbringen, sich selbst als Genie betrachten.

Als Hitler nach Wien kam und an der Hofoper 1906 „Tristan und Isolde“ sah, die legendäre Roller / Mahler-Aufführung, wurde (obwohl er voll den Antisemitismus der „Alldeutschen“ und Wagners teilte) Mahler für ihn ein Ausnahme-Jude, so wie später Max Reinhardt, dem er eine friktionsfreie Emigration ermöglichte – vielleicht aus Dank, weil dessen Art von Theater ihm so gefiel. Mahler starb zu früh, um auf Hitlers Gunst angewiesen zu sein. Leider lehrte ihn seine Bewunderung für diesen Künstler nicht, seinen Antisemitismus zu hinterfragen…

Neben dem Juden Mahler galt auch Franz Lehar bei den Alldeutschen als „jüdisch versippt“, aber das hinderte Hitler nicht daran, sich im Kaiserjubiläums-Stadttheater „Die lustige Witwe“ anzusehen. Seine Vorliebe für die Operette blieb ihm ebenso erhalten wie die blinde Begeisterung für Wagner, der sich später, als der „Künstler“ Hitler zum Politiker mutierte, ideologisch so großartig benützen und ausschlachten ließ. Hitlers hervorragendes Gedächtnis ließ ihn noch Jahre, Jahrzehnte später Details über Aufführungen rekapitulieren, samt Besetzungen und damals erschienenen Kritiken. Er speicherte, was ihm wichtig war.

1908 musste Hitler seine Künstlerträume begraben, er fiel bei der Aufnahmeprüfung an der Wiener Kunstakademie durch. Die Politisierung des Enttäuschten wurde in Wien durch die so mächtigen Antisemiten Schönerer und Lueger (immerhin der Bürgermeister der Stadt) genährt. 1913 zog es ihn nach München, die Kunststadt, eine Wagner-Hochburg, wenn auch von bedeutenden Juden (Bruno Walter) geprägt.

1914 ging er als Freiwilliger in den Krieg. Damals, so behauptete er, sei ein Klavierauszug des „Tristan“ sein kostbarstes Gut gewesen, bei jedem Takt „inszenierte“ er im Kopf, wie es auf der Bühne aussehen sollte. Dem steht die Behauptung entgegen, Hitler habe kaum Noten lesen können. Wieder einer von Tausenden und Abertausenden Widersprüchen rund um seine Person.

Dass der Schöpfer des „Dritten Reichs“ ein Möchtegern-Künstler war, hatte zur Folge, dass– wie der Autor schreibt – dieses Deutschland sich „wie kaum ein anderer Staat der Neuzeit über Kunst und Kultur zu legitimieren“ suchte. „Je mehr in den Kellern gefoltert wurde“, vermerkte Theodor W. Adorno dazu, „umso unerbittlicher wurde darüber gewacht, dass das Dach auf Säulen ruhte.“ Kunst als die Massen emotionalisierendes Pathos, Inszenierung als Staatsprinzip, Pomp zur Vernebelung der Gehirne.

Eine Kulturpolitik, die Deutschland von den jüdischen Künstlern (die einen so gewaltigen Anteil hatten) „reinigte“, Ausschließung jeder Avantgarde (Hitler hasste die „Dissonanzen“, den „erbärmlichen Klang“) zugunsten des retrospektiven Kunstgeschmacks, der Hitlers eigener war – Wagner und Operette. Und Künstler wie Hans Pfitzner, die sich künstlerisch und privat an ihn und die Bewegung anbiederten.

Nun konnte der oberösterreichische Kleinbürger sich vermutlich seinen größten privaten Rollenwunsch erfüllen und als „Führer“ wie ein Kaiser in Bayreuth einrollen, wo er wie ein Kaiser empfangen wurde. Mochte Wagner-Sohn Siegfried auch zu Hitlers Ärger politisch passiv sein, Gattin Winifred machte mit ihrem Enthusiasmus alles wett. Und Hitler war am Ort seiner Sehnsucht, in Bayreuth, bei den Wagner-Vorstellungen, immer berauscht von dieser Musik. Abgesehen davon, dass er Bayreuth finanziell retten konnte, als das Ausbleiben der ausländischen Besucher stark zu  Buche schlug.

Auch gab es innerhalb der „Bewegung“ durchaus Zweifel an Wagner, die nur durch Hitlers persönlichen Enthusiasmus für diesen Komponisten unterschwellig bleiben mussten (die „Sinnlichkeit“ von Wagners Musik galt als verweichlicht, Figuren wie Wotan entsprachen in ihrem Charakter keinem nordischen Götterideal). Einwände, die Hitler nicht trafen. Er, der sich als „Führer“ auch als Schauspieler empfand, wusste genau, was er Wagner zu verdanken hatte, wenn er die Hakenkreuzfahne in genau derselben Pose hielt wie Lohengrin das Schwert…

Renate Wagner

 

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