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SEBASTIAN BOHREN: Op. 2

07.03.2017 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

0889853949724

SEBASTIAN BOHREN: Op. 2
Werke von Hartmann, Mendelssohn, Respighi und Schubert

RCA CD

Der junge Schweizer Geiger Sebastian Bohren stellt mit seiner zweiten, nüchtern betitelten CD seinen ganz besonderen Stellenwert unter den Violinvirtuosen seiner Generation unter Beweis. Wie schon beim Debütalbum »Equal« mit Beethovens Violinkonzert,  sind die vorzüglichen CHAARTS Chamber Aartists wieder mit von der Partie.

Was bei Bohren neben der ungewöhnlichen, aber überzeugenden Programmzusammenstellung frappiert, ist die Teilhabe am Werdensprozess eines uneitlen Musikers, der das Erreichte nie als Absolutes, sondern als „work in progress“ eines Suchenden, als Etappe auf einem persönlichen künstlerischen Weg begreift. Der Zuhörer kann staunend nachhören, wie Bohren etwa beiKarl Amadeus Hartmanns Concerto funebre aus dem Jahr 1939 verschiedenste Bogentechniken auslotet, um die Atmosphäre des „als persönlicher Kontrapunkt zum hysterischen Siegesbild des Polenfeldzugs“ konzipierten Werks am emotional dichtesten zu erfassen. Dem Trauercharakter des Konzerts entsprechend kommen der Bekenntniston der Violine, das Gebethafte dieser düsteren Musik dank Bohrens mutig kompromissloser Lesart erschreckend intensiv zum Ausdruck. Uraufgeführt 1940 in St. Gallen, zitiert das Concerto funebre Wagner ebenso (Tristan) wie barocke Formelemente oder  stampfende Rhythmen à la Shostakovich‘. Auch ein Trauermarsch aus der russischen Revolution 1905 „Unsterbliche Opfer, ihr sinkt dahin“ gehört zum musikalischen Humus der existentiellen musikalischen Auseinandersetzung, die der Solist gegen die Tutti bestreiten muss.

Ganz anders stimmt das die CD einleitende Violinkonzert in D-Moll des 13-jährign Mendelssohn. Hier prävaliert nicht der ernste Bekenntniston, sondern die Forschungsreise eines neugierigen genialen jungen Tonsetzers, die das Verlangen Mendelssohns spiegelt, „zu erfahren, zu lernen, zu prüfen, um der Sache willen weiter zu kommen“, wie das der Theatermann Eduard Devrient so trefflich beschrieben hat. Ein Leitsatz, den sich auch Sebastian Bohren für sich selbst ausgedacht haben könnte.

Die weitere Erkundung geht in Bohrens „Op. 2“ von der neoklassischen Aneignung der antiken Arie ed Danze des italienischen Frühbarocks durch Ottorino Respighi  in dessen Suite Nr. 3bis zu Franz Schuberts Rondo für Violine und Streicher in A-Dur, D. 438. Bei diesem einsätzigen frühen Gelegenheitswerk  mit hausmusikalischem Concertino-Charakter kommt Bohrens Erfahrung als Kammermusiker ein- und ausdrücklich zur Geltung: Das Miteinander im Klang und Artikulation, die stilistische Kongruenz als auch „die Suche nach interpretatorischer Tiefe und einer unaufdringlichen, dennoch starken Aussage“, so wie der Künstler selbst in einem Statement im Booklet beschreibt. Das einende Band aller auf der CD vereinten Kompositionen ist aber letztlich, dass sie eine „Herzensangelegenheit“ des Solisten darstellen.

Bohren spielt ein Instrument von Antonio Stradivari (King George 1710), aus der Sammlung der Stiftung Habisreutinger.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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