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SCHWERIN/ Schlossfestspiele: DIE FLEDERMAUS. Open Air

19.07.2013 | KRITIKEN, Oper

Schwerin / Schlossfestspiele „DIE FLEDERMAUS“ – Open Air – 18.7.2013

 
Foto: Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin

Schwerin ist immer eine Reise wert, ganz besonders im Sommer, wenn die Kübelpflanzen rund ums Schloss, das auf einer Insel im großen Schweriner See thront, wieder aufgestellt und die Blumenrabatten farbenfreudig bepflanzt sind und alle Springbrunnen sprudeln – ein wahrhaft “fürstliches“ Paradies rund um das großherzogliche Schloss, das in einem tausendjährigen Prozess bis zu seiner heutigen Gestalt, bei der u. a. die französischen Renaissance-Schlösser, wie das Schloss Chambord an der Lorie als Vorbild dienten und namhafte Architekten wie G. A. Demmler, G. Semper und G. A. Stüler mitgewirkt haben, entstanden ist, und das als eines der bedeutendsten Bauwerke des Romantischen Historismus in Europa gilt. Nicht zuletzt wegen seiner Magnetwirkung auf die Besucher wird es auch als „Neuschwanstein des Nordens“ bezeichnet. Zusammen mit dem klassizistischen Bau des Museum und dem hübschen Jugendstil-Theater bildet es ein einmaliges städtebauliches Ensemble.

 Vor dieser malerischen Kulisse, finden jedes Jahr die Schweriner Schlossfestspiele statt, bisher zumeist Opern, in diesem Jahr erstmalig eine Operette, was dem hiesigen Publikum sehr entgegenkommt. Nach anfänglicher Flaute wegen schlechten Wetters sind jetzt immer alle knapp 1700 Plätze ausverkauft. Als „Vorprogramm“ hatten Paare aus dem Publikum Gelegenheit, auf der Bühne Wiener und andere Walzer zu tanzen (die meisten davon 50 Plus, die das noch können), was gleich den Kontakt zum Publikum herstellte.

Der Bühnenaufbau (Olaf Grambow) mit Assoziationen zwischen altem Zirkuszelt und plüschigem Vorstadttheater spannt geschickt einen großen Bogen zwischen „Gasse“ (Vorbereitungsraum für die Sänger) und wettergeschütztem Raum für das Orchester, das trotzdem teilweise sichtbar ist, flankiert von zwei großen Stammbuchblümchen-Engeln, die ihre Schatten auf die erst abendsonnen-, dann mondbeschienenen und scheinwerferbeleuchteten Wände warfen.

 Als Erster geht der Dirigent über die Bühne zu „seinem“ Orchester. An diesem Abend war es Johannes Pell, der mit seiner Inspiration die Fäden der Aufführung in der Hand hielt. Mit wienerischem Charme und Tempo bestimmte er mit echt Wiener Charme ein heiteres, sehr flottes Spiel der „Fledermaus“, die entsprechend zügig und kurzweilig nach ihm „über die Bühne ging“.

 Das Orchester, die Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin, die auf ein 450jähriges Bestehen zurückblicken kann, folgte ihm in jeder Phase. Völlig zu Recht kam zum Schlussapplaus auch das gesamte Orchester auf die Bühne und wurde vom Publikum begeistert gefeiert. Es hatte wirklich prächtig gespielt und hätte sich an diesem Abend mit den bedeutendsten Orchestern der Welt durchaus vergleichen können.

 Durch Dirigent und Orchester wurde einfach alles zu einem witzigen, spritzigen Spiel zusammengefügt, auch das, was eigentlich, separat betrachtet, nicht unbedingt dazu angetan gewesen wäre.

 Darüber, dass eine Balletttänzerin in Schwarz, zeitweilig begleitet von drei etwas weniger grazilen Damen in Rot, die u. a. die Rosenhecken-Kulissen in Position bringen, während der Ouvertüre eine „echte“ Fledermaus tanzt (Inszenierung: Peter Dehler), kann man streiten, aber Davina Kramer-Perju bewegte sich so anmutig, mit schönen Sprüngen, guter Körperhaltung und fließenden Bewegungen und zeigte einige so perfekt ausgeführte Figuren, dass man davon sehr angetan sein konnte, obwohl es nicht eigentlich zur Handlung gehört.

 Bereits beim ersten Auftritt des Sängers Alfred (Kerem Kurk) in übertriebenem Outfit (Kostüme: Susanne Richter) à la „italiano“ konnte man nicht verstehen, wieso die wohlerzogene „brave“ Ehefrau Rosalinde dabei schwach werden könnte, er sang öfters mal daneben und „krönte“ seine „Gesangskünste“ noch durch missglücktes Ansingen bekannter Balcanto-Ohrwürmer mit großer Selbstsicherheit, dass man das bestenfalls als Parodie auf einen Sänger verstehen konnte.

 Petra Nadvornik verkörperte die Rosalinde hingegen sehr glaubhaft. Mit viel Erfahrung, angenehmer Stimme und Spieltalent machte sie die Rolle ohne Abstriche zur zentralen Gestalt des Geschehens, wie es sein soll und brachte auch das Flair der Zeit, in der die Operette spielt und auf die die, nicht immer ganz gelungenen, Tournüren der Damenkleider hinweisen sollten, herüber.

 Ihre Stimme und Spiel verbanden sich sehr schön mit der Kammerzofe Adele alias Alexandra Scherrmann, die eine Adele zeigte, wie man sie sich vorstellt. Sie verfügt über allen guten Eigenschaften einer Sängerin. Bei ihr verschmelzen Gesang und Schauspiel zu einer Einheit. Beides wirkt jung, flott und spritzig. Mit leichter, beweglicher, auch ein klein wenig herber Stimme im Gegensatz zur „feinen“ Stimme ihrer „Gnädigen“ präsentierte sie eine charmante, pfiffige Kammerzofe, die die Sympathie des Publikums auf ihre Seite bringt. Beide Frauen ergänzten sich perfekt in Spiel und Gesang und hatten großen Anteil am Gelingen des Abends. Die Dritte im Bunde war Daniela Sieveke, die als Mitglied des Opernchores eine passable Ida abgab.

 Peter Bordings Stimme passte zu seinem Namen als Gabriel von Eisenstein, ein wenig hart, aber passend und gut im Terzett mit Markus Vollberg (Dr. Falke) und Christian Hees (Dr. Blind), die ihrerseits bemüht waren, ihren Rollen viel witziges beizufügen. Sein Spiel war amüsant und geschickt und wirkte nicht aufgesetzt. Gefängnisdirektor Frank (Sebastian Krogel) kam mit vier Uniformierten (die dürfen offenbar in keiner Inszenierung fehlen).

Itziar Lesaka erschien als kleiner Prinz Orlofsky mit „derbem russischem Dialekt“ und ohne jede „Etikette“.

 So klein die Rolle des Ivan ist, Andriy Kulinich machte in seinen kleinen Auftritten mit „echt russischer“, tiefdröhnender Kehlstimme eine Paraderolle daraus und „würzte“ damit die Vorstellung.

 Ein Paradestück lieferte erst recht der Berliner Schauspieler und Publikumsliebling Walter Plathe, der als rheumatisch hinkender, ständig besoffener Schweijk, pardon „Frosch“ nach Schwerin, wo seine erfolgreiche Karriere bei Theater und Fernsehen einst begann, zurückkam. Mit, aus seinem „Lieblingswein“, dem Slibowitz, den er höher als alle anderen „Weine“ schätzt, entspringenden „geistreichen“ Reden und gekonnten aktuellen Anspielungen sorgte er für pausenlose, mitreißende Heiterkeit, keine Kalauer, keine Plattitüden – einfach geistvoller Witz. Sein “Frosch“ hatte Format. Als „Überraschung“ bot er, einwandfrei von zwei Musikern in “Sträflingskleidung“ auf Violine und Klarinette auf der Bühne begleitet, ein Chanson, „nur Worte“, die er „zu Tönen hinzufügt“, wie er bescheiden meinte – aber wie! Da könnte mancher Chansonsänger vor Neid erblassen.

 Ein beachtlich großer Opernchor des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin (Einstudierung: Ulrich Barthel), ergänzt durch die Statisterie, füllte in seinen maskenballartigen Kostümen die Bühne und repräsentierte als Großaufgebot den einstigen Reichtum, den sich heutzutage wegen der drastischen Kürzungen im Kulturbereich kaum noch ein Theater leisten kann.

 Es war ein heiterer, witziger, spritziger Abend ohne Längen, aber vielen gut getimte Szenen, mit viel Witz, wenn auch manchmal etwas plattem, und auch manch „zotiger Einlage“. Das Publikum hier will es so haben. Sie wollen lachen und entspannen, was nur allzu verständlich ist, haben sie doch sonst in dieser wirtschaftlich problematischen Region „nichts zu lachen“. Da amüsiert man sich auch über eingestreute „Verfremdungsmelodien“ wie „Sur le pont d’Avignone“ und den Anfang der „Marseillaise“, wenn sie die beiden als französischer Marquis getarnten Ehrenmänner auf dem Ball des Prinzen Orlofsky anstimmen. Das Regiekonzept ist eigenwillig, aber es geht auf und vor allem, es kommt beim Publikum sehr gut an.

 Ingrid Gerk

 

 

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