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Salzburger Landestheater (Haus für Mozart) RIGOLETTO 28.10.2014

29.10.2014 | KRITIKEN, Oper

Salzburger Landestheater / Haus für Mozart
Giuseppe Verdi  RIGOLETTO
2. Vorstellung am 28.10.2015 (Premiere 25.10.2014)

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Der ausgelassene Hofstaat, Rigoletto (Ivan Iverardi) mit der Totenmaske

 

 Totentanz zu Verdimelodien

Im zeitlichen Abstand von wenigen Wochen findet heuer zwischen dem Salzburger Landestheater und der Wiener Staatsoper quasi ein Bewerb um den Preis der interessanteren Aufführung von Verdis Rigoletto statt. Ersteres hat mit einer Aufführung im Haus für Mozart begonnen, die Wiener ziehen im Dezember nach. Einmal im Jahr steht den Salzburgern das kleine Festspielhaus – so wie das Haus für Mozart vor dem Umbau genannt wurde – zur Verfügung und hat dort schon beachtliche Ergebnisse zu Wege gebracht, wie etwa eine Norma oder Tristan und Isolde. Das Haus am Ring hingegen hatte bisher nur Klassikware für die erste der Opern aus der “Trilogia” geboten, die derzeitige Inszenierung könnte genauso gut noch von der Uraufführung im “La Fenice” in Venedig stammen.

Das berühmte Quartett. Sie verbergen nichts voreinander: Inverardi, Nakamuro, Gura und Birkus (verdeckt)

Das berühmte Quartett. Sie verbergen nichts voreinander: Inverardi, Nakamuro, Gura und Lahaj (verdeckt)

Den Festspielstädtern gelang jedenfalls mit dem Engagement der in Bonn geborenen Amélie Niermeyer nicht nur der Coup, eine sehenswerte und spannende Regiearbeit auf die Bühne gestellt zu bekommen, die Hauptrollensänger trugen auch zu einem hörenswerten Erfolg bei. Viktor Hugo und Francesco Maria Piave wurden jedenfalls beim Wort genommen ohne Verdi Schaden zuzufügen.

Inszeniert hat jedenfalls die in Sidney ausgebildete Regisseurin eine Freilegung des kruden Innenlebens der Figuren: Wenn bisher durch Melodienseligkeit die unglaublich krassen Handlungen der Protagonisten weichgespült wurden, stellt jetzt eine stringente und handfeste Personenregie Mord, Verführung, Hurerei und Kindesmissbrauch dar, die sich im Regierungspalast eines Faschistenführers in Italien der 30er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts abspielen. Von Alexander Müller-Elmau stammt der einfache Bühnenraum mit einem Rund an Türen, der Spielraum steht für ein mehrgeschossiges Haus mit der Auf-und Abtrittsmöglichkeit per Lift, der Phantasie muß man da schon um  Einiges nachhelfen, um die einzelnen Stockwerke, also die Handlungsebenen der einzelnen Szenen, auseinander zu halten. Und Kirsten Dephoff versuchte neben den Kostümen auch mit Masken die wahren Absichten der Hofkamarilla zu verbergen. Die Grundstimmung ist jedenfalls dunkel und düster, trotz der zahlreichen Luster im Stil der Zeit.

Pasolini läßt grüßen, wenn die leichtgekleideten “Damen” unter den Männern landen oder minderjährige Ballerinen oder halbnackte Knaben durch die Halle gezerrt werden. Mitten drinnen der zum Chef der Schwarzhemden mutierte Herzog, ein Herzchen von einem Frauenvernascher: Rame Lahaj, der gebürtige Kosovare, schlank und fesch und mit einem virilen und leicht anspringenden Tenor ausgestattet, dazu auch eine auffallend gute Diktion, die den Liebhaber glaubhaft macht. Seine Art der alles überrumpelnden musikalischen und körperlichen Besitzergreifung wirkt ein wenig wie eine Mischung aus Mario Lanza und Mario del Monaco. Auch Gilda ist anfangs nicht angetan von der Aussicht, vom Herzog so einfach “vernascht” zu werden, wie sie aber seinen Verlockungen im Liebesduett nicht widerstehen kann, das brachte die junge Japanerin Eri Nakamura ganz köstlich über die Rampe. Vom geilen Hofstaat begrapscht und zuletzt als vermeintliche Leiche des Herzogs auch noch vom Hofnarren getreten, muß sie einiges über sich ergehen lassen, dafür läßt sie die Regie ihre Arie ungestört exekutieren und darf ihrem Vater das “Lassiú in cielo, vicino alla madre” aus dem Off singen, unterwegs in den Himmel, die drangsalierte Leiche im Sack erweist sich letztlich zur allgemeinen Erleichterung als Double. Gesanglich war diese Gilda allen Anforderungen der Partie, den Koloraturen, den lyrischen Momenten und in bemerkenswerter Form auch den dramatischeren Ausbrüchen gewachsen.

An der sprichwörtlichen Bettkante: Der Herzog Rame Lahaj mit der Kurzzeitangebetenen Gilda Eri Nakamuro

An der sprichwörtlichen Bettkante: Der Herzog (Rame Lahaj) mit der Kurzzeitliebe Gilda (Eri Nakamuro)

Ivan Inverardi, dem Brescianer Bariton, auch Wienern bekannt durch seine Mitwirkung in Aufführungen der Opernwerkstatt, gelang eine ungemein präsente Leistung, besonders beim “Cortigiani, vil razza dannata” wirkte sein eindringliches Flehen um seine Tochter tatsächlich schon tränenrührend, obwohl er uns ja in der Darstellung als eine fürchterliche Hofschranze und familiär als ein äußerst despotischer Vater entlarvt wurde. Auch stimmlich beeindruckte er und obwohl ihm nicht unbedingt ein weich strömendes Material zur Verfügung steht, konnte er mit Ausdruck und mit gut sitzenden Höhen überzeugen. Seine Leistung mündet in den Höhepunkten des Racheduetts und der Schlussszene, wo er , einerseits durch seine Rache getrieben, andererseits durch sein Selbstmitleid einer späten Reue zu beachtlicher darstellerischen Form aufläuft.

Alexey Birkus empfiehlt sich als Auftragskiller verfügt aber nicht ganz über die fundierte Bassschwärze, die man sich von einem Sparafucile wünscht, während seine Schwester, Tamara Gura, in guten gesanglichen und zur Freude des Tenors auch in dessen guten Händen lag. Die Strapse trug sie gekonnt mit der Pseudoeleganz einer Vorstadthure, die Gräfin Cerprano von Meredith Hoffmann-Thomson stand ihr in ihrem Strapsenoutfit um nichts nach. Einar Th. Gudmundson aber hätte etwas mehr Verfluchungskraft in der Stimme benötigt, trotz seiner sichtbar bluttriefenden Foltererlebnisse. Eine köstliche Type stellte Frances Pappas mit der Giovanna auf die Bühne, immer mit den aufgehaltenen Händen beim Herzog und bei den Cortigani als Doppelverdienerin.

Finale im Selbstmitleid mit Gilda-Double (Iverardi und Nakamura)

Finale im Selbstmitleid mit Gilda-Double (Iverardi und rechts Nakamura)

Seit 2010 ist er erster Kapellmeister im Landestheater: Der Engländer Adrian Kelly. Er fiel durch zeitweilig enormes Tempo auf, Verdis Musik entwickelte den erforderlichen “Sog”, aber viele “Wackler” im Chor gehen wohl auf diese Rechnung, auch so manche Abstimmung zwischen den Gruppen wäre notwendig, da drängen sich manchmal aus dem Bläserbereich zu viele in den Vordergrund. Auch bei den Generalpausen war der Dirigent sehr splendabel, was auch zeitweilig zum Aufbau der Spannung beigetragen hat. Insgesamt wäre da – wie heißt das so schön – Luft nach oben vorhanden.

Zum Schluss viel Applaus vom ausverkauften Haus , dem aber mittendrin durch Fallen des Vorhangs ein eher vorschnelles Ende bereitet wurde.

Fazit: Sehenswerter , beim Text und der Musik beim Wort genommener Verdi mit bemerkenswerten stimmlichen Leistungen.

 

 

Peter Skorepa
MERKEROnline
Fotos: Salzburger Landestheater/Christina Canaval

 

 

 

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