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Salzburger Festspiele (via ORF): JEDERMANN

02.08.2020 | KRITIKEN, Theater


Fotos: Salzburger Festspiele

Salzburger Festspiele (via ORF):
JEDERMANN von Hugo von Hofmannsthal
1. August 2020
Gesendet wurde nicht die Premiere, da diese wetterbedingt in das Festspielhaus übersiedeln musste. Man sah also offenbar die Generalprobe vom Domplatz

Es klingt wie die trivialste aller Bemerkungen, dass hundert Jahre lang sind. Hinzufügen muss man, wie sehr sich die Dinge verändern, verändern müssen, wie sehr sich unser Blick auf Hofmannsthals Werk „Jedermann“ verändert hat. Eines ist jedenfalls klar: Was Hofmannsthal und vor allem Reinhardt, des ernsten Inhalts ungeachtet, planten, war ein „Fest“, ein überwältigendes Theaterereignis. Wir sind heute – und das hat Regisseur Michael Sturminger getan – dabei gelandet, dass der ganze „Jedermann“ von Anfang bis zum Ende wie eine düstere, lahme Trauergesellschaft wirkt. Alles, was der Aufführung einst an Glanz und Farbe innewohnte, wurde auf ein farbloses Grau-in-Grau heruntergeschminkt. Man fragt sich, was eine solche Darbietung noch zur „Cash Cow“ machen kann, wenn das Gebotene so – öde ist.

Es gibt filmische Erinnerungsstückchen der Uraufführung mit Moissi, desgleichen an spätere Aufführungen mit Attila Hörbiger etwa, und periodisch hat man Produktionen aufgezeichnet – nicht leider mit Jürgens und Schell, aber immerhin mit Schröder, Reyer, Brandauer, Tukur, Simonischek, Ofczarek und Obonya in der Titelrolle, was auch ermöglichte, das Fortschreiten, die Entwicklung der Inszenierungen zu betrachten.

Nun ist man also beim glanzlosen Skelett von der Geschichte vom Sterben des reichen Mannes, und man muss dem Hauptdarsteller konzedieren, dass er die Aufführung rettet, und dem Regisseur zumindest zugestehen, dass er darauf geachtet hat, dass die Sprache „gesprochen“ wird. Man mag von Hofmannsthals Knittelversen halten, was man will, sie sind für den großen Raum gedacht, sie formulieren prägnant, man muss sie verstehen. Ausnahmsweise kein „psychologisches“ (oder auch nur unfähiges) Genuschel, sondern Sprache, die ihrerseits auch die Handlung weiter treibt.

Tobias Moretti ist, da man ja „heutige“ Menschen in der ewigen Geschichte vom Sterbenmüssen (da hilft kein Geld und wohl auch kein Herrgott, wenngleich Letzteres hier behauptet wird) sehen will, sicher einer der denkbar glaubwürdigsten Vertreter der Jedermann-Rolle. Er hat Kraft, ohne zu kraftmeiern, er ist überheblich, ohne dass man ihn als besonders unsympathisch empfände, und er schafft die Eiltempo-Entwicklung von Lebensfülle über Verstörtheit, Aufbegehren und letztlich positiver Resignation in jedem Schritt glaubhaft. Dass er dabei eigentlich durch einen Horrofilm geht (die „Werke“, die hier keine „guten“ mehr sind, springen ihn etwa an wie ein monströses Schreckgespenst), macht ihm die Sache nicht leichter. Und die überaus reizlose Ausstattung, das wie ratlos herumstehende Personal auch nicht. Moretti schafft es, über all das hinweg zu spielen. Schade, dass er sich von der Rolle schon wieder verabschiedet. Gut, dass die Leistung dokumentiert ist.

 

Es hat, wenn man es so ausdrücken darf, in den letzten Jahren mit den Buhlschaften nicht so richtig geklappt, was die Damen auch fühlten und meist schnell das Weite suchten. Heuer ist Caroline Peters ein Name, der hohes Interesse weckt, ist sie doch eine der interessantesten und aufregendsten Schauspielerinnen, die das Burgtheater hat (schon vor Kusej übrigens). Dass sie allerdings nicht das Bündel von Sinnlichkeit und Attraktivität sein würde, das manche Dame (Größenordnung Senta Berger oder Veronica Ferres) mitgebracht hat, war auch klar. Und dass sie sich die Rolle auf ihre Persönlichkeit zuschneiden würde, ebenfalls. Mißglückt ist nur ihr erster Auftritt – im Monroe-Kleid ins Mikro „Happy Birthday“ flötend, das ging so peinlich schief, dass man das Schlimmste befürchten musste. Aber dann spielte sie, was sie ist – eine coole Frau von heute, die ihren reichen Freund besucht, da auch nicht viel Wasser macht (Erotik versprüht sie jedenfalls keine) und sich den berühmten „Ab-Tritt“ mit dem lang anhaltenden Schrei kurzerhand schenkt. Sie scheidet gewissermaßen achselzuckend und ungerührt sowieso. Das alles ist sehr interessant, wenngleich nicht das, was man unter einer Buhlschaft versteht. Aber der ganze Abend ist ja auch wahrlich nicht mehr, was man einst unter einem „Jedermann“ verstanden hat…

Wenn man seine Erinnerungen nicht aus dem Kopf bekommt, dann glaubt man fest daran, dass die Nebenrollen des „Jedermann“ früher stets mit der Creme de la Creme des Verfügbaren besetzt waren. Die Zeiten sind vorbei, und wenn man ein Sakrileg begehen darf, dann findet man sogar die große Edith Clever (ja, die Dame ist lebende Theatergeschichte!) als Mutter ziemlich uninteressant, Peter Lohmeyer ist als Tod einfach „Mr. Tattoo“, und angesichts der Teufel, die man schon gesehen hat, bietet Gregor Bloéb schlechtweg eine äußerst schwache Leistung.

Da der „Jedermann“ sich in Salzburg schon furchtbar viel hat gefallen lassen müssen, war ja ein paar Jahre lang sogar der „Glaube“ gestrichen (dramaturgisch undenkbar, aber man kennt ja Regisseure…). Nun ist er wieder da, die unvergessliche Flügelhaube, die einst Helene Thimig trug, ist einem Mönchsgewand gewichen, der Glaube ist männlich geworden, aber es gibt ihn wenigstens, und Falk Rockstroh vertritt ihn mit beeindruckendem Nachdruck. Wenigstens etwas, wenn es auch nicht wirklich viel ist.

Hundert Jahre Salzburger Festspiele, mit dem „Jedermann“ begann’s, und man kann den Namen Max Reinhardt nicht oft genug im Mund führen. Wenn er diese Aufführung sähe, würde ihn wahrscheinlich der Schlag treffen.

Renate Wagner

 

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