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SALZBURG/ Landestheater: ARIODANTE von G.F.Händel – Inzest im kleinbürgerlichen Königshaus. Premiere

28.04.2013 | KRITIKEN, Oper

SALZBURG/ Landestheater: ARIODANTE von G.F.Händel. Inzest im kleinbürgerlichen Königshaus. Premiere 26.4.2013

Georg Friedrich Händels „Ariodante“ in einer ansprechenden musikalischen aber szenisch eigenwilligen Interpretation am Salzburger Landestheater

 Irgendwie schleicht sich sofort Unbehagen ein, als er das erste Mal auftritt: Mit seinen langen, zottigen Haaren, seinem schlurfenden Gang, seiner altertümlichen Jogginghose und seinem Bademantel wirkt er von Anfang an unsympathisch. Von einem edlen, schottischen König keine Spur, eher ein gewalttätiger Familienvater aus dem kleinbürgerlichen Milieu. Bald wird es zur Gewissheit, er hat ein inzestuöses Verhältnis mit seiner Tochter Ginevra. Er geht ihr immer wieder an die Wäsche und begrapscht sie. Einmal zur wunderbaren Ballettmusik stellt er sich in eindeutiger Pose vor sie und sie beginnt mit einem Blow Job. Da wird es dem Publikum zuviel: „Buh“ und „Aufhören“ hört man als wütende Zwischenrufe.

Und das alles ist tatsächlich „Ariodante“ von Georg Friedrich Händel am Salzburger Landestheater. Johannes Schütz, der auch für die Bühne verantwortlich zeichnet, hat „Ariodante“ von Georg Friedrich Händel „modernisiert“ und aus dem aus dem 8. Jahrhundert ins Heute verleg. So lässt er die Geschichte des Ritters Ariodante, Opfer des Intriganten Polinesso um die Gunst von Ginevra von Schottland aber letztlich doch mit Happyend, nicht in einem Palast sondern in einer kleinbürgerlichen, vollgestopften Wohnung spielen. Man sieht viele, kleine Zimmern, ein Schlafzimmer mit Durchsicht auf ein winziges Badezimmer, eine Kochnische mit Kühlschrank und eine steile Treppe in den ersten Stock.

Kaffee wird ständig getrunken aber auch Dosenbier und harte Drinks. Und alle sind irgendwie immer da. Einmal wollen die Männer auch besonders lustig sein. Sie streifen sich Schottenröcke über und hüpfen statt eines Balletts mit Bocksprüngen über die Bühne. Dalinda, hier nicht die Dienerin sondern zu Ginevras Schwester mutiert, strippt, lässt sich fesseln und verführen.

Dem deutschen Regisseur, mit Theaterpreisen wie „Faust“ und „Nestroy“ ausgezeichnet und regelmäßig am Wiener Burgtheater und am Deutschen Theater Berlin anzutreffen, gelingt es zwar recht gut, seine freizügige und drastische Konzeption zu diesem Stoff, dem als Sujet Ariosts „Orlando furioso“ zugrunde liegt, in sich folgerichtig umzusetzen. Wirklich überzeugend ist seine Deutung jedoch nicht. Außerdem gelingt es ihm nicht wirklich, die Figuren richtig zu zeichnen. Dem Publikum hat es schon überhaupt nicht gefallen, es reagiert bei seinem Erscheinen zum Schluss mit einem Buhorkan.

Das vokale Niveau hingegen ist recht hoch: Tamara Gura ist zwar ein wenig viriler und wenig präsenter Ariodante verfügt aber über ein herrliches Timbre und punktet mit der Bravourarie „Scherza infida“. Glasklar kommen ihre Koloraturen ebenso wie bei Karolina Plicková als ideale, schönstimmige Ginevra. Marcell Bakonyi singt sehr kraftvoll und fokussiert den „König“, Mark von Arsdale fällt mit seinem steifen Tenor als Lurcanio ziemlich ab. Katharina Bergrath ist eine unauffällige, etwas intonationsunsichere Dalinda. Den Vogel schießt Nedezhda Karyazina als sehr maskuliner, präsenter flexibler, intrigantischer Polinesso. Gestrichen wurden die Rolle des Odoardo sowie der gesamte Chor. Wie man auch sonst massiv den Rotstift angesetzt hat.

Das nicht immer ganz intonationsreine saubere Mozarteum Orchester Salzburg spielt unter dem Barockspezialisten Christian Curnyn mit heutigen Instrumenten, vibratofreien Streichern, die mit Darmsaiten bespannt sind, mit großem Verve und Vitalität.

Starker Applaus für Dirigent und Sänger und ein Buhorkan für die Regie!

 Helmut Christian Mayer

 

 

 

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