15.8. 2026, Salzburg Großes Festspielhaus Verdi: Messa da Requiem
Ein zyklopischer Gottesbeweis

Riccardo Muti und die Wiener Philharmoniker. Foto: Marco Borrelli/Salzburer Festspiele
Es ist eine lange gelebte Tradition, dass sich am Marienfeiertag der letzte, noch umfassend aktive Maestro im Großen Festspielhaus – zur Krönung der Festspielsaison quasi – gemeinsam mit den Wiener Philharmonikern ein Stelldichein gibt, und dabei nicht kleckert, sondern klotzt, also Großwerke zur Aufführung bringt. So war es diesmal Verdis Messa da Requiem, das unter der Leitung von Riccardo Muti die feiertäglich ausgeruhten Ohren der Festspielhausbesucher erfreute.
Und er lässt von Anfang an keinen Zweifel daran, dass er der letzte Titan unter seinesgleichen ist, der mit immer autoritär-unmissverständlicher Geste, keinesfalls verschämt, Orchester, Chor und Solisten zu ihren Einsätzen und der von ihm gewünschten Dynamik, Phrasierung und Expressivität dirigiert und begleitet.
Dass eine besondere Beziehung zwischen ihm und dem Orchester besteht, ist nicht nur kein Geheimnis, sondern bei jeder Note hör- und fühlbar. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich sein Zugang verändert, früher mit mehr Leichtigkeit, gefühlt schnelleren Tempi, mehr Focus auf den Duktus, jetzt nunmehr stark, dramatisch, ehern, fast zornig, jedenfalls gottesfürchtig, aber doch aufbäumend.
Sein Requiem hebt zart, aber doch getragen an, um dann mit einem fabulösen „Dies irae“ auf den ersten Höhepunkt zuzusteuern, das von Orchester und der Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor, exzellent einstudiert von Ernst Raffelsberger, mit titanischer Wucht auf den Zuhörer einprasselt, so, dass sich dieser vor der Höllenpforte wähnt. Von ähnlicher Kraft das in dieser Intensität wohl noch nie so gehörte „Rex tremendae majestatis“, das ebenfalls auf das Publikum mit apokalyptischen Klängen niedergeht. Es ist zwecklos, sich diesen Momenten entziehen zu wollen. Sie sind wahrhaft für die Ewigkeit.
Natürlich versteht es der Maestro gemeinsam mit den beiden Klangkörpern auch, die leisen, retardierenden Momente auszukosten, zumeist mit ein wenig langsameren als den Hörgewohnheiten entsprechenden Tempi. Ein besonders Highlight des Chores ist das „Sanctus“, das sich mit zunächst fast heiterem Wohlklang aus wenigen klanglichen Farbklecksen zu einem großen Ganzen fügt.
Nun zu den Solisten:

Die polnische Sopranistin Iwona Sobotka, für viele ein vergleichsweise „unbehörtes“ Blatt, bis dato noch nicht auf den ganz großen Bühnen regelmäßig zu Hause, zeigt mit einer sauber geführten, jugendlich-dramatischen Stimme, die in den richtigen Momenten „groß“ wird, allerdings auch zu schönen Diminuendi fähig ist, in ihren Einsätzen insbesondere des ersten Teiles die große Klasse einer aufblühenden, sicheren Sopranstimme. Ihr wichtigster Auftritt, das „Libera me“ gelingt stimmlich tadellos, vielleicht fehlt hier noch ein wenig der scharfe Gegensatz zwischen Innigkeit und Attacke, den dieses Meisterstück vorgibt.
Marianne Crebassa ist dem Festspielpublikum hingegen bestens bekannt, gerne hätte man sie heuer auch wieder als Dorabella und (erstmals) als Charlotte gehört. Ihre wunderschöne, durchaus charakteristische Mezzostimme, ist zu jeglicher Modulation fähig, ihr Anheben zum Duett des „Recordare“ gehört zu den besonderen Highlights dieses Vormittags. Sie überzeugt aber auch dort, wo dünklere Farben gefragt sind. Ihre Leistung wohl insgesamt die rundeste unter den Solisten.
Der Star unter diesen ist zweifelsohne der Klassik-Tausendsassa Michael Spyres, der seine Auftritte in diesem Sommer quer über die Jahrhunderte (Barock, Strauss, Mahler) verteilt. Die außergewöhnliche Schönheit seiner Stimme, seine Musikalität, seine Phrasierungskunst, die Wärme, all dies ist an vielen Stellen schon gelobt worden, und so ist es keine Überraschung, dass sein „Ingemisco“ ein ganz großer Moment wird. Auch bei ihm gibt der Maestro den Takt, jede Phrase vor, atmet förmlich mit – Ganz große Klasse.
Bei diesem exzellenten Trio fällt der aserische Bass Maharram Huseynov, Jahrgang 1995, doch etwas ab. Seine Stimme ist zweifelsohne schön und gut geführt, er ist allerdings kein „schwarzer Bass“, die Tiefen also nicht sehr ausgeprägt, seine beiden Soli „Mors stupedit“ und „Confutatis maledictis“ kommen nicht aus dem Fegefeuer, geschweige denn aus der Hölle.
Ergriffen, aber vor allem überwältigt, das Publikum am Schluss. Klingt so der Himmel oder die Hölle?
Sabine Längle

