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SALZBURG/ Festspiele: DER ROSENKAVALIER

18.08.2014 | KRITIKEN, Oper

SALZBURGER FESTSPIELE – DER ROSENKAVALIER  – 17. August 2014

Ordentliches Repertoire

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Krassimira Stoyanova. Foto Salzburger Festspiele

 Im täglichen Opernbetrieb würde man diesen Rosenkavalier als ordentliche Repertoirevorstellung bezeichnen. Dass es ein von den Premierenkritiken zum „Jahrhundert-Rosenkavalier“ hochgejubeltes Highlight der heurigen Salzburger Festspiele sein sollte, davon war bei der sechsten Aufführung der 8er-Serie wahrlich wenig zu merken. Einzig und allein die in ihrer bisherigen Karriere sträflich unterschätzte Krassimira Stoyanova sang und spielte die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg so berührend, dass einem die Tränen in den Augen standen. Schon im ersten Akt überzeugte sie zutiefst, als sie nach dem Abgang des Barons ins Philosophieren gerät. Wunderbare Legato-Bögen, viel Wärme im Ausdruck, dazu ein Mienenspiel mit gekonnter Mischung aus Melancholie und Sehnsucht. Auch in der Interaktion mit Octavian (von einer nicht gerade in Höchstform befindlichen Sophie Koch gesungen, die Französin hörte man in ihrer Paraderolle schon mit freierer Stimme) holte sie alle Nuancen dieser Partie heraus. Fulminant dominierte sie am Ende das berühmte Terzett und der Jubel für ihre Leistung war mehr als berechtigt.

 Regisseur Harry Kupfer, eben erst 79 Jahre alt geworden, hatte das Libretto von Hugo von Hofmannsthal, das um 1740 spielt, in die Entstehungszeit der Oper – also knapp vor dem 1. Weltkrieg – verfrachtet. Ein Kunstgriff, der aber in keiner Weise überzeugte! Dabei hatte ihm Hans Schavernoch ein ästhetisch wunderbares Bühnenbild geliefert mit Jugendstilmöbel, kühl und nüchtern, sehr gelungen auch die Bildprojektionen (Thomas Reimer) im Hintergrund, welche herrliche Ansichten des Wien des Fin de Siècle zeigten: Hofburg, Barockpaläste, Hochschaubahn mit Riesenrad und Praterwälder. Die Kostüme von Yan Tax schienen aus der Kollektion von Desigual zu stammen und konnten einem nicht in rechte Rosenkavalier-Stimmung bringen. Ja gewiss, Kupfer versteht sein Handwerk was die Personenführung anbelangt, hier sitzt jede Geste. Aber vor allem die Massenszenen ermüden. Am stärksten gelang noch der erste Akt, wenn die ganze Breite des Salzburger Festspielhauses gut ausgenützt wird, aber sonst wird sehr stereotyp ans Werk gegangen. Wie überhaupt der einstige Neuerer Kupfer hier sehr altbacken wirkte: Hedonismus in Reinkultur!

 Aber die Regie hätte noch nicht wirklich gestört, wäre man auf den Wolken der Strauss’schen Melodien geschwebt. Aber da hatte der musikalische Leiter Franz Welser-Möst partout etwas dagegen: Er arbeitete und probte zwar hörbar an vielen Details, die große Linie blieb dem Werk aber versagt. Meist in sehr undifferenzierter Lautstärke (die problematische Akustik von Salzburg führte außerdem dazu, dass auch große Stimmen wie jene von Stoyanova und Koch manchmal untergingen und Textverständlichkeit nur selten gegeben war) forcierte er die Wiener Philharmoniker oft noch zusätzlich. In diesem Umfeld hatten es die Sänger wahrlich nicht leicht. Dennoch gelang es Günther Groissböck einen interessanten Baron Ochs auf Lerchenau auf die Bühne zu bringen. Gewiss wird er in diese Rolle in den nächsten Jahren noch hineinwachsen müssen und auch die tiefen Töne kamen nicht in der Form, die man von berühmteren Vorgängern kennt, aber das Öffnen der Striche in seiner Partie nutzte er, um einen Lebemann darzustellen, dem man schließlich auch das Erkennen der Beziehungskonstellationen beim Finale voll abnimmt. Seinen Bass setzt er dabei höchst kultiviert und geschmeidig ein. Ob man Mojca Erdmann einen Gefallen tat sie als Sophie in diese Produktion zu holen, darf bezweifelt werden. Irgendwie wirkte sie wie ein Fremdkörper, obwohl sie sich engagiert bemühte, das (neue) Frauenrollenbild rüber zu bekommen, aber ihre (eher kleine) Stimme scheint in anderen Partien besser aufgehoben.

Voll punkten konnte hingegen Adrian Eröd als Herr von Faninal, dem Kupfer erfreulicherweise auch viel Augenmerk widmete. Silvana Dussmann war eine nicht allzu präsente Leitmetzerin, Wiebke Lehmkuhl dagegen eine erfreulich muntere Annina. Komplett gegen den Typ besetzt und auch stimmlich sehr fahl wirkte ihr Intrigantenpartner Valzacchi (Rudolf Schasching). Den übrigen Komprimarii wurde inszenierungsmäßig eher wenig Bedeutung geschenkt, so schien es zumindest in der Außenwirkung. Tobias Kehrer ließ als Polizeikommisar stimmlich aufhorchen, die beiden Haushofmeister (Martin Piskorski und Franz Supper) taten dies weniger, der Notar (Dirk Aleschus) erwies sich als imponierende Erscheinung, der Wirt des Praterlokals Lindwurm war der zuverlässige Roman Sadnik. Stefan Pop als Sänger hatte es bei der Orchesterlautstärke nicht leicht sich mit seiner Arie Gehör zu verschaffen. Erwähnenswert auch noch Rupert Grössinger, der dem Leopold ein eigenständiges, aber nie vulgäres Profil gab. Für die ordentliche Choreinstudierung zeichneten Ernst Raffelsberger und Wolfgang Götz (Kinder) verantwortlich.

 Am Ende blieb doch ein schales Gefühl, auch dem Festspielpublikum (das mit dem Werk hörbar nicht so vertraut war, wie aus den Reaktionen erkennbar war) dürften die happigen Kartenpreise diesmal nicht Argument genug dafür gewesen zu sein, eine Galavorstellung erlebt zu haben. Denn nicht einmal fünf Minuten Beifall schienen doch eher dürftig, da erlebt man in Wien bei vergleichsweise günstigeren Preisen und weniger gehypter Vorberichterstattung meist größeren Jubel.

Ernst Kopica

 

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