Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

RUTH BERGHAUS UND PAUL DESSAU

20.01.2019 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Nina Noeske, Matthias Tischer (Hg.)
RUTH BERGHAUS UND PAUL DESSAU
Komponieren – Choreographieren – Inszenieren
In der Reihe: KlangZeiten – Musik, Politik und Gesellschaft,
Band 14
128 Seiten, Böhlau Verlag, 2018

Am Titelbild des Buches schaukelt Herr Puntila an einem großen Leuchter, über einem Tisch von Flaschen, der „Tanz auf dem Aquavit“ – ein wohl bekanntes Bild für alle, die sich über die magere Aktualität hinaus mit dem Theater befassen. Das Bild steht für Brecht, Dessau, Berghaus. Die beiden letzteren waren nicht nur ein Ehepaar, sondern eine eingeschworene Künstlergemeinschaft. Im September 2014 hat eine Tagung in der Universität Salzburg, die sich grundsätzlich „kreativen Gruppenprozessen“ widmen will, nach der Zusammenarbeit von Ruth Berghaus, der „Grande Dame der Regie“, und Paul Dessau“, der „grauen Eminenz des Musiklebens der DDR“, gefragt.

In acht Vorträgen (zwei davon von Herausgeberin Nina Noeske, einer von Herausgeber Matthias Tischer) steht letztendlich Ruth Berghaus im Mittelpunkt – als Tanztheater-Schöpferin, als Regisseurin von Musiktheater mit Schwerpunkt Dessau, schließlich (mit tiefgreifenden Analyse-Versuchen) als Regisseurin überhaupt.

Ruth Berghaus (1927-1996), als „die unkonventionelle, kühne Frau“ (Achim Freyer) charakterisiert, für die politisches Handeln „das Ineinandergreifen von Politik und Kunst“ war, hat Paul Dessau (1894-1979), den um 33 Jahre älteren Komponisten und Brecht-Mitstreiter 1954 geheiratet – sie war 27, er war 60. Sie schätzen einander als Künstler über die Maßen, und ihre Zusammenarbeit setzte Maßstäbe. Sie hat die meisten seiner Opern inszeniert, die letzte noch posthum.

Zwei DDR-Künstler, denen ideologisch nichts vorzuwerfen war (es gibt Texte von Berghaus, wo sie den „Weg des Sozialismus“ zweifellos überzeugt bekräftigt), die es aber dennoch in der DDR nicht immer leicht hatten. Dessaus Musik war nicht eingängig genug. Das Verdikt des Formalismus kam oft, für ihn und die Gattin, und als die Berghaus zu einer Vorreiterin des „Regietheaters“ wurde (sprich einer Inszenierungsform, die aktualisierende Inszenierungen bot und es dem Publikum schwer machte mit dem mehrdimensionales Aufspalten einzelner interpretatorischer Elemente, die dann miteinander in Bezug gesetzt wurden), musste sie sich oft anhören, ihre Arbeiten seien zu verschlüsselt, zu intellektuell.

„Der Bühnenraum ist semantisch geladen bis in den letzten Winkel“, sagte einer ihrer Mitarbeiter. Sie selbst erklärte: „Die Hauptsache ist doch, die heutige Welt darzustellen“ und „Der Text ist eine Übersetzung von Wirklichkeit und keine Abbildung“ und das Theater sei ein „Laboratorium sozialer Phantasie“.

Die DDR bot ihr zwar viele Möglichkeiten (auch, weil Kritiker aus Westberlin zu ihren Arbeiten in den Osten strömten), war aber nicht gänzlich glücklich mit ihr: den geplanten „Ring“ brach man nach „Rheingold“ ab, ihr Wagner-Bild ging den Entscheidungsträgern zu weit…

Ruth Berghaus zuerst, die Schülerin von Gret Palucca, die ihrerseits eine Schülerin von Mary Wigman war: Die verschiedenen Artikel setzen sie in Zusammenhang mit Vorangegangenen und Künftigen (etwa Robert Wilson und Pina Bausch). Zu ihren Tanztheaterschöpfungen, die am Beginn der Überlegungen stehen (Claudia Jeschke über „Körperinszenierungen in der Tanztheater-Kultur der DDR“)  gibt es auch einen persönlichen Eindruck von Gunhild Oberzaucher-Schüller (in ihrem Beitrag „Über den Wandel des Stellenwerts der Musik im Werkverständnis der Choreographin Ruth Berghaus“), die die Berghaus (diese hat ab Mitte der Achtziger Jahre mehrfach in Wien inszeniert) nur aus ihrer Haltung erkannt hat: Tänzerin bis ins Alter hinein…

Die verschiedenen Beiträge befassen sich mit diversen Berghaus-Inszenierungen von Opern ihres Mannes. Was „Die Verurteilung des Lukullus“ von Brecht / Dessau (Autor: Lars Klingberg) betrifft, so hat die Berghaus in diesem Fall nicht die Uraufführung inszeniert, aber immerhin sechs verschiedene Produktionen zwischen 1960 und 1992. Entscheidend war dabei, dass sie bald nach Brechts Tod (1956) vom „Brecht-Modell“ abrückte (was ihr später, als Nachfolgerin von Helene Weigel im Berliner Ensemble, das Genick brach). Aufführungsmodelle waren für sie Zeichen der Zeit, in der etwas entstanden war, aber nichts, was man repetieren sollte.

Die Inszenierung von Brecht / Dessaus „Puntila“ (Autor: Matthias Tischer) 1966 kam durch einen „Glücksfall“ an Ruth Berghaus – denn eigentlich sollte der große Mann der DDR-Kultur, Walter Felsenstein, das Werk an seiner Komischen Oper herausbringen. Er fand aber immer einen Grund, es zu verzögern, was seine Freundschaft mit Dessau zerstörte – aber die Berghaus konnte solcherart die Uraufführung an der Staatsoper Unter den Linden inszenieren. Das Paar Dessau / Berghaus, das in Zeuthen am südöstlichen Stadtrand von Berlin lebte (wo Ruth Berghaus dann auch gestorben ist) war nun als „Einheit einer Lebens- und Künstlerpartnerschaft“ zu verstehen, die laut dem Autor dieses Artikels „die Keimzelle jenes Kreises von Künstlern und Intellektuellen“ darstellte, wo im Haus des Paares „die kreativsten Kreise der DDR einen geschützten Raum im kulturpolitischen Klima der DDR fanden“.

Nina Noeske befasst sich mit der Uraufführung von Dessaus Kurzoper „Leonce und Lena“, die Ruth Berghaus im November 1979, wenige Monate nach seinem Tod, herausbrachte, und die gar kein Erfolg war. Möglicherweise verschwand das Werk nach drei Aufführungen, weil man wohl sehen konnte, dass hier die Parodie auf eine abgelebte Gesellschaft auch Kritik am real existierenden Sozialismus möglich machte…

Gerd Rienäcker fügt in seinem Artikel zu den Dessau-Inszenierungen der Berghaus noch die Kenntnisse von „Lanzelot“ und „Einstein“ hinzu, die als Nebenwerke gelten können. Widersprüche zu entdecken und die Spielvorlage auseinander zu nehmen, blieb die Essenz ihres Inszenierungsprozesses. Auch bei ihren Arbeiten im Westen, die Elaine Kelly in einem englischsprachigen Aufsatz teilweise rekapituliert (mit Schwerpunkt auf Frankfurt, wo sie den „Ring“, den man ihr in der DDR verweigert hatte, nun realisieren konnte). Und noch einmal Nina Noeske und die Berghaus-Inszenierung von „Cornet“ von Siegfried Matthus (1985), einem Werk, das schon in der Rilke-Vorlage in der DDR nicht sehr erwünscht war (weil ungeeignet, den Sozialismus aufzubauen). Wenn Ruth Berghaus in diese Inszenierung wieder in hohem Maße Tänzer – als Traumgeister – eingebaut hat, schließt sich hier der Kreis ihrer künstlerischen Betätigung. (Dass sie eine Badewanne auf die Bühne brachte, hat sich den meisten Betrachtern nicht erschlossen…)

Wie man weiß, ist sie dann im Westen als reisende Regisseurin auch von Sprechtheater-Inszenierungen (u.a. am Wiener Burgtheater) viel beschäftigt gewesen. Vielen Zuschauern mag es so gegangen sein wie Joachim Kaiser bei ihrem Frankfurter „Ring“ (das Zitat stammt nicht aus dem Buch): Er konnte sich absolut nicht auf das Werk konzentrieren, sagte er, weil er immer nur denken musste: „Was wird die Berghaus jetzt machen?“

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken