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Rüdiger Görner: OSKAR KOKOSCHKA

30.10.2019 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Rüdiger Görner:
OSKAR KOKOSCHKA
JAHRHUNDERT-KÜNSTLER
352 Seiten, Paul Zsolnay Verlag, 2019

Oskar Kokoschka, geboren am 1. März 1886 in der niederösterreichischen Kleinstadt Pöchlarn, gestorben am 22. Februar 1980 kurz vor seinem 94. Geburtstag im luxuriösen Schweizerischen Montreux, hatte ein langes, erfolgreiches, wenngleich schon rein von den Ortswechseln her unruhiges Leben hinter sich (Wien, Prag, Berlin, Dresden, ausgedehnte Reisen, Paris, London, schließlich die Schweiz, und im Grunde immer unterwegs). Ein „labyrinthisches“ Leben, das er nichts anderem gewidmet hatte als sich selbst und seiner Kunst – man wird wenige Maler finden, die ihre eigene Person als Modell (mit dem charakteristischen „eckigen“ Kopf) dermaßen manisch umkreist haben. Kokoschka vermochte nahezu alles, nur eines nicht, „von sich selbst abzusehen“, sagt sein Biograph Rüdiger Görner, an sich Literaturprofessor in London, Biograph von Rilke und Trakl. Aber Kokoschka war schließlich auch Dichter.

Biographien sind grundsätzlich ein Problem, das der Autor zu Beginn diskutiert, wobei die Tatsache, dass Kokoschka selbst sein Leben niedergeschrieben hat, den Versuch, ihn von außen zu sehen, keinesfalls obsolet macht. Zumal Kokoschka in hohem Maße Gegenstand von Ausstellungen ist (zuletzt hatte das Leopold Museum eine sensationelle zu bieten), aber seit gut 30 Jahren keine Kokoschka-Biographie mehr erschienen ist.

Allerdings – durch dieses Leben durchzusteigen, ist schwer, gerade seiner Unruhe wegen, was auch dem Autor kaum Gelegenheit gibt, irgendwo zu verweilen. Wie auch, wenn Kokoschka sich selbst als „Augenblicksmensch“ bezeichnet, immer schon wieder woanders. Vom Bürgerschreck und Hungerkünstler, wie Görner es nennt, zum wohlhabenden, hoch bezahlten Welt(en)bürger. Der Künstler mit dem eigenen Stil, der manchmal optisch zu „zerlaufen“ scheint, der aber nie Abstraktion akzeptiert hat. Und der Mann der Extreme, wobei die „Wahnsinns“-Episode mit Alma Mahler und der Bewältigungsversuch durch die „Alma-Puppe“ exzentrisch genug ist, sich ins allgemeine Bewusstsein gebrannt zu haben.

„Wie bei russischen Puppen verschachtelt sich vieles im Leben dieses Künstlers“, sagt Görner, und gewissermaßen wird das auch zum Problem des Buches. Zwar versucht er, der Chronologie von Kokoschkas Leben zu folgen, von der Wiege bis zur Bahre, aber das Ausufern von Themen über lange Perioden, wonach man wieder in frühere Zeiten zurück geführt wird (vom Ersten Weltkrieg landet der Autor innerhalb von zwei Seiten im Jahre 1941 bei seiner Hochzeit mit Olda), macht beim Lesen manchmal schwindlig. Ebenso, wenn Görner zu Seitenthemen mehr erzählt, als für Kokoschka nötig wäre. Auch stellt sich manches leichter, manches schwerer dar: Dass ein junger selbstbewusster Künstler sich selbst als „Oberwildling“ stilisiert, scheint klar. Warum er immer wieder die Orte wechselte, wie das alles auch finanziell lief, das ist nicht immer zu durchschauen. Anderes wird folgerichtig abgehandelt, etwa die Alma-Affäre („beide haben sich wundgeliebt“).

Es gibt bei Kokoschka, wie der Autor selbst am besten weiß, so viel zu erzählen – vom Künstler und seinen Eindrücken, die sich dann umsetzten, wobei der rücksichtslose Expressionist der Jugend zum Staats-Porträtisten wurde; vom verhaltensauffälligen Exzentriker des eigenen Leben (über die Alma-Puppe hinaus); vom hier stark beachteten Autor Kokoschka (sonst fällt er in dieser Hinsicht eher durch den Rost), der auch Ideenlieferant für Komponisten wurde, und vieles mehr. Dann auch der Egozentriker, der mit seiner „Schule des Sehens“ etwas wie pädagogischen Ethos entwickelte. Widersprüche – wie auch anders bei mehr als neun Jahrzehnten eines immer prall gefüllten Lebens. Dabei hat Kokoschka vom 19. Jahrhundert noch viel mitgenommen, bevor er in das 20. eintrat.

Es hätte dem Buch, das nur aus Text besteht, sehr – wirklich sehr – geholfen, wenn man charakteristische Bilder in den Ablauf eingebaut hätte, sowohl Fotos wie Dokumente wie Abbildungen seiner Werke. Es würde die wilde Biographie über das wilde Leben für den Leser  gliedern.

Renate Wagner

 

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