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ROTTERDAM: GERGIEV-FESTIVAL

Rotterdam: Gergiev-Festival Rotterdam – 12. bis 14.9.2014

Finnlands größte Tageszeitung Helsingin Sanomat fühlte sich diesen Sommer berufen, ihre Rezension des Eröffnungskonzert bei VALERY GERGIEVs Musikfestival im finnischen Mikkeli zu übertiteln: „In Mikkeli keine Proteste gegen Gergiev“. Offenbar waren genau diese erwartet worden, hatte doch derselbe Journalist am ersten Festivaltag ein dreiseitiges Interview unter der Ûberschrift „Jetzt spricht Gergiev“ veröffentlicht, in dem dieser sich zu seiner politische Haltung, d. h. der Unterstützung Putins, äußerte und darüber hinaus kritische Worte zur Ankündigung der finnischen Star-Sopranistin Karita Mattila fand, nie wieder unter seiner Stabführung zu singen. Nun, Proteste, gar Demonstrationen fanden auch beim Gergiev-Festival in Rotterdam nicht statt, obwohl die Niederländer den tragischen Tod vieler ihrer Landsleute beim Abschuss eines Flugzeugs über der Ukraine zu beklagen hatten, für den von westlicher Seite Putin und die ukrainischen Separatisten verantwortlich gemacht worden waren. Im Gegenteil, es gab die üblichen stehenden Ovationen für Gergiev, und es war eine schöne Geste des Respekts, wenn nicht sogar der Freundschaft gegenüber dem ehemaligen Chefdirigenten des Rotterdam Philharmonic Orchestras, als die Musiker, selber sitzen bleibend und ihm applaudierend, den Beifall auf Gergiev lenkten.

 Traditionell stand das Festival unter einem Motto, und wenn es in der Vergangenheit nicht immer passend gemacht werden konnte, bestimmte Werke unter einem gemeinsamen Titel zusammenzufassen, so war es diesmal in überzeugender Weise gelungen. In Erinnerung an den Ausbruch des 1. Weltkriegs vor nunmehr 100 Jahren waren Kompositionen gefunden worden, die entweder in dieser Zeit entstanden waren oder mit diesem Ereignis in Zusammenhang standen, wie z. B. Schostakowitschs erst 1961 entstandene 12. Sinfonie mit dem Titel „1917“.

 Wer sich mit Valery Gergievs Programmpolitik einigermaßen auskennt, konnte erstaunt und erfreut feststellen, dass es der Festival-Administration gelungen war, den umtriebigen Maestro zu einigen Novitäten zu bewegen. So standen mit Elgars Pomp & Circumstance Marsch Nr.1, Bartóks Suite aus dem „Hölzernen Prinzen“, Janáčeks Taras Bulba, Myaskovskys Vierter Sinfonie, dem Feuertanz aus de Fallas El amor brujo sowie drei Fragmenten aus Bergs Wozzeck gleich sechs Werke auf dem Programm der drei von Gergiev geleiteten Konzerte, die für ihn vollkommen neu waren, die sogar zum Teil aus musikalischen Regionen wie Spanien, Ungarn und der Slowakei stammten, die nicht gerade zu seinem bisherigen Kernrepertoire gehörten. Das hervorragende Rotterdamer Orchester mit seinem herrlich dunkel grundierten Klang machte es Gergiev leicht, auch in diesen für ihn neuen Stücken zu seinem Stil zu finden, unabhängig davon, ob man – seinen eigenen Hörgewohnheiten folgend – etwa bei Bartók oder Janáček fehlendes Nationalkolorit monierte. Mit der Pianistin YEOL EUM SON hatte er die 2. Preisträgerin des letzten Tschaikowsky-Wettbewerbs mitgebracht, dessen Vorsitzender er war, und es war bestechend, wie diese junge Dame alle Schwierigkeiten des damit gespickten Ravel’schen Klavierkonzerts für die linke Hand meisterte, als ob ihr für diesen vertrackten Part zwei Hände zur Verfügung stünden. Trotz dieser großartigen Leistung wird für mich die Interpretation der georgischen Geigerin LISA BATIASHVILI von Prokofjews 1. Violinkonzert in unauslöschlicher Erinnerung bleiben. Mit bis zum Äussersten zurückgenommenem betörend-klangschönen Ton zwang sie Gergiev, sich auf dieses Pianissimo einzulassen, und obwohl dieser dafür berüchtigt ist, Solistenkonzerten bei Proben nur wenig Zeit zu lassen, erwies er sich als idealer Begleiter, so dass es zu einer bezwingenden Partnerschaft kam. Für den tosenden Applaus des begeisterten Publikums bedankte sich die junge Georgierin mit einer Zugabe, dem Requiem für die Ukraine des georgisch-ukrainischen Komponisten Igor Loboda, und bewies damit, dass es durchaus möglich ist, politisch Farbe zu bekennen und trotzdem mit Gergiev zu konzertieren.

 Um die Leistung des Mariinsky-Orchesters, das das dritte Konzert am 14.9. bestritt, genügend zu würdigen, sollte man sich den Tagesablauf der Musiker vor Augen halten. Sie standen am Tag des Konzerts um 4 Uhr morgens zu Hause in St. Petersburg auf, flogen von dort nach Moskau, von Moskau in zwei Gruppen nach Brüssel bzw. Amsterdam, wo sie mit Bussen abgeholt wurden. Da der Brüssel-Bus am Flughafen zusammenbrach und die Musiker somit verspätet in Rotterdam eintrafen, kam es somit zu dem ungewohnten Ereignis, dass der zur Probe bereite Gergiev auf das Orchester warten musste, und nicht – wie sonst die Regel – das Orchester auf ihn. Nach Einnahme eines kleinen Imbisses ging es dann zu einer 1 ½ -stündigen Probe, wobei man das Wort Probe nicht allzu wörtlich nehmen sollte. Die 12. Sinfonie von Schostakowitsch (obwohl nicht zum Kernrepertoire gehörend) wurde gar nicht geprobt, die anderen Stücke (de Falla und Berg waren neu) wurden nur ohne Unterbrechung durchgespielt. Nach dem 2 ½-stündigen Konzert ging es dann via Brüssel / Amsterdam, via Moskau wieder zurück nach St. Petersburg. Ankunftszeit dort: am frühen Morgen!!! Und trotz dieser Anstrengungen war den Musikern, für die ein solcher Ausflug zum Alltag gehört, keine Müdigkeit anzumerken. Das Orchester, etwa zur Hälfte mit jungen Musikern bestückt, die erst seit einem Jahr zum Mariinsky gehören (durch die 2013 eröffnete neue Bühne musste das Orchester auf 300 Musiker aufgestockt werden!!), spielte mit dem gewohnten Totalengagement und einer in allen Gruppen stupenden Klangqualität, überwältigend natürlich beim Schostakowitsch mit seinen Klangeruptionen, doch ebenso bewegend in den von der Sopranistin ANGELA DENOKE eindrucksvoll gestalteten Wozzeck-Bruchstücken.

Sune Manninen

 

Sune Manninen

 

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