ROSSINI IN WILDBAD 2025 /
„OTELLO“ konzertant
26.Juli 2025
Moderne Erstaufführung der kompletten römischen Fassung mit Lieto fine
ls Rossinis Vertonung des berühmten Shakespeare Dramas 2008 in Bad Wildbad szenisch gespielt und auch auf Tonträgern festgehalten wurde (heute eine Reverenz-Aufnahme mit Michael Spyres und Jessica Pratt), ging es um die dem Dichter entsprechende erste Fassung. Jetzt sollte endlich auch die zweite, 1820 für Rom entstandene Version vorgestellt werden, die aus Zensurgründen ein glückliches Ende für Otello und Desdemona finden musste. Nach unseren heutigen Betrachtungen passt eine glückliche Vereinigung nicht zu den beiden, doch Rossini veränderte nicht nur den Schluss des Werkes mit einer rechtzeitigen Aufklärung von Jagos böser Intrige, sondern passte auch die vorangehenden Akte einer neuen Dramaturgie an, in der Desdemona nicht von Todesahnungen befallen ist. Dafür wurden einzelne Musiknummern gestrichen, durch andere ersetzt oder gar neu komponiert. Wie es der Komponist öfter getan hatte, bediente er sich dabei der Umgestaltung einiger Stücke aus seinem eigenen Oeuvre, hier aus „Tancredi“, „Elisabetta, regina d’Inghilterra“, „Armida“ und „Ricciardo e Zoraide“. Es gibt wohl auf CD dokumentierte Aufführungen, die den dadurch veränderten dritten Akt, aber letztlich nicht die komplette Umarbeitung berücksichtigen. Somit handelt es sich hier um die moderne Erstaufführung der insgesamt ca. eine halbe Stunde mehr Musik enthaltenden römischen Fassung.
Ein Vergleich mit Verdis Vertonung verbietet sich von selbst. Nicht nur, weil dieser zeitbedingt über fortschrittlichere Ausdrucksmittel verfügte und mit Arrigo Boito einen genialen Librettisten als Partner hatte, vielmehr auch weil der Pesareser einen anderen Handlungs-Schwerpunkt legte und das Gewicht verstärkt auf Desdemona gerichtet ist, deren Ehe mit Otello noch nicht vollzogen, sondern von ihrem Vater aus rassistischen Gründen abgelehnt und sie darob sogar verflucht wird. Auf der anderen Seite ist Jagos Rolle schwächer ausgeprägt und keine Hauptfigur, auch wenn seine Intrige (hier ist es eine Haarlocke anstatt eines Taschentuches) wesentliche Ursache des Handlungsablaufes ist.
Musikalisch ist Rossinis Arbeit nicht minder anspruchsvoll, eher virtuoser. Dieser Herausforderung wollte sich Francesco Meli stellen, nachdem er sich bereits Verdis Titelfigur erarbeitet hatte. Deren schwerer dramatischer Aplomb ist hörbar erprobt und gleich beim ersten Auftritt zu vernehmen. Sein entsprechend fülliger, gut fundamentierter Tenor mit zwischen hell und dunkel liegender Klangfärbung setzt durchweg klare Akzente im Vortrag und erzielt seine Interpretation ganz aus der musikalischen Phrasierung. Melis Einsatz hat rollendeckendes Gewicht und kommt ganz ohne Kraftmeierei oder Stemmen in den Höhen aus. Nur die eine oder andere Differenzierung mehr wäre noch denkbar.
In der Publikumsgunst gleichauf stand Diana Haller, die im Zuge ihres gleichzeitig bedauerlichen wie vielversprechenden Fachwechsels zum Sopran mit heller gewordenem Timbre Desdemona als Lichtfigur erlebbar macht, auch wenn sie allen Kummer und Ängste mitschwingen lässt. Die überaus gipfelreich angelegte Partie kostet sie bis in den letzten Winkel in Tiefe und durchdringend voll ausgesungenen Spitzen richtig aus, setzt einen Höhepunkt an den nächsten in atemtechnischer Brillanz bei gleichzeitig subtiler Interpretation.
Rodrigo (so heißt hier Cassio) ist aufgewertet und zählt zu den Parts, von denen Rossini eine extreme Tessitura fordert. Juan de Dios Mateos schmeichelt als Liebhaber nicht unbedingt mit attraktiver Klangfarbe, aber die Qualität nimmt interessanterweise zu je höher die Töne aufsteigen, so dass die leicht erreichten Stratosphären-Lagen sich wie ein Spaziergang ausnehmen.
Anle Gou verfügt im Vergleich über den kultiviert klangvolleren Tenor, besticht durch Tongebung ganz auf Linie und auffallende Präzision, doch fehlen ihm für Jago die expressiven Zwischentöne und das Profil.
Neben dem Hauptpaar ersang sich die junge Südtirolerin Verena Kronbichler Begeisterung für ihre mit blühend lichtem Mezzosopran und tiefer Einfühlsamkeit auch im konzertanten Rahmen Mitgefühl erzielende Emilia. Wie schon in Poniatowskis Oper umriss Nathanael Tavernier hier als Desdemonas Vater Elmiro dessen Hass und Unerbittlichkeit mit majestätisch sonorem und profund durchgebildetem Bass. Davide Zaccherini steuerte für die beiden Kurzauftritte des Dogen einen schmelzend reizvollen Tenor bei.
Die Herren des Philharmonischen Chores aus Krakau konnten sich nicht immer ideal durchsetzen, da wären doch ein paar Stimmen mehr angebracht gewesen. Das Orchester wiederum musste sich kurzfristig auf einen anderen Dirigenten – Nicola Pascoli als Ersatz für den erkrankten MD Antonino Fogliani einstellen und agierte wendig in den schnellen Streicherläufen, im Einstreuen der Bläser-Fiorituren und nicht zuletzt im Zusammenklang. Der Maestro stellte sich jederzeit auf die Solisten ein, konnte aber auch mit den MusikerInnen gestalten und dem instrumentalen Gewand eine Spannung geben, die sich im zweiten und letzten Akt deutlich steigerte.
Bravo-Chöre feierten Melis und Hallers Debuts gebührend, alle anderen wurden in den Jubel mehr oder weniger einbezogen.
Udo Klebes

