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Rose / Sichtermann: HELENA RUBINSTEIN

25.08.2020 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Ingo Rose / Barbara Sichtermann
AUGEN, DIE IM DUNKELN LEUCHTEN
HELENA RUBINSTEIN
Eine Biographie
318 Seiten, Verlag Kremayr & Scheriau, 2020

Ihr Name überstrahlt den ihrer (von ihr innig gehassten) Konkurrentinnen Elizabeth Arden und Estée Lauder: Obwohl es „Helena Rubinstein“ als Konzern und Weltmacht nicht mehr gibt (nach ihrem Tod zerbröckelte das Unternehmen, das so sehr auf ihre Persönlichkeit gebaut war), die „Marke“ ist unvergänglich. Wer Kosmetik sagt, denkt an sie. Wie unvorstellbar hart sie dafür gearbeitet hat, das ist in der Biographie von Ingo Rose und Barbara Sichtermann bemerkenswert genau und auch bemerkenswert kurzweilig nachzulesen.

Man muss zugeben, dass es wenige so erstaunliche Erfolgsgeschichten gibt. Denn was hatte eine Chaja Rubinstein, geboren 1870 im Judenviertel von Krakau, schon zu erwarten? Nach ihr kamen noch sieben Schwestern, die am Leben blieben, vier Brüder, die zum Schmerz der Mutter starben. Der Vater war ein untüchtiger Geschäftsmann, der die Nase lieber in die Bücher steckte, und die Mutter hatte die einzige Ambition, die eine jüdische Mame mit einer Töchterschar haben konnte: Alle gut zu verheiraten. Und weil Chaja die Älteste war (und man von ihr übrigens auch mehr Arbeit verlangte als von den anderen), sollte sie als Erste heiraten.

Genau das wollte sie nicht, und wenn sich die Geschichte der Helena Rubinstein (den Vornamen gab sie sich selbst) schrittweise entwickelte – ihr Verweigern eines jüdischen Frauenschicksals unter der Macht des Mannes, ohne Selbstbestimmung, war einer der ersten Schritte. Als sie einmal für den Vater nach Lemberg fuhr, um für ihn Verhandlungen zu führen, muss sie das „kaufmännische“ Fieber, das sie lebenslang umtrieb, gepackt haben. Und dann entschloss sie sich, aus der Enge von Warschau wegzugehen, was überaus mutig war…

Dieses Leben ist zu vielschichtig und auch im vollsten Wortsinn zu „bewegt“ (Helena Rubinstein verbrachte einen guten Teil ihres Lebens „unterwegs“, und das nicht nur zwischen Ländern, sondern Kontinenten, auf Schiffen, in Zügen, in Flugzeugen), um es im Detail nach zu erzählen. Auch wenn in Wien eine Tante lebte, war es ein kühner Schritt, allein dorthin zu fahren, die Sprache würde sie schon lernen. Mit 24 stand sie im Pelzgeschäft der Verwandten und erwies sich als geborene Verkäuferin. Zwei Jahre später nahm sie allein (damals undenkbar für eine Frau) die dreimonatige Reise nach Australien auf sich, Englisch als nächste zu lernende Sprache stand an, wo zwei ihrer Onkel lebten – allerdings nicht als reiche Kaufleute, sondern als Schafzüchter.

Es kann nicht nur Legende sein, dass sie in dem Kontinent, wo die Sonne gnadenlos herunterprasselte, mit ihrem wunderbaren schneeweißen Teint den Neid der hautverbrannten Frauen errang – und dass die Salbe, die ihre Mutter ihr mitgegeben hatte, sich als Gesichtscreme wie toll verkaufte. (Die streng geheim gehaltene, mystische Formel bestand übrigens nur aus simplen Produkten, ganz ohne Geheimnis…)Das ist aber nur der Anfang, entscheidend ist, was man aus einer Ausgangssituation macht. Der Weg von solchen Beginn zu einem Weltimperium war lang und nur durch die Arbeitswut und Entschlossenheit dieser Frau zu erklären. Sie lernte, was sie an Chemie und Botanik, Dermatologie und dem „Mixen“ ihrer Essenzen nur lernen konnte, und sie wusste von Anfang an, dass ein teures Produkt begehrenswerter war als ein billiges. Nein, billig war sie nie – schon nicht, als sie 1902 in Melbourne ihren ersten Salon eröffnete.

Die Biographie spürt dem Weg der Helena Rubinstein und ihrem ungeheuren Mut im Detail nach, wobei sie nach und nach fast alle ihre Schwestern im Dienst ihrer Läden rekrutierte (sie glaubte an „Familie“). Sie gab sich gleicherweise die Aura „wissenschaftlich entwickelter“ Hochklasse-Produkte, wie sie auch wusste, dass man alles mit Luxus verbrämen musste, um hohe Summen zu verlangen. Sie erkannte ebenso, das sie ihre Produkte mit großen Namen verbinden musste (in Australien war es die Sängerin Nellie Melba), um das Marketing wirksam zu machen… Sie lernte alles, konnte alles, machte alles. Man kann sagen, dass sie die „Schönheitsindustrie“ erfand. Und auch durchaus an dem Bewusstseinswandel, an der „Emanzipation“ der Frau zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert mitwirkte (wenngleich die Autoren im Nachwort meinen, dass man heute, in der geänderten Betrachtungsweise, „schminken“ und die Jagd nach „Schönheit“ als Versklavung der Frau zum Lustobjekt der Männerwelt betrachten kann).

Helena Rubinstein, die sich wirklich um alles kümmerte und dann auch, als gnadenloser Kontrollfreak, alles überwachte, verdiente schon in Australien ein Vermögen, aber sie wollte immer mehr. 35jährig fand sie erstmals Zeit für Privates – Edward W. Titus, der eigentlich „Ameisen“ hieß, ihr Jahrgang war und auch aus Krakau stammte, war ein künstlerischer Allround-Tänzer (späterer Höhepunkt seiner vielen Unternehmungen: Er verlegte als Erster „Lady Chatterley“), aber dann nach der Hochzeit 1908 doch nicht der ideale Gatte, der im Geschäft geholfen hätte. Helena bekam in reiferen Jahren noch zwei Söhne, Roy, geboren 1909, und Horace, geboren 1912, aber sie hat sich nie viel um sie gekümmert. Sie war von der Arbeit, mehr noch vom „Geschäft“ besessen. Wenn der Gatte sie wieder einmal betrog, kaufte sie sich wütend Perlen. An Geld hat es ihr nie gemangelt.

Nicht, als sie in London Fuß fasste und einen Salon eröffnete, nicht, als sie Paris eroberte und Frankreich bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zu ihrer Zentrale erhob. Überall umgab sie der Luxus unglaublicher Häuser, die sie kaufte, exquisitester Mode, die sie trug, und kostbarster Bilder, die sie erwarb. Sie galt als große Kunstsammlerin, obwohl man unter vorgehaltener Hand sagte, dass sie die Maler gar nicht unterscheiden konnte… Und sie bewegte sich inmitten der High Society und der glanzvollen Künstlerszene.

Nach New York war sie erstmals 1914 gekommen, Amerika war schließlich ein riesiger Markt, und sie eroberte mit ihrer immer größeren Palette von Luxusprodukten auch diesen. Dass sie dort Elizabeth Arden bekämpfen musste, die bereits Platzhirsch war, trieb ihre Kampfeslust nur an. Die Frau, die immerzu ans Geschäft dachte, konnte diese Besessenheit bis zum Ende nicht ablegen – und sie war 95, als sie starb…

Bis dahin passierte noch vieles, ihre Ehe mit einem undurchsichtigen georgischen Prinzen namens Artchil Gourielli-Tchkonia, 25 Jahre jünger als sie, der „Madame“, wie sie allgemein genannte wurde, zur „Princesse“ machte, was ihr sehr schmeichelte (besonders angesichts der ärmlichen Verhältnisse, aus denen sie kam). Geschäftlich machte sie den Fehler ihres Lebens, ihr amerikanisches Imperium an Lehman Brothers zu verkaufen, die ihre Luxusware in Ramschkaufhäusern anbot – sie hat sich selbst wieder geschickt zurück gekauft (und auch dabei ein Vermögen gemacht). Der Krieg, den sie in den USA überlebte, stellte sie nach der Rückkehr nach Europa vor die Trümmer ihrer Besitztümer, aber „Madame“ hat nie aufgegeben.

Am Ende hat sie noch jahrelang ihren irischen „Begleiter“ Patrick O’Higgins gnadenlos um die Welt gehetzt. Und schon eine Zeit davor hat diese Helena, die als junges, entschlossenes Mädchen so bewundernswert war, die Sympathie ihrer Umwelt (und auch der Leser) verloren – man begegnet einer herrischen Gebieterin, die ihre Macht vielfach missbraucht hat, schlecht bezahlte, zu anderen geizig war, wenn sie selbst nicht genug anhäufen konnte, und ihre Exzentrik geradezu lustvoll zelebrierte… Was soll’s. Etwas Besonderes war sie jedenfalls.

Die Autoren konnten sich auf zahlreiche Biographien über Helena Rubinstein stützen, auch auf den bemerkenswerten Katalog, den das Jüdische Museum in Wien zu seiner Helena Rubinstein-Ausstellung 2017 erstellte. Weiters Helenas eigene Memoiren, die wissentlich voll falscher Angaben sind (sie pflegte einen selbst gestrickten Mythos), und als unmittelbarster aller Augenzeugenbericht die Erinnerungen ihres letzten „Sekretärs“ Patrick O’Higgins. Auch in den Memoiren ihrer Zeitgenossin Misia Sert, der Muse von Paris, kommt sie vor.

Das Buch bringt Fakten, wenn auch etwas süffiger als eine „normale“ (sprich: trockene) Biographie es täte („Er fand, dass es jetzt an der Zeit sei, die schöne Helena zu küssen“, würde man als Satz eher in einem kitschigen Frauenroman vermuten), Zitate aus Helenas Autobiographie werden durch Kursivschrift kenntlich – aber woher die vielen Passagen in direkter Rede kommen, die das Buch dann in die Nähe eines historischen Romans rücken, das bleibt unklar.

Da aber von Anfang an der absolut lockere Erzählton angeschlagen ist, wirkt dieses Konglomerat einer „Romanbiographie“ letztendlich einigermaßen überzeugend, und man kommt Helena Rubinstein auf der faktischen und sehr auch auf der emotionalen Ebene nahe. Abgesehen davon, dass dieses Buch über eine schaurig-originelle Frau auch ein Lesevergnügen ist.

Renate Wagner

 

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