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Robert-Tarek Fischer: WILHELM I.

16.11.2020 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Robert-Tarek Fischer
WILHELM I.
Vom preußischen König zum ersten Deutschen Kaiser
404 Seiten, Verlag Böhlau, 2020

Wer „Wilhelm“ sagt und einen deutschen Kaiser meint, der denkt an den „Zwoten“, Wilhelm II, der berühmt-berüchtigte Enkel des „Ersten“, von dem man wenig weiß. War das nicht die Marionette, die Bismarck einfach „machen“ ließ? Robert-Tarek Fischer, österreichischer Historiker, der schon das Schicksal von Richard Löwenherz so anschaulich nacherzählt hat, berichtet im Vorwort, was er erlebte, als er in Kollegenkreisen verkündete, er schreibe über Wilhelm I.: „Aber gibt der genug für ein ganzes Buch her?“ Er tut es, und es erweist sich als hoch interessantes und auch durch und durch ungewöhnliches Schicksal.

Ein zweitgeborener Hohenzollern-Prinz, die sind oft nur als „Reserve“ gedacht – und doch, die Geschichte zeigt es, sind solche Zweitgeborene immer wieder ins Zentrum gerückt. Wilhelm, geboren am 22. März 1797 in Berlin, war der Sohn des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm III. (seinerseits ein Großneffe des legendären Friedrich II.) und jener Königin Luise, die schon zu ihren Lebzeiten als Lichtgestalt erschien, wie erst nach ihrem frühen Tod. Wilhelm war ein schwächliches Kind, das diese Schwäche nicht zuletzt durch seine Vorliebe für das Militärische entschlossen überwand – am Ende war er 1,88 groß und kräftig, ein Soldat bis in die Fingerspitzen, und das lebenslang. Noch als Uralten sah man ihn stets in Uniform, und sein unermüdliches Befassen mit Armee-Belangen hat wohl auch entscheidend zu Preußens Machtaufstieg beigetragen: Es haben, darüber sind sich Historiker einig, die auf Wilhelms Initiative eingeführten Zündnadelgewehre der Preußen entscheidend zum Sieg über die Österreicher 1866 bei Königgrätz beigetragen.

Wilhelms Jugend wurde durch die Napoleonischen Kriege bestimmt, die Preußen schwere Niederlangen eintrugen und ihn in vieler Hinsicht geprägt haben – Russland war für ihn der „Verbündete“ (seine Lieblingsschwester Charlotte heiratete den Großfürsten Nikolaus und wurde an dessen Seite Zarin) , die Franzosen die „Feinde“, die Armee das Element, auf dem das Königtum (das er lange als „absolut“ verstand) bauen musste.

Aber lange, sehr lange Zeit befand sich Wilhelm einfach in Wartestellung hinter seinem Bruder, mit dem er sich lebenslang nicht wirklich verstand – aber als dessen Nachfolger er früh feststand (weil dieser in seiner Ehe mit Elisabeth von Bayern keine Kinder hatte). Wilhelm heiratete, seine große Liebe Elisa Radziwill schmerzerfüllt zurück lassend, die intelligente, ambitionierte, liberale, aber auch sehr schwierige Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach, mit der er zwei Kinder hatte – Friedrich sollte, an Kehlkopfkrebs erkrankt, nach ihm nur 99 Tage regieren und dann den Weg für seinen Sohn, Wilhelm II. freimachen. Tochter Luise heiratete den Großherzog von Baden. Und der Autor lässt sich durchaus auf die private Geschichte Wilhelms ein, der viele gute und einige weniger gute Eigenschaften hatte, die sich allerdings „abschliffen“. Der hochmütige Scharfmacher, der er in seiner Jugend war, ist er nicht geblieben.

Vor allem aber ist es eine politische (und militärische) Geschichte, die hier erzählt werden muss. Wilhelm war ein Mann, der den Großteil des 19. Jahrhunderts mit all seinen Wechselfällen erlebte – und als Mitglied einer Herrscherfamilie aus erster Hand. Nachdem der Fall Napoleon erledigt war, begannen schon 1830 die Unruhen in ganz Europa. 1848 war Wilhelm, der als nun offiziell anerkannter Thronfolger den Titel „Prinz von Preußen“ trug (sein Bruder hatte nach dem Tod des Vaters 1840 als Friedrich Wilhelm IV. den Preußenthron bestiegen), der Mann, der den Einsatz von Kartäschen gegen die Aufständischen genehmigt hatte, der „Sündenbock“ der Revolution, der einige Zeit nach England fliehen musste.

Der Autor zeichnet nach, dass Wilhelm (im Gegensatz zu anderen Hohenzollern, voran seinem Enkel) kein „Sturkopf“ war, sondern zu Erkenntnissen und zu Umdenken fähig. Und als sein Bruder 1861 starb, folgte Wilhelm ihm als preußischer König nach. Er war damals über 60 Jahre alt und erwartete im Grunde nicht mehr viel vom Leben. Es ist ein singulärer Fall in der Geschichte, dass ein Mann dieses Alters fast noch ein Drittel seines Lebens vor sich hat – und dass sich in dieser Zeit hoch dramatische Ereignisse ballten, die den preußischen König zum ersten Deutschen Kaiser machten und das daraufhin „geeinte“ Deutschland zu einer Großmacht in Europa, sowohl auf Kosten der Habsburger Monarchie (Franz Joseph, Jahrzehnte jünger als Wilhelm, hatte viele Kriege auszutragen – und verlor sie) wie auch der Franzosen (Napoleon III. konnte seine Machtansprüche nicht durchkämpfen).

Freilich, als Wilhelm 1871 (ausgerechnet im besiegten Frankreich, in Versailles) zum Deutschen Kaiser ernannt wurde, hatte er viel erreicht, denn ohne dieses „Kaiserreich“ (an dessen Entstehung Otto von Bismarck entscheidend beteiligt war) gäbe es „Deutschland“ heute nicht. Aber er war durch und durch Preuße – und dieses Preußen ist in das neue Kaiserreich aufgegangen und nach und nach verschwunden, zum historischen Begriff geworden.

Das hat „Kaiser Wilhelm“ gesehen und bedauert. Ebenso, wie er wohl noch gefühlt hat, den Kampf um den Enkel Wilhelm (später „der Zweite“) verloren zu haben, der nichts von den liberalen Ansichten, zu denen der Großvater sich durchrang, übernahm – und nach Wilhelms Tod (9. März 1888) fast umweglos an die Macht kam.

Robert-Tarek Fischer will Wilhelm I. seine Bedeutung geben, was ihm voll gelingt, aber er will ihn nicht beschönigen: Die Militarisierung Deutschlands etwa geht auf den Kaiser zurück. Der als alter Mann dann so beliebt und bewundert war wie (bei Teilen der Bevölkerung) später der alte Franz Joseph. Den Beinamen „Wilhelm der Große“, den Wilhelm II. für den Großvater postulierte, haben weder Historiker noch das Volk übernommen. Doch dieses sang: „Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm wieder haben“….

Renate Wagner

 

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