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RICHARD WAGNER: PARSIFAL

14.05.2017 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

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RICHARD WAGNER: PARSIFAL – The Hallé, Sir Mark Elder, HLD 4 CDs

Das orchestrale Wagner-Wunder aus England; live BBC Proms 25.8.2013

Veröffentlichung: 2. Juni

Seit 2000 ist Sir Mark Elder Chefdirigent des Hallé Orchestra in Manchester, mit dem er regelmäßig bei den Londoner Proms auftritt, so auch 2013 mit einer gefeierten konzertanten Aufführung von Wagners „Parsifal“. Diese Aufführung erscheint nun auf Tonträgern. Ein ungeheurer Trumpf für Orchester und Dirigent, ein starker Gesamteindruck  trotz einer sehr durchwachsenen Sängerbesetzung. Als erster Engländer dirigierte Sir Mark Elder 1981 übrigens auch bei den Bayreuther Festspielen, er leitete damals eine Aufführung von Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“.

Selten habe ich eine so stimmungsvolle Wagner-Aufführung  mit so einer leuchtenden instrumentalen Aura gehört wie diesen Parsifal aus London mit dem Luxusklangkörper aus Manchester und den Chormassen des Royal Opera House, des Hallé Youth Choir und des Trinity Boys Choir. Sir Mark Elder gelingt es wie kaum einem Dirigenten nach Knappertsbusch, spirituelles Fluidum mit romantischem Schönklang, präzise Übergänge zu elegischen Legati mit Höhepunkten dramatischer Wucht zu vereinen. Wie aus einem Guss gelingt die Gesamtdramaturgie der Tempi, spannt sich der musikalische Bogen von der ersten Note an bis zum Schluss. Das Orchester liefert einen Wagner-Sound, wie man ihn auf Tonträgern nur von den legendären ersten Aufnahmen der Nachkriegsära aus Bayreuth her kennt. Sir Mark Elder pflegt keinen schlanken Wagner-Klang, wie ihn Clemens Krauss, Karajan oder Boulez pflegten, sondern rollt einen mächtigen, orientalisch-sinnlichen Klangteppich aus. Pure Schönheit allerorts, Musik, in der der Zuhörer baden kann, wie der verletzte Amfortas im ersten Akt dies wortwörtlich tut.

Von der Besetzung stehen der charaktervolle Klingsor des Tom Fox und Reinhard Hagens Titurel für individuelle, ausdrucksstarke Rollenporträts. Der schwedische, bayreutherprobte Tenor Lars Clevemann ist ein „technisch“ guter Parsifal, allerdings mit einem trockenem Timbre und einer nur monochromen, im Ausdruck wenig differenzierenden Stimme. Die ebenfalls aus Schweden stammende Katarina Dalayman ist zwar als Kundry „richtiger“ als als Ortrud oder Brünnhilde besetzt, von einer Offenbarung in dieser Rolle ist sie allerdings weit entfernt.  Weder transformiert sie „Höllenrose“ noch „Urteufelin“, aber auch nicht das somnambul Büßende dieser komplexen Figur in vokalen Glanz. Wenig temperamentvoll, dafür schrill und angestrengt durchmisst sie die Partie in den aufwühlendsten Passagen im 2. Akt. Die an sich samten timbrierte Stimme ist vibratoreich, nicht gerade ideal konturiert und weist einen unangenehmen Bruch in der oberen Mittellage auf. Für Detlev Roth, eher Spiel- als Heldenbariton, ist der Amfortas eine Grenzpartie, dessen Ausbrüche im dritten Akt eindringlicher gelingen als im ersten Akt. Eine ganz besondere Bewandtnis hat es mit Sir John Tomlinson in der Riesenrolle des Gurnemanz. Für Robert Holl eingesprungen, ist dieser Wagner Sänger von Gnaden im Spätherbst seiner Karriere noch allemal eindrucksvoll. Mit rabenschwarz timbrierter Riesenstimme singt er ähnlich wie einst Josef Greindl einen vokal mächtigen, grantelnden alten Ritter (Anm.: Im wirklichen Leben wurde Tomlinson 2005 zum Ritter geschlagen).  Allerdings ist die Stimme schwerfällig und nicht einfach zu manövrieren. Das hat zur Folge, dass Tomlinson manchmal störend schleppt. Nichtsdestotrotz ist sein Auftritt auch auf Tonkonserve hoch faszinierend und scheint aus einer anderen Zeit zu stammen. Der 70-jährige Wagner Bass stellt noch immer die Mehrzahl aller Bässe, die heute den Gurnemanz singen, leicht in den Schatten. 

Der „neue“ Parsifal ist klangtechnisch ganz besonders gut gelungen, die Stimmen sind präsent und werden von einem idealen Orchester wie auf Wogen getragen. Bei adäquater Besetzung wäre dieser Parsifal Anwärter auf eine Referenz gewesen. Die Aufnahme legt auf jeden Fall ein beeindruckendes Zeugnis von der hohen Wagner-Kultur ab, die Sir Mark Elder im hohen Manchester pflegt.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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