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Richard Wagner: Der RING DES NIBELUNGEN

07.12.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

CD Ring Kempe

Richard Wagner: Der RING DES NIBELUNGEN
Bayreuther Festspiele 1961 unter Rudolf Kempe
ORFEO 13 CDs

Erste offizielle Veröffentlichung der Rundfunkbänder des BR remastered

Nach den Bayreuther Ringen 1956 unter Hans Knappertsbusch und 1953 unter Clemens Krauss ist dies nun der dritte von ORFEO autorisiert publizierte und klangtechnisch aufgepäppelte Ring aus Bayreuth. Um es vorwegzunehmen, dieser Ring ist genauso unverzichtbar wie die Bayreuther Tetralogien unter Krauss, Keilberth, Karajan, Böhm, Maazel oder Boulez. Als akustisches Dokument einer Übergangsära ist der Mitschnitt historisch von besonderem Interesse. Liebhaber erstklassiger Wagner-Stimmen werden darüber hinaus durch eine Reihe an sängerischen Spitzenleistungen in Verzückung geraten. Wobei sich meine persönliche Einschätzung der künstlerischen Qualitäten ganz erheblich vom Mainstream, aber auch von der im Booklet dargestellten Wertung unterscheidet.

Rudolf  Kempe hatte in Bayreuth den Ring von 1960 bis 1964 in einer antikisch inspirierten Neuinszenierung durch Wolfgang Wagner (die Szene fiel vor allem durch eine „zerborstene Scheibe“ auf) dirigiert, wobei er einschlägige Erfahrungen schon anlässlich von Ringzyklen an der Covent Garden Opera ab 1954 sammeln konnte. Einige Beobachter, die Kempe bei Wagner kammermusikalische Durchhörbarkeit und einen schlanken Ton attestieren, dürften nur seine Wagner-Studioaufnahmen (vor allem Meistersinger, Lohengrin).

Bisweilen steht Kempe, zumindest bei diesem Live-Mitschnitt aus 1961, was breite gesättigte Tempi (Siegfried 3. Akt!) und dramatisches Aufbäumen anlangt, stilistisch wesentlich näher an Knappertsbusch als etwa an Karajan oder Boulez. Kempes Grundsicht auf den Ring ist symphonisch grundiert, auf Sänger hat Kempe – wenn es um „seine Interpretation“ ging – nicht immer höchste Rücksichten genommen. Dafür wartet Kempe mit einem instrumentalen Farbenreichtum sondergleichen auf, da flirrt es beim Feuerzauber wie in Salome, die Naturbeschreibungen im Siegfried oder der erste Akt Götterdämmerung gehören zum Besten, was an Ring-Deutungen existiert. Die enorme Innenspannung und die aus dem Moment der Aufführung geschöpfte unmittelbare Dramatik, die Übersetzung des Dramas in einen bisweilen zu Kumuluswolken mächtig aufgetürmten und dennoch motivisch klug aufgefächerten Orchesterklang sind beispielhaft. Natürlich konnte Kempe in großen Momenten ebenso magisch und atemberaubend sein wie alle anderen mythischen Wagner-Dirigenten vor und nach ihm. Das schließt nicht aus, dass es das eine oder andere Mal in der Koordination und damit im Gebälk der Aufführung (Rheingold, Walküre zweiter Akt Beginn) ganz schön gekracht hat.

Kempe pflegte einen maskulin testosterongeladenen, dramatisch zuspitzenden Wagnerstil. Nicht das ebenmäßige Entwickeln der Leitmotive und der ganz große Bogen (Furtwängler) interessieren ihn, vielmehr ist Kempe ein Meister der geschichteten Spannungsbögen. Wie ein Bergwanderer, der einen Dreitausender nach dem andern durchmisst, wühlt Kempe in den Gipfelparforceritten der Partitur und bot dadurch einzigartige Ausblicke und Einsichten auf Wagners Ring. Auf keinen Fall ist Kempes Klangdramaturgie in irgendeiner Weise bieder oder pathetisch gefühlig. Das große Drama baut Kempe aus vielen kleinen Geschichten in der ganz großen, jede so spannend wie eben möglich. Besonders der erste und zweite Akt Siegfried profitieren von der überaus elektrisierenden Klangregie. Für mich vom Orchester her der beste Siegfried ever

Die Besetzung ist in manchen Partien altbekannt, im Wesentlichen aber für Bayreuth seit 1960 neu. Was mich wirklich empört, ist der Satz im Booklet von Peter Emmerich, wonach dieser Ring im „Zeichen der faszinierenden, bewunderten einzigartigen Leistung der Birgit Nilsson als Brünnhilde stand, nahezu alle anderen Sängerinnen und Sänger sollen in ihrem ebenso grandiosen wie riesigen Schatten“ gestanden haben. Das ist genauso unsinnig wie unrichtig. Wie können die Künstler des Rheingold im Schatten der Hauptsopranrolle im Siegfried oder anders gefragt, der Walküren Wotan von der Götterdämmerungsbrünnhilde (worin eigentlich) übertroffen werden? Außerdem hatte die große Birgit Nilsson später wesentlich differenzierte und klangschönere Brünnhilden gesungen als 1961. Von der Besetzungspolitik bleibt unverständlich, warum, Astrid Varnay in diesem Stadium ihrer Karriere ausgerechnet die „junge“ Brünnhilde in der Walküre anvertraut hat und nicht die Götterdämmerung, wenn man die Partie schon unbedingt auf zwei Sängerinnen aufteilen wollte.

Der Reihe nach: Das Rheingold weist außer der völlig uninteressanten und überforderten Freia der Wilma Schmidt sängerisch nur Bestes auf. Die Amerikaner und Briten hielten ab 1960 einen bemerkenswerten Einzug in Bayreuth. Allen voran der klangschönste Wotan aller Zeiten, Jerome Hines, der nicht nur im Rheingold, sondern auch in der Walküre mit unerhört edlem Baßbariton (klingt bisweilen wie Siepi) einen echten Sängergott auf die Bühne hievte. Vielleicht nicht so herrisch-streng wie Hotter, aber muss das sein? Auch der junge Thomas Stewart, Karajans Salzburger Wotan, in den Rollen des Donner und Gunther, weniger David Thaw als Froh, führten vor, wie sich die USA im Spitzenwagnergesang habilitierten. 

Der Pfälzer Herold Kraus bringt für die Partie des Mime im Rheingold und Siegfried heldentenorale Töne mit ein. So auf stimmlicher Augenhöhe mit Siegfried ward Mime noch nie vernommen.  Der Nachtalbe Alberich wurde wie im Londoner Kempe Ring vom in Prag geborenen Otakar Kraus verkörpert, düster mächtig in seiner unheimlichen „Selbstkastration“ um des Goldes wegen, mit Kempe verbindet ihn ein traumwandlerischer musikalischer Gleichklang. Gerhard Stolze ist zweifelsohne der beste Loge aller Zeiten: deklamatorisch, das Wort in zynisches Weltspiel tauchenden Ausdruck agiert Stolze wie Christoph Waltz mit eitel neckisch geübter Nonchalance. Jedes Wort und jede Phrase ist ein Lehrstück fest verschweißten Stahls aus Wort und Ton. 

Regina Resnik in ihrem einzigen Bayreuther Jahr als Fricka in Rheingold und Walküre (1953 war sie noch Sieglinde) ist ein unverwechselbar orgelndes Stimmwunder, autoritär, visionär, üppige Göttergattin und als rächendes Weib eine Vorwegnahme der Brünnhilde in Götterdämmerung. Marga Höffgen darf in ihren Erda-Szenen mit wunderbar timbriertem Alt im Rheingold und Siegfried zeigen, wie man ohne travestiehaft zu outrieren, mit Würde und Stil zu orakelhafter Wahrheit gelangt. Fasolt und Fafner sind mit dem Briten David Ward und Peter Roth-Ehrang äußerst solide besetzt. Woglinde, Wellgunde und Flosshilde fanden in Ingeborg FeldererElisabeth Steier und Elisabeth Schärtel überaus ansprechende Interpretinnen. Ingeborg Felderer alias Ina del Campo war mit ihrem leichten Sopran auch als Helmwige und Waldvogel in diesem Festspielsommer gut beschäftigt. Später versorgte sie als Chefin von MELODRAM ein treues Publikum an Melomanen mit unautorisierten Opern-Mitschnitten aller Art, nicht zuletzt aus Bayreuth in gediegener Aufmachung und meist passabler Tonqualität.

In der Besetzung der Walküre prallen die Generationen dann aufeinander. Vor allem Astrid Varnay als Brünnhilde darf noch einmal zeigen, wie man in der Todesverkündigung höchste Intensität des Ausdrucks mit einer rein stimmlich kunstvoll gemischten Farbenpalette erzielen kann. Ab der oberen Mittellage und erst recht in den Höhen waren die stimmlichen Verschleißerscheinungen aber unüberhörbar. Als Wälsungenpaar brillierten Fritz Uhl und Regine Crespin. Uhl war zu diesem Zeitpunkt ein dramatischer Tenor ohne Limit, zwar mit trocken-herbem Timbre, aber dennoch großartig. Seine Wälsungenrufe und die dramatischen Szenen im zweiten Akt lassen keinen Wunsch offen. Regine Crespin als Sieglinde ist von der Stimmpracht her als einzige Interpretin der Partie auf einem Level mit Lotte Lehmann und Leonie Rysanek zu nennen, ohne aber deren Geschmeidigkeit und Jubelton ganz erreichen zu können.  In der Götterdämmerung als dritte Norn ist Regine Crespin wie schon vor ihr in den fünfziger Jahren Martha Mödl oder Astrid Varnay eine Luxusbesetzung der Sonderklasse, damals eben nur in Bayreuth möglich und tatsächlich durchsetzbar. Das wäre vom Rang der Stimmen her heute so, wie wenn Anna Netrebko dritte Norn in Bayreuth sänge. Gottlob Frick ist ein rabenschwarzer Hunding, in der Götterdämmerung darf er als Hagen seine  Mannen das Drama ihrem Ende entgegentreiben lassen.

In Siegfried und Götterdämmerung gab es ab 1960 mit Hans Hopf und Birgit Nilsson als Siegfried und Brünnhilde zwei äußerst stimmgewaltige und beeindruckende Bayreuther Rollendebütsänger. Hans Hopf als Siegfried ist ein echter Heldentenor, der aber auch im italienischen Fach zu Recht große Erfolge feierte. Allzu jung klingt er nicht und auch der genaueste aller Sänger war Hopf nicht, manche Phrasen zimmert er sich wie einstens Max Lorenz eher unorthodox zurecht. Insgesamt passt sein Ungestüm und die stimmliche Kraftmeierei aber gut zur Rolle. Manche Höhen geraten unter Druck und mit manchen breiten Tempi kommt Hopf auch nur mit Mühe zurecht. 

Birgit Nilsson als Brünnhilde ist unbestreitbar und unbestritten ein Stimmwunder, das schon seit den frühen fünfziger Jahren in Bayreuth präsent war. Ein Naturereignis, bei dem dem Publikum damals wahrscheinlich der Mund offenblieb. Retrospektiv betrachtet kann man aber sagen, dass sie 1961 noch meilenweit vom unglaublichen Raffinement und dynamisch kunstvoll abschattierter Gestaltung der Rolle entfernt war, die sie unter Karl Böhm einige Jahre später erreichen sollte. Manchmal gehen Nilsson gewaltig die Rösser durch mit ihren unendlichen Stimmmitteln. Diese Interpretation ist grandios faszinierend und lässt einen fassungslos zurück. Bisweilen werden aber Töne grob serviert, die metallisch trompetenhafte Höhe klingt zumindest auf CD nicht immer angenehm. Beim Siegfried Schluss verrutschen sogar zwei Töne.

Wenn man einen wirklich triftigen Grund in der Sängerbesetzung sucht, um gerade diesen Ring unbedingt haben zu müssen, dann ist es wohl James Milligan als Wanderer. Der gerade einmal 33 Jahre junge kanadische Bassbariton stand am Anfang einer mehr als vielversprechenden Karriere. Sein Wanderer Bayreuth 1961 ist das bedeutendste akustische Vermächtnis, weil Milligan im November desselben Jahres bei einer Probe in  Basel unerwartet an Herzversagen starb. Mit welcher stimmlichen Reife und viril markanten Klangpracht Milligan den Wanderer sang, machte ihm wohl kaum einer seiner Nachfolger bis heute nach. Daher ist dieser Siegfried Mitschnitt zugleich eine unverzichtbare Hommage an diesen großartigen Sänger geworden.

Rein klangtechnisch ist der 61-er Mono-Ring tadellos revitalisiert worden. Die Mikros begünstigen tendenziell die Stimmen. Besonders im ersten Akt der Walküre wird dies sogar grenzwertig. Die Stimmen sind aber stets unmittelbar fühlbar und deren Timbres kommen höchst natürlich aus dem Lautsprecher. Für Stimmfetischisten ein wahrer Festschmaus mit viel Festspielhaus-Atmosphäre.

Jetzt fehlen von den ganz großen Bayreuther Interpretationen wohl nur noch der Karajan Ring 1951 und der Maazel-Ring 1969. Vielleicht werden die Sammler dank ORFEO auch hier bald gehörig Futter bekommen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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