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Renate Holm: WER SEINER SEELE FLÜGEL GIBT…

19.12.2017 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

BuchCover Holm, Renate seele

Renate Holm:
WER SEINER SEELE FLÜGEL GIBT…
Mit Kunst das Leben meistern
Aufgezeichnet von Christine Dobretsberger
220 Seiten, Amalthea Verlag, 2017

Renate Holm, die heuer im Sommer bereits ihren 86. Geburtstags gefeiert hat, fand es an der Zeit, ein Vierteljahrhundert nach ihrer ersten Biographie eine zweite folgen zu lassen. Gleichsam als Beweis dafür, dass das Leben weiter geht, auch wenn die erste Jugend vorbei ist – und weil „ihr Publikum“ nie müde wird, sich von ihr erzählen zu lassen, wie es ihr geht.

Nun verläuft ihr Bericht, aufgezeichnet von Christine Dobrtsberger, zweigeleisig. Einerseits erlebt man Renate Holm heute und privat – die Frau, die schon als Kind, als man sie während des Krieges aufs Land schickte, die Lust an der „Heugabel“ entdeckte und ihres Berufs zum Trotz ein „Naturkind“ geblieben ist.

Sie nahm damals den Kindheitstraum mit ins Leben, sie wollte „später einmal Tiere haben, einen Stall und einen Acker“. Und diese Nähe zur Natur hat sie verwirklicht, als sie in der Nähe von Hollabrunn eine 300 Jahre alte Mühle fand, kaufte, restaurierte – und nun hier lebt.

Nicht zuletzt viele Fotos erlauben es ihren Fans, sich hautnah vorzustellen, wie der Alltag von Renate Holm heute aussieht. Mit Traktor und Heu, mit ihrem Fitness-Parcour hinter ihrem Haus (sicher ein wichtiger Beitrag zu ihrer offenbar beneidenswerten Konstitution) – und mit den Tieren. Man begegnet vielen von ihnen, sie werden mit nicht enden wollender Liebe und Ausführlichkeit geschildert.

Opernfans werden sich aber nicht ungern in die „beruflichen“ Erinnerungen einer Sängerin einlesen, die einst sehr gut daran tat, nicht die vergleichsweise wohlfeile Karriere einer Schlagersängerin zu wählen. Als hübsches Gesicht der Fünfziger Jahre wäre sie heute Geschichte, niemand würde sich an sie erinnern. Dass sie den schweren Weg in die Welt der „ernsten“ Muse gegangen ist (die natürlich auch die leichte der Operette beinhaltet), hat sich mehr als gelohnt. „Die Holm“ ist bis heute ein Begriff, steht in den Annalen der Wiener Staatsoper, der Volksoper, der Koloratursoprane, der lyrischen Soprane.

Interessant ist ja stets, was es von „hinter den Kulissen“ zu berichten gibt. Das ist nicht bloß Klatsch, das ist oft aussagestarke Information. Wenn sie über die Arbeitsweise großer Maestros berichtet, wie humorvoll Argeo Quadri war, wie bei Herbert von Karajan ein Geben und Nehmen zwischen Dirigent und Künstlern herrschte (er holte die Holm als seine Musetta nach Salzburg), wie er seinen Sängern jede Rücksicht und Einfühlsamkeit zugute kommen ließ. Vor Karl Böhm hingegen hatte Renate Holm immer ein bisschen Angst…

Sie berichtet, wie Robert Stolz, der große Künstler, nicht etwa streng und steif war, sondern sich gleich locker an den Flügel setzte, um etwas mit ihr musikalisch auszuproben. Oder wie Rudolf Schock, der am Höhepunkt seiner Karriere stand, als sie, die Anfängerin, ihm begegnete, ihr Ratschläge gab, mit dem Körper zu singen, wodurch ihre Stimme an Kraft und Umfang gewann.

Und sie erzählt, wie sie heute das, was sie weiß, an Schüler weitergibt. Und das bezieht sich nicht nur auf das Können, sondern auch auf das, was die Holm lebenslang so furios beherrschte, weil sie penibel darauf achtete – was zieht man richtigerweise an, wie gibt man sich, welchen Eindruck möchte, muss man erwecken….

Im übrigen ist das Buch voll von interessanten Details, weil das, was die Holm offen sagt bzw. eingesteht, heute gar nicht jedermann wagen würde – aus Angst, für gestrig erklärt zu werden oder auch sich lächerlich zu machen. Aber eine starke Persönlichkeit ficht nichts an, und so findet man frappante Details in diesem Buch.

Interessante Details: Wenn wir heute in einer Welt leben, die sich fürchtet, dem Einzelmenschen Vorschriften zu machen, um seine Freiheit nicht zu beschränken, so kann man am Beispiel von Renate Holm erfahren, dass Disziplin etwas ist, was seit frühester Jugend gelernt wird, und das nicht ohne Mühe. Hat man sie aber, wird man sich im Künstlerberuf leichter tun als andere – und Erstaunliches leisten, wie die Holm… Und manches brennt sich als Gewohnheit ein, etwa die Pünktlichkeit. Um zu erleben, wenn man es einmal um drei Minuten nicht rechtzeitig schafft, dass Karl Böhm vermerkt: „San S’ net a bissl spät dran, Frau Holm?“

Interessante Details: Es gibt viele Horoskop-gläubige Menschen, aber wenige geben es zu. Renate Holm will von jedem Gegenüber wissen, welches astrologische Zeichen er ist, in der festen Überzeugung, mit manchen eher zu „können“ als mit anderen – und sie richtet auch ihr Verhalten danach ein. (Eine Löwin wie sie muss mit Krebsgeborenen diplomatisch umgehen, erzählt sie uns.) Offenbar agiert sie solcherart mit viel Erfolg. Wobei sie zwischen Lebenshilfe und Abhängigkeit sehr gut zu unterscheiden weiß!

Interessante Details: Wer spricht in unserer westlichen Welt noch vom Glauben, wer würde, wie Renate Holm, eingestehen, dass das Beten ein Teil ihres Selbstverständnisses ist? Sie glaubt an Schutzengel, sie räumt sogar mit einem Lächeln dem Aberglauben kleinen Raum in ihrem Leben ein (ein krummer Nagel ist Garant für eine gute Vorstellung!).

Und am Ende erzählt Renate Holm auch von ihrem Privatleben, von zwei Männern, die für sie entscheidend waren, wobei die Beziehung zu einem Kollegen am Beruf bzw. an den Trennungen durch die beiderseitigen Termine scheiterte, während ein Gefährte der späten Jahre gestorben ist. Sie hat auch geschafft, darüber hinwegzukommen.

Und dass sie dreißig Jahre lang 50 geblieben ist… für Frauen ist das, was Renate Holm da an Tipps und Erfahrungen weiter gibt, mehr als lehrreich. Also ist das Buch nicht nur für die Opernfans, sondern gewissermaßen „für alle“ interessant.

Renate Wagner

 

BERICHT VON DER BUCHPRÄSENTATION
Volksoper/ Pausenfoyer 7. November 2017

Der Zulauf war enorm: im Pausenfoyer der Wiener Volksoper präsentierte die in Berlin geborene Wahlösterreicherin Renate Holm ihre zweite Autobiographie, die jüngst im Wiener Amalthea-Verlag unter dem Titel „Wer seiner Seele Flügel gibt“ erschienen ist. Vielsagend der Untertitel „Mit Kunst das Leben meistern“.

Der Ort war symbolträchtig. Denn vor nunmehr 60 Jahren – im April 1957 – stieg Renate Holm in der Wiener Volksoper vom Filmstar zur Operetten- und bald darauf zur Opern-Diva (von Herbert von Karajans Ehren) um. Die junge Dame, die damals als Helene mit dem Schwips-Lied zu einer großen Karriere ansetzte, war mit ihren 26 Jahren schon ein veritabler Filmstar, der es innerhalb von 5 Jahren zu 12 Streifen (darunter „Schlagerparade“, „Das Fräulein vom Amt“ oder „Schön ist die Welt“ mit Rudolf Schock) gebracht hatte. Ihre Film-Partner hießen Adrian Hoven, Johannes Heesters oder Gerhard Riedmann.

Und in der Volksoper glaubte man nicht an die Möglichkeit, einen solchen „Stern“ angeln zu können, wie es Hubert Marischka vorgeschlagen hatte. Doch es kam anders:  Renate Holm hatte sich als Zahnarzt-Assistentin zur Sängerin ausbilden lassen, weil sie mit ihrer Mutter als Kind „Premiere der Butterfly“ mit Maria Cebotari im Kino erlebt hatte. Das nennt man „Präge-Erlebnis“ und die Folgen sind bekannt. Allein in Wien sang sie über 900 Mal in beiden Häusern, ihre Karriere reichte bis zum Teatro Colon in Buenos Aires, von Salzburg bis zur Deutschen Oper Berlin. Und ihre Partner hießen Domingo, Pavarotti oder Carreras bzw. James King oder Fritz Wunderlich. Und ihre Dirigenten waren Josef Krips, Argeo Quadri, Karl Böhm, Carlos Kleiber oder Herbert von Karajan.

Dennoch liegt der Schwerpunkt des neuen Buches, das Renate Holm gemeinsam mit Christine Dobretsberger erarbeitete auf der Ära ab ihrem 60. Geburtstag – jenem Zeitpunkt, an dem man sie ohne „Vorwarnung“ in Pension schickte. Nicht zuletzt, weil ihre junggebliebene Stimme für einen üblichen Fachwechsel zu den alten „Hexen“ und den Großmüttern unbrauchbar war. Doch Renate Holm wollte dem Schicksal ein Schnippchen schlagen, sie gab weiter Konzerte, spielte Theater in Serie, trat in Musicals auf, schrieb ihre erste Autobiographie (1991) und wurde erfolgreiche Lehrerin. Und sie blieb 30 Jahre lang 50 –so einer der vielen Unter-Titel des neuen Buches  – dank ihrer Disziplin gekoppelt mit Humor und Lebensfreude. Dazu kam ein weiterer Aspekt : ihre Eselszucht in einem niederösterreichischen Bauernhof wurde zum Synonym von naturgemäßem Leben.

Das zweite Renate Holm-Buch enthält also Erinnerungen an ein glanzvolles Opern- und Operetten-Kapitel, jede Menge Anekdoten -etwa an Robert Stolz oder Marcel Prawy – aber es gibt auch einen Blick frei hinter die Kulissen des Älterwerdens. Wie zwingt man sich zum Stiegen-Steigen? Wie atmet man richtig? Welche Entspannungs- und Fitness-Übungen werden von ihr als Morgenritual angewendet? Wie hält sie’s mit der Kosmetik und der Mode…Das neue Buch, das in Assistenz von Volksopern-Direktor Robert Meyer, Verlags-Chefin Brigitte Sinhuber-Harenberg und Christoph Wagner-Trenkwitz und in Anwesenheit einer Schüler-Schar sowie von Publikumslieblingen wie Kurt Rydl, Hans Helm, Dietmar Grieser oder Clemens Unterreiner aus der Taufe gehoben wurde, ist also so wie eine Fibel zum Thema: wie bleibt man auch nach 65 Karriere-Jahren dynamisch und attraktiv? Dank der elektronischen Medien konnte man auch den Nostalgie-Teil zu neuem Leben erwecken – Christoph Wagner-Trenkwitz präsentierte etwa das Original-Schwipslied des Volksopern-Debüts aus dem Jahr 1957 – mit himmlischen Koloraturen -oder die  legendäre Salzburger Musetta unter Karajan aus dem Jahr 1975.

Ich persönliche bewahre viele unvergessliche Vorstellungen mit Renate Holm in meinem Erinnerungs-Speicher. Von der Zerbinetta (neben Leonie Rysanek und Sena Jurinac) bis zum Ännchen im Freischütz 1972 (neben Gundula Janowitz), von der Adele (neben Eberhard Waechter) bis zur Madame Euterpova in „Hilfe, Hilfe die Globolinks!“ reicht der riesige Fundus. Die vielleicht allerschönste Vorstellung, die ich im Kopf präsent habe, fand am 28.Mai 1966 in der Wiener Staatsoper statt. Es war die wohl beste „Entführung aus dem Serail“, die ich je hörte. Unter der Leitung des Mozart-Spezialisten Josef Krips sangen damals Fritz Wunderlich, Gottlob Frick, Anneliese Rothenberger, Gerhard Unger und – Renate Holm. Und die fröhliche Musikalität und Lebensfreude der Wahl-Wienerin Renate Holm übertrug sich auf dieses unüberbietbare Welt-Ensemble. – „Auf den Flügeln  der Seele“ !

Allein für diese „Entführung“ ist ihr ein Platz im ewigen Buch der Oper sicher. Und ihre Fans können sich wohl auf das 3.Holm-Buch freuen.  Denn: Renate Holm bleibt noch lange 50! Alle anderen haben indes jetzt ein ideales Weihnachtsgeschenk parat.

Peter Dusek

 

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