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Reinhard Wittmann: GESCHICHTE DES DEUTSCHEN BUCHHANDELS

29.07.2019 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Reinhard Wittmann:
GESCHICHTE DES DEUTSCHEN BUCHHANDELS
Vierte aktualisierte und erweiterte Auflage
535 Seiten, Verlag C.H.Beck, 2019
Es passiert wohl selten, dass ein Standardwerk, das knapp 30 Jahre alt ist, in seiner vierten Auflage ein Zusatzkapitel erstellen muss, das zum Thema mehr neue Entwicklungen bringt als die vielen Jahrhunderte davor, die da beispielhaft aufgearbeitet wurden? Doch Reinhard Wittmann, der die Buchwissenschaft zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat, kann nicht mehr, wie noch 1991, mit den Ereignissen „nach 1945“ enden. Denn mittlerweile ist ein neues Zeitalter angebrochen, und die Entwicklung verläuft dermaßen rasant, dass man kaum alles zusammen fassen kann – geschweige denn eine Prophezeiung über die Zukunft des Buches abgeben…

Die Vergangenheit des Buches ist wirklich ein spannendes Thema, Kulturgeschichte des Wissens ebenso wie eine Geschichte von Autoren, Verlegern, Märkten, eine politische Geschichte (von Zensur bis Bücherverbrennung) und eine in hohem Maße „Wirtschaftsgeschichte“. Der Autor breitet sie über Jahrhunderte, ja, Jahrtausende auf. Denn „deutscher Buchhandel“ hin und her, es gab ja schon die legendäre Bibliothek von Alexandria, es gab die Buchrollen aus Papyrus, aus denen die Griechen und Römer lasen, bevor man das Pergament und dann das Papier fand und die einzelnen Seiten, die zusammen gebunden wurden.

Lange handgeschrieben, bis Gutenberg die Druckerpresse erfand, hat die Entwicklung des Buches, der Autoren, der Leser, der Verkäufer eine rasante und immer spannende Entwicklung genommen, in der so vieles angelegt ist – auch der menschliche Geschäftssinn, ebenso wie das Bewusstsein, Wissen und Kultur zu verbreiten. Der Kampf rebellischer Autoren um Honorare, Urheberrecht und gegen Zensur steht neben den Persönlichkeiten großer Verleger, von Johann Friedrich Cotta bis Samuel Fischer. Man kann mit dem Autor zu den Buchmessen von Frankfurt und Leipzig gehen, die es schon im 16. Jahrhundert (!) gab, und wird aus dessen Vorliebe für Statistik viel herauslesen können.

Doch irgendwann muss man aus der Kulturgeschichte des Schreibens und Lesens, des Druckens und Verkaufen, dann doch in der Gegenwart landen – schon weil „Die digitale Herausforderung“, wie das letzte und neue Kapitel lautet, schließlich jeden Bücherfreund zutiefst betrifft. Und niemand kann leugnen, dass diese digitale Revolution so gut wie alles verändert hat.

Es schrumpfen die Buchumsätze, es schrumpfen auch die Verlage, und mit Schmerz kann man feststellen, dass immer mehr Manager einzig mit dem Blick auf Gewinnoptimierung und Kostenreduktion agieren und nicht mehr in Hinblick darauf, was auch wert wäre, gedruckt zu werden. Da kann der Autor – zweifellos zu Recht – ein Lob für den Verlag finden, der dieses Buch herausbringt. Denn nach wie vor als „Familienbetrieb“ geführt, agiert C.H.Beck dann natürlich nach anderen Prinzipien als jene Konzerne, für die das Buch nur eine Ware ist. Immerhin, auch Beck geht mir der Zeit, bietet jeden Titel als gedrucktes Buch und auch online an…

Was ist also geschehen? Amazon ist passiert, nur noch ein paar „Giganten“ (wie Thalia) halten sich daneben, jede kleine Buchhandlung muss kämpfen, wenn sie überhaupt noch Überlebenschancen hat. Wikipedia ist passiert, und dass eine Weltinstitution wie Brockhaus liquidiert werden musste, kommt manchem wie der Untergang des Abendlandes vor. Und doch kann niemand leugnen, dass die schnelle Information am Smartphone jeden dicken Wälzer, der von Tag zu Tag überholt werden kann, aushebelt.

Book on demand, Kindle, e-book, der Autor als sein eigener Verleger, so dass die alteingesessenen Verleger überflüssig werden könnten… Der Zusammenbruch des Marktes antiquarischer Bücher, die Überalterung und Schrumpfung des Kundenkreises, die Social Media, die jene Zeit fressen, die Menschen früher auf das Bücherlesen verwendet haben, zumal unser Weltbild auf „Interaktion“ setzt, während das Buch ein „einsames“ Medium ist – da kann der Autor nur einen finalen Seufzer ausstoßen, der vielleicht auch nicht weit in die Zukunft reicht: „Solange sich Menschen als historisches Wesen verstehen und zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hin- und herwandeln, werden sie auf das Buch nicht verzichten.“

Sein Wort in Gottes Ohr. Vielleicht hört der Apostel Johannes zu, immerhin ist er der Patron der Buchhändler.

Renate Wagner

 

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