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Reinhard Gnettner: NUR DER TOD IST UNSTERBLICH

26.03.2021 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

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Reinhard Gnettner
NUR DER TOD IST UNSTERBLICH
Ein mörderischer Literaturkrimi
200 Seiten, Verlag ueberreuter, 2021

Auf dem Buchumschlag ist ein Totenkopf zu sehen. Er liegt auf fünf Büchern. Die Titel sind gut erkennbar: „Der Schüler Gerber“, „Schachnovelle“, „Es ist was es ist“, „Der Meister des Jüngsten Tages“ und „Die Strudlhofstiege“. Kein Kenner und Liebhaber der österreichischen Literatur, der die fünf Autoren nicht auf Anhieb herzusagen wüsste. Und sie sind auch die Helden von „Nur der Tod ist unsterblich“, von seinem Autor Reinhard Gnettner (ein Debutroman) „ein mörderischer Literaturkrimi“ genannt. Und, es sei gleich gesagt, ein echtes Vergnügen für Literaturfreaks.

Natürlich ist die ganze Sache ironisch gemeint. Man geht davon aus, dass Stefan Zweig sich nicht in Petropolis umgebracht hat und dass auch Friedrich Torberg, Heimito von Doderer, Erich Fried und Leo Perutz – um diese Herren dreht sich die Geschichte nämlich – noch am Leben sind. Und sie treffen, schwer über hundertjährig, körperlich ein wenig ramponiert, aber geistig in alter Frische, in einem Wiener Kaffeehaus zusammen.

Ein Kaffeehaus, wie es dieses im „alten Sinn“, wie sie es verstanden haben, nicht mehr gibt. Geistiger Austausch für Literaten, bei sehr viel Kaffee, und natürlich darf geraucht werden, bis man durch die Schwaden nicht mehr durchsieht. Schön war’s. Und warum sollte es nicht wieder schön sein, fragt Torberg die anderen. Warum machen sie sich nicht ihr eigenes Kaffeehaus?

Das ist die gewissermaßen schelmische Grundidee des Autors, gebürtiger Norddeutscher, überzeugend zum Wiener mutiert, dem man (selbst ein bisschen über Leben und Schaffen der Herren informiert) konzedieren darf, dass er seine Hausaufgaben gemacht, dass er Biographien, Autobiographien, Briefe, Schilderungen ausführlich gelesen hat, so dass er von jedem ein überzeugendes Bild zeichnen kann. Mit all ihren Schnurren und Eigentümlichkeiten (Etwa Doderers Eitelkeit, die ihn täglich auf einen Brief aus Schweden warten lässt, mit der Mitteilung, man habe ihm den Literatur-Nobelpreis zuerkannt…).

Also, die fünf mieten sich im ihrer Meinung nach schönsten Wiener Bezirk, dem Alsergrund, ein, in einem prachtvollen Haus in der Porzellangasse (man meint sogar zu wissen, welches gemeint ist), gründen in einer Riesenwohnung eine WG, wo der gemeinsame Salon zum Kaffeehaus-Treffpunkt wird. Jetzt brauchen sie nur noch ihren Kellner, oder eigentlich mehr (schließlich muss ja jemand ihre Medikamente überwachen, Kaffeekochen, aufräumen, wenn möglich und dergleichen Nützliches erledigen): Die nicht mehr junge Ella Wozniak aus Krakau, seit Jahrzehnten in Wien, um das Geld zu verdienen, das die Mutter zuhause und die Tochter anderswo brauchen, ist absolut die Richtige für sie. Denn sie mag und bewundert die Herren ehrlich.

Das halbe Buch lang verfolgt man nun die fünf – vier Juden und einen, der kurzfristig mit den Nazis sympathisiert hat, weshalb die anderen den Doderer schon aufs Korn nehmen – , wie sie versuchen, ihren letzten Lebenstraum zu verwirklichen. Jeder will noch ein „Opus Magnum“ für die Unsterblichkeit schreiben. Nebenbei streiten sie meist, der Schlagabtausch ist witzig und boshaft, der zickige Doderer, der sich auch im Leben so umständlich ausdrückt, der vollmundige, streitsüchtige Torberg, der freundliche Perutz, der immer zum Schmieden eines Gedichts bereite Erich Fried und der meist stille Zweig, der von den anderen angeschnorrt wird (dass er Geld hat, ist verbürgt) und der sich manchmal dazu bringt, mit Frau Ella liebenswürdig zu philosophieren.

Bevor diesen Wohnzimmer-Kaffeehaustreffen (die durchaus in Schimpforgien ausarten können) die Luft ausgeht, tritt der Krimi in sein Recht. Und man hat schon erfahren, dass die Herren Literaten einen Feind im Haus haben, den unfreundlichen Herrn Zihal, der grübelt, wie er die Mieter rauskriegt, um die Wohnung für die eigenen Familienangehörigen in Besitz zu nehmen… Wie weit wird er dabei gehen?

Jedenfalls stirbt Heimito von Doderer, indem er mit dem Rollstuhl die Strudlhofstiege hinabstürzt. Ein brummiger Inspektor Bommer, der von einer Theorie zur anderen schwankt, bekommt zu tun, denn Friedrich Torberg fällt im Wasa-Gymnasium aus dem Fenster (siehe „Schüler Gerber“). Leo Perutz verendet an einer Überdosis Drogen, wie es schon in seinem Roman „Der Meister des Jüngsten Tages“ nachzulesen war. Erich Fried wird am jüdischen Friedhof stilecht von einem Grabstein erschlagen. Ja, man kann annehmen, dass auch Stefan Zweig das Zeitliche segnen wird, aber dazwischen gerät Ella in Mordverdacht – und der Autor wirbelt die Geschichte am Ende mit einer ganz schönen Pointe herum, die im Rahmen dieser heiteren Fiktion nicht einmal unglaubwürdig ist…

Am Ende gibt es einen Anhang, wo nicht nur österreichische Ausdrücke („sekkieren“ und dergleichen) für zu erhoffende „deutsche“ Leser erklärt werden, sondern der Autor auch manchen Hinweis gibt, wo er welche Werke der Herren Literaten zitiert hat. Nur die Gedichte von Erich Fried seien von ihm in großer Verehrung, wie er versichert, nachempfunden… Es ist ihm gelungen wie alles andere auch.

Renate Wagner

 

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