REICHENAU / Festspiele: „REIGEN“ – Theaterklassiker von Arthur Schnitzler
Regie und im Cast: Alexandra Henkel & Dietmar König
Bericht über die Premiere am 2. Juli 2026
23 Vorstellungen bis 2. August (Restkarten verfügbar!)
Alle Infos auf www.festspiele.reichenau.at
Alle betrügen einander und belügen sich selbst.
Die Aufführungen des REIGENS 1989, 2012 und 2026 in Reichenau lösten und lösen keinen Theaterskandal aus. Die erste Aufführung am 23. Dezember 1920 in Berlin löste einen Skandal und in Folge einen Prozess wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses aus. Die zweite Aufführung im Deutschen Volkstheater in Wien 1921 wurden vom damaligen Polizeipräsidenten Schober nach Ausschreitungen verboten. Was vor über hundert Jahren als anstößig galt, ist heute gang und gäbe! Die Verschiebung des gesellschaftlichen Wertekanons ist evident. So wird Neradin im öffentlichen Rundfunk beworben. Gut so!

Programmheft REIGEN, Seite 6, Foto: © Dietrich-Schulz
Der Neue Spielraum in Reichenau bietet für Schnitzlers Klassiker die perfekte Arena, um diesem Reigen auf dem Parkett der Liebe von allen Seiten zuzuschauen.
Die Dirne: Therese Affolter
Der Soldat: Lukas Watzl
Das Stubenmädchen: Bettina Schwarz
Der junge Herr: Markus Freistätter
Die junge Frau: Alexandra Henkel
Der Ehegatte: Dietmar König
Das süße Mädel: Clara Wolfram
Der Dichter: Daniel Jesch
Die Schauspielerin: Stefanie Dvorak
Der Graf: Stefan Jürgens

© Lalo Jodlbauer
Die Suche nach dem sexuellen Abenteuer dominiert, die Suche nach echter Liebe bleibt auf der Strecke. Das Regieduo Alexandra Henkel und Dietmar König konzentriert sich darauf, die durchaus unterschiedliche weibliche und männliche Verhaltensweise in den Zweierkonstellation der einzelnen Reigenepisoden herauszuarbeiten. Das ist zum Teil gelungen! Bettina Schwarz in der Rolle des Stubenmädchens sorgt für poetische Momente in ihrem Werben um die Liebe des Soldaten. Alexandra Henkel als junge Frau, einmal in den Armen des jungen Herrn und einmal im Ehebett, setzt gekonnt auf Humor im Umgang mit den jeweiligen männlichen Partnern. Stefan Jürgens in der Rolle des Grafen startet erfolglos den Versuch mit seinen Partnerinnen ein wenig zu philosophieren. Stefanie Dvorak in der Rolle der Schauspielerin erklärt explizit „Was geht mich Deine Philosophie an!“ Wenn sich die Diva fürs Seelenleben interessiert, greift sie zu Büchern! Das Regieduo hat einige interessante Ideen. Der einfache Soldat und der Graf in Offiziersuniform verkehren beide mit derselben Dirne. Der Kreis schließt sich! Trotz aller Bemühungen um die weibliche Sicht, bleibt die Erkenntnis, dass die patriarchalischen Strukturen nach wie vor tief verwurzelt sind!

© Lalo Jodlbauer
Der Übergang zwischen den Zweierepisoden wird teilweise durch Musik, Tanz und Rezitieren gestaltet. Nett, aber eigentlich überflüssig. Das Publikum erwartet den Blick durchs Schlüsselloch und versteht die Zwischentexte schwer. Der Abend endet im gemeinsamen Absingen des Gedichtes „An die Geliebte“. Die gekonnte Lichtregie – verantwortet von Marcus Loran – unterstützt effizient bei Auftritten und Szenenwechseln. Instrumentalmusik – verantwortet von Bernhard Moshammer – und Tanz untermalen am besten den Reigen der Partnerwechsel.
Starker Schlussapplaus des Premierenpublikums für alle Protagonisten!
Schnitzler-Expertinnen und Experten haben mehr erwartet!
Elisabeth Dietrich-Schulz

