RAVENNA FESTIVAL/ Rocca Brancaleone: PHILHARMONIC BRASS dirigiert von Riccardo Muti am 2.7.2026

Foto: Zani Casadio
Epidemien haben auch ihr Gutes. Während einer Japan-Tournee der Wiener Philharmoniker keimte in Tubist Paul Halwax und seinen isolierten Kollegen die Idee, doch einmal eine eigene Formation für Blechbläser und Schlagwerker zu gründen.
Durch die Begegnung mit Matthias Höfe wurde das Projekt erweitert: man beschloss, nicht einfach ein weiteres Quartettchen zu machen, sondern in die Vollen zu gehen und etwas auf die Beine zu stellen, was es in Österreich (und Europa) so noch nicht gegeben hat: ein zwanzigköpfiges Brass Orchester, eben nur mit Blechbläsern und Schlagwerkern. Man versammelte die besten Solisten aus diesen Bereichen um sich, und zwar nicht nur aus Orchestern wie den Wienern, den Berlinern und den Dresdnern, sondern einfach die Besten ihrer Zunft wie z.B. aus Hamburg, Mannheim, München, Würzburg etc. auch wenn sie gerade keine freie Orchesterstelle innehatten.
Matthias Höfs und Peter J. Lawrence besorgten die raffinierten Arrangements, und der Erfolg war seit dem ersten Konzert im Musikverein von Anfang durchschlagend.
Das Ensemble spielte zuerst ohne Dirigenten, dann sagte der russische Dirigent Tugan Sokhiev, der nach seinem Rücktritt in Moskau und Toulouse einige Termine frei geworden waren, auf Anfrage ohne Zögern sofort ja und begeistert zu. Mit ihm entstand auch eine erste CD : OVERTURE !
Dann folgte ein weiterer Qualitätssprung. Die unerschrockenen Brassisten traten an Maestro Muti heran und spielten ihm ihre Aufnahmen vor. Als er begann, mit seinen Fingern auf dem Tisch mitzutrommeln, wussten sie, dass die Sache gewonnen war.

Copyright: Zani Casadio
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.
Nun muss man wissen, dass Maestro Muti als Süditaliener ein groooosser Freund der „Bandas“ ist, jenen eigentlich von Liebhabern, „Dilettanten“ und „Amateuren“ getragenen Blasmusikkapellen, die in Apulien, Kalabrien etc. zu den „patronalen Festen“ (zu Ehren des lokalen Heiligen und Schutzpatrons) in eigens errichteten schön geschmückten Musikpavillons auftreten. Muti bemerkt ganz richtig, das diese aus Leidenschaft getriebenen Formationen, lange vor Radio, Fernsehen, Schallplatten, CDs und Spotify die wahnsinnig wichtige Funktion hatten, klassische Musik in entlegenen Ortschaften zu „divulgieren“. Denn die Bandas spielten und spielen (soweit es sie noch gibt) nur das Beste vom Besten: Transkriptionen der Norma, der 9. Beethoven etc.
Wer das einmal gehört hat, wird seine Ohren für immer durchblasen und durchspült haben…
Es ist also kein Wunder, dass sich Muti, der sich intensivst und mit Herzblut für das Weiterbestehen und die Förderung dieser einzigartigen regionalen Klangkörper einsetzt, in den Philharmonic Brass so wie eine Fortsetzung dieser gefährdeten Tradition sieht, halt nur upgegradet mit Top Playern.
Der Maestro nahm mit ihnen sogar eine neue CD für das neugegründete Label Supreme Classic auf mit dem schönen Namen ITALIANA !
Der Höhepunkt erfolgte jetzt bei „seinem“ Ravenna Festival, bei dem er die Philharmonic Brass in der endlich frisch renovierten Rocca Brancaleone vor 1400 Zuschauern dirigierte.
In einer seiner launigen Ansprachen warnte Muti das Publikum davor, dass sie jetzt etwas zu hören bekommen würden, wie sie es noch nie gehört hätten.
Im normalen Orchester verbinde man das Blech in erster Linie mit Lärm und Umtata, während die Instrumente hier in diesen Bearbeitungen, zum Beispiel der Guillaume Tell-Ouverture (bei der sie sogar die Geigen ersetzen), eine bisher unvorstellbare Flexibilität und Expressivität und Klangfarbenreichtum an den Tag legen.
Dasselbe sagt auch Tubist und Obmann Paul Halwax auf die Frage, warum die Brassen, die es ja auch ohne könnten, denn lieber „unter“ einem Dirigenten spielen wollen: „Durch den Dirigenten, durch Muti, fühlen wir uns als Musiker wahrgenommen, und nicht nur als Blechbläser.“. Das ist doch rührend und schön.
Das Publikum reagierte auf das rein italienische Programm (ausser der Guillaume Tell-Ouverture noch die Ouvertüren aus Nabucco und L‘Italiana in Algeri, das Intermezzo aus Manon Lescaut, das in Italien sehr beliebte, bei uns völlig unbekannte Notturno von Giuseppe Martuzzi, I Pini di Roma von Ottorino Respighi etc.
Das Publikum reagierte jedenfalls begeistert und mit Standing Ovations. Ein im wahrsten Sinne des Wortes erhebender Abend.
Noch auf dem Heimweg hörte man ältere Ravennatische Damen der Gesellschaft einander sprachlos anstammeln, dass sie so etwas Virtuoses in ihrem doch schon etwas langem Leben noch nie gehört hätten. So soll es sein…
Mehr Muti ! Mehr Philharmonic !! More Brass !!!

Foto: Robert Quitta
Ps: die aufgeweckten Brassis nützten das Mega-Konzert, dem aktuellen Retro-Trend zum Vinyl folgend, auch für die Erstpräsentation der Vinyl-Doppelalbum-Version ihrer CD ITALIANA ! Fand auch großen Anklang…
Robert Quitta, Ravenna

