Liszt Festival Raiding

Die Klaviertasten getauscht mit dem Dirigentenstab
Franz Liszt und Richard Wagner – von Raiding nach Bayreuth
Fast wäre es ein Geburtstagsgeschenk geworden für den Genius loci. Und dies zum Jubiläum des 20jährigen Bestehens des Liszt-Festivals, das im burgenländischen Raiding seinem berühmten Klaviervirtuosen Franz Liszt, geboren am 22. Oktober 1811, ein großangelegtes kulturelles Zentrum beherbergt und seinen Namen in alle Welt hinausträgt. Gepflegte Parkanlagen, zum Verweilen einladende Räume wie ein Salon, Liszts Geburtshaus und seine Instrumentensammlung bleiben mit vielen bleibenden Eindrücken keinem Touristen verborgen, selbst wenn er vielleicht bisher mit Liszts Musik und seiner Tastenkunst nicht viel anzufangen wusste. Klassikkenner freilich werden noch mehr belohnt mit dem akustisch und architektonisch bestens geeigneten Holzbau eines Konzertsaales. In diesem schreiben kontinuierlich engagierte Elitekünstler bereits Erfolgsgeschichte, was sich auch diesmal bestätigte. Dass den musikbesessenen Intendantenbrüdern Eduard und Johannes Kutrowatz einzigartige Programmideen einfallen, treibt die Popularität ihres Unternehmens verlässlich in die Höhe.
Ich durfte am 16. Oktober 2026 um 18.30 Uhr am jubilierenden Eröffnungskonzert des Festivals teilnehmen und wurde Zeuge eines Erlebnisses, das wahrlich eine Vortragsfolge von Raritätswert beinhaltete. Lehrreich und klug wurden Franz Liszt und Richard Wagner mit ihren Werken gegenübergestellt. Die Frage stellt sich, was denn der zu Lebzeiten von Gesellschaft und Gönnern angebetete „Tastenlöwe“ Liszt mit dem Operngiganten Wagner zu tun hätte. Worauf beruhen ihre genremäßig und auch menschlich miteinander unvergleichlichen Künstlerpersönlichkeiten? Eine interessante Konfrontation, die einiges aufklärt zwischen dem früheren Liszt (*1811) und späteren Wagner (*1813). Es gibt nämlich verwandtschaftliche Beziehungen: Liszt wird Wagners Schwiegervater mit der Heirat seiner Tochter Cosima (1870). 1848 wird der Pianist Liszt Weimarer Hofkapellmeister, übt das Dirigierehrenamt aus, hebt 1850 Wagners „Lohengrin“ dort aus der Taufe und revolutioniert die Technik des Dirigierens auf eine heute überholte Weise. Frei sollte der Dirigent sein, frei von seelenlosem Taktklopfen. Liszt überträgt den akademischen Klang der Klaviertasten auf die Musiker, bei denen die Rhetorik und der Atem der Phrasierung von Fesseln befreit sein sollen. Damit wird auch deren Würde aufgewertet. Was soll man da zur Ausübung des heutigen Orchesterdirigierens sagen? Bescheidenheit, Liebe zum Werk, Leidenschaft sind immer gefordert, auch Charisma und noch vieles mehr, was ein Konzerterlebnis zur unvergesslichen Begegnung macht. In seinem Debüt in Raiding blieb Martin Sieghart (75) dem Festkonzert für Liszt nichts schuldig und erwies sich als ein Glücksfall am Pult des Wiener KammerOrchesters, das brillant aufspielte und in sich homogen war. Der frühere Chefdirigent des Linzer Bruckner Orchesters war vermutlich auch der Ideenlieferant des reinen Liszt-Wagner-Programmes. Unter seiner zurückhaltenden, aber auch Sturm und Drang versprühenden Leitung waren die Weimarer Revolution und die Allianz zwischen Liszt und Wagner authentisch erfahrbar. Liszts Festklänge, Sinfonische Dichtung Nr. 7, zu Beginn und Les Préludes, Sinfonische Dichtung Nr. 3, zum Finale bildeten die Klammer zu zwei Wagner-Opernouvertüren. In den Liszt-Stücken, die der Komponist selbst nicht als seine glücklichsten bezeichnete, standen persönliche Schicksalsschläge hinter der Entstehung. Während dort ein echter monarchischer Wind über die Stimmen brauste, sind bei Wagners „Rienzi“ und „Holländer“ Opernouvertüren die eruptiven Ausbrüche von Melodie und Tiefgefühl für die dramatische Hingabe der Musik an den Inhalt der Opern so ergreifend gelungen, dass man es in dieser dichten Konstellation einer historischen Liszt-Wagner-Achse wohl nirgends hätte erleben können. Insgesamt war alles an von Liszt Geschenktem in Raiding kein übliches Konzert mehr, sondern Elementarereignis eines seinen Genius loci verehrenden kleinen Dorfes. „Le Concert c´est moi“ hätte Liszt resümiert.
Großer Jubel für immer.
Georgina Szeless
Kulturjournalistin

