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PODGORICA/ Muzički centar Crne Gore: BARŠUN I PLAMEN

Sinnliche Klangwelten und virtuose Intensität mit dem Crnogorski simfonijski orkestar

Montenegrinisches Nationalorchester
am 27.2.2026

 

Unter dem Titel „Baršun i plamen“ (Samt und Flamme) präsentierte das Crnogorski simfonijski orkestar ein Programm, das einen weiten Spannungsbogen schlug – von spätromantischer Sinnlichkeit über meditativ-spirituelle Klangwelten bis hin zu funkelnder Virtuosität.

Im Mittelpunkt des Abends stand der Violinist Roman Simović, der sämtliche Werke als Solist interpretierte. Er spielte eine Violine von Antonio Stradivari aus dem Jahr 1709 mit einem ganz eigenen Klang.

Roman Simović
Roman Simović begeisterte in Podgorica (Foto: Duško Miljanić, © Muzički centar Crne Gore)

Am Pult stand Chefdirigent Mark Korović, der das Orchester mit sicherer Hand führte und zugleich immer wieder ungewöhnliche Rollenwechsel vollbrachte. Sei es als Pianist oder sogar als Sänger. Diese ungewöhnliche Mehrfachrolle verlieh dem Abend eine besondere, beinahe intime Perspektive auf sein künstlerisches Selbstverständnis.

Im bis auf den letzten Platz gefüllten Saal herrschte eine erwartungsvolle, hochkonzentrierte Atmosphäre; Programmheft und Wasser als Pausengetränk waren im Eintrittspreis enthalten; eine ebenso aufmerksame wie publikumsfreundliche Geste.

Mein Platz in der ersten Parkettreihe bot zudem eine Akustik von nahezu unglaublicher Transparenz: Jeder Klang, jede Nuance war unmittelbar und differenziert erfahrbar.

 

Ernest Chausson: Poème für Violine und Orchester, op. 25

Das Konzert begann mit Chaussons Poème, einer melancholischen Klangdichtung, die das Publikum sofort in ihren Bann zog. Simović spielte mit warmem, beseeltem Ton, fast so, als würde er jede Note persönlich erzählen. Die langen Legatobögen wirkten natürlich, nie aufgesetzt, und das Orchester reagierte sensibel, ließ Raum und Spannung gleichzeitig bestehen. Dieses Stück gelang zu einem poetischen Auftakt, der den ersten lyrischen Akzent eines kontrastreichen Abends setzte.

 

Arvo Pärt: Fratres

Fratres
Chefdirigent Mark Korović als Begleiter am Flügel (Foto: Duško Miljanić, © Muzički centar Crne Gore)

Bei Fratres wandelte sich die Atmosphäre zunächst in meditative Intimität, doch unter der ruhigen Oberfläche entfalteten sich immer wieder energiegeladene Verdichtungen. Korović begleitete Simović am Flügel, während das Orchester passiv blieb und aufmerksam lauschte. Jede Geste der beiden wirkte wie ein konzentrierter Dialog; selbst Simovićs Atmen war bisweilen hörbar und verstärkte die menschliche Nähe dieses Moments. Die minimalistische Struktur von Pärts Tintinnabuli-Technik entfaltete eine fast sakrale Intensität. Zugleich verlieh die Duo-Situation dem Werk eine kammermusikalische Wärme inmitten des großen Saals.

 

Camille Saint-Saëns: Introduktion und Rondo Capriccioso, op. 28

Mit Saint-Saëns kehrte die publikumswirksame Virtuosität zurück. Simović meisterte die schnellen Läufe, perlenden Arpeggien und spanisch gefärbten Rhythmen mit spielerischer Leichtigkeit. Dabei wirkte er optisch sympathisch und unaufgeregt, fast wie ein Vertrauenslehrer. Das Orchester begleitete transparent und präzise, während die energiegeladenen Passagen das Publikum zu starkem Applaus hinrissen.

 

Johann Sebastian Bach: „Erbarme dich“ aus der Matthäus-Passion

Erbarme dich
Auch als Sänger begeisterte Mark Korović  (Foto: Duško Miljanić, © Muzički centar Crne Gore)

Hier erreichte die Intimität des Abends ihren Höhepunkt: Korović dirigierte den Beginn und drehte dann kurz vor einsetzen des vokalen Parts seinen Musikern den Rücken zu. Mit wohlklingendem sicher sitzenden Tenor übernahm er selbst den Gesang, während Simović die Violinstimme kommentierend, erzählerisch gestaltete. Der Moment war intensiv, unmittelbar und emotional, fast so, als säße man im Wohnzimmer der Musiker und nicht in einem Konzertsaal.

 

Jules Massenet: Méditation

Die Méditation leitete zurück zur lyrischen Melodik. Simovićs schlanker Ton und kontrolliertes Vibrato verliehen dem Stück neue Klarheit, das Orchester schuf einen schwebenden, leuchtenden Klangteppich. Das Werk geriet so zur ruhigeren Vorbereitung auf das große Finale.

 

Franz Waxman: Carmen-Fantasie

Den glanzvollen Abschluss bildete Waxmans Carmen-Fantasie. Simović meisterte die technisch höchst anspruchsvollen Passagen mit Spielfreude, das Orchester unterstützte gleichsam kraftvoll wie sensibel. Das Finale entfaltete ein Feuerwerk an Klangfarben und technischem Können, das das Publikum mit stehenden Ovationen und anhaltendem Applaus belohnte. Dirigent und Solist wirkten wie Spielkameraden, die sichtbare Freude an ihrem Tun hatten und stolz darauf waren, dass alle ihre Ideen so gut beim Publikum angekommen ist.

Der dramaturgische Bogen von Ernest Chausson bis Franz Waxman war stringent und klug disponiert: introspektive Ruhe, meditatives Innehalten, virtuose Brillanz und emotionale Direktheit verschmolzen zu einem sinnlich überzeugenden, unvergesslichen Konzert. Zugleich erwies sich das Programm als ausgesprochen publikumswirksam und für die Zuhörer angenehm zugänglich, ohne an künstlerischem Anspruch einzubüßen. Es geriet zu einer gelungenen Balance aus Tiefgang und unmittelbarer Wirkung. Dieser Abend bewies, dass die Hauptstadt Montenegros kein weißer Fleck auf der Landkarte der klassischen Musik ist.

Marc Rohde

 

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