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Peter Wehle: BEETHOVEN

07.05.2020 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Peter Wehle
BEETHOVEN
Von allem mehr
256 Seiten, Amalthea Verlag, 2020

Im Vorwort zerbricht sich der Autor – völlig legitim – den Kopf, ob man „Beethoven“ überhaupt in die Nähe kommen könne. Vermutlich nicht. Dann versucht er es doch. Auf scheinbar simple Weise: Peter Wehle – ausgewiesen als Sohn eines berühmten Vaters, selbst klinischer Psychologe, Musikwissenschaftler, Verfasser ebenso von Kriminalromanen wie Musikerbiographien – erzählt. Chronologisch, faktenreich. Obwohl man weiß, dass es von den Fakten her  zu Beethoven natürlich nichts Neues zu sagen gibt – es geht nur darum, wie man sie darstellt und bewertet.

Und bald merkt man, was an diesem Buch anders ist als den anderen, wo sich die Autoren mit ihren Gedanken und Überlegungen gern in den Vordergrund schieben. Hier geht es um Beethoven in seiner Zeit, und das vor allem, durch die Augen seiner Mitwelt. Noch nie fand man in einem Buch so viele „O-Töne“, Zeitzeugnisse, in ausführlichen Zitaten. Sie sind durch Einzug deutlich abgesetzt, und wer will, kann sich solcherart durch das Schicksal Beethovens lesen. Er wird sich an die (in unseren Augen „altmodischen“) Formulierungen gewöhnen, wie sie die deutsche Sprache in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auszeichneten – und er wird vor allem der Beethoven-Welt atmosphärisch ungemein nahe kommen. Und es wird völlig klar, um wie viel intensiver Ereignisse wirken, wenn Augenzeugen sie berichten, als wenn der Biograph seinerseits über Berichtetes referiert. Auch damals wurde der Künstler schon weidlich angehimmelt, aber es gibt sehr viel Greifbares, Reales, ganz Nahes zu erfahren. Witzig, detailreich, widersprüchlich. Wie der Mann, um den es geht.

Natürlich muss die Geschichte erzählt werden, Peter Wehle tut es von den Vorfahren bis zum endgültigen Ende des Sterblichen, als man ihn auf den Zentralfriedhof brachte, wo er heute, unter einer Art Obelisken liegend, für Touristen das unschlagbare Trio Beethoven – Mozart – Schubert bildet. Eine „Attraktion“, wie sie wohl keine andere Stadt zu bieten hat. Wobei der Autor in einem persönlichen Epilog Wien und den Wienern volle Gerechtigkeit widerfahren lässt.

Denn tatsächlich hätte Beethoven vermutlich in keiner anderen Stadt „Beethoven“ werden können, mit einer aufgeschlossenen Aristokratie, einem musiksüchtigen Bürgertum und einer Welt, die trotz Napoleonischer Kriege und Biedermeier doch die Aufklärung von Joseph II. noch in sich trug. Wien nahm Beethoven auf, hier fand er im vollsten Sinne des Wortes „Lebensraum“ für sein Genie.

Und im Anhang gibt es noch einen Exkurs durch Beethovens wichtigste Werke, eine Schnellinformation, die sich als nützlich erweist.

Aber, wie gesagt, die Zitate sind das Besondere. Nun ist das Buch keine Dokumentensammlung per se, aber es lebt von diesem Gefühl der Authentizität, die immer auch aus den immer punktgenau eingestreuten Bildern spricht. Der Verlag hat sich nicht lumpen lassen, und solcherart ersteht eine Welt, aus der Beethoven heraus zu verstehen ist – und keine Angst, er erreicht uns dennoch.

Hier wird ein leichter, aber nie oberflächlicher Zugang geboten, faktenreich, eng an der widersprüchlichen Persönlichkeit Beethovens entlang, der für viele kein angenehmer Zeitgenosse gewesen sein mag, aber uns in seiner Widerständigkeit so sympathisch ist. Wer die schweren wissenschaftlichen Wälzer scheut, ist auf der Suche nach dem Menschen Beethoven hier richtig, findet einen unprätentiösen Weg, sich mit dem Genie zu beschäftigen.

Renate Wagner

 

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