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Paul Lendvai: DIE UNGARN

02.11.2020 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Paul Lendvai
DIE UNGARN
Eine tausendjährige Geschichte
587 Seiten, Verlag Ecowin, 2020

Die Selbstdefinition von Paul Lendvai lautet: „ein nach 60 Jahren in Wien zum Österreicher gewandelter gebürtiger Ungar jüdischer Herkunft“. Und dass er Ungar ist, hört man noch immer, den unverwechselbaren Zungenschlag, mit dem diese Nation Deutsch spricht, hat er nicht abgelegt.

Paul Lendvai, geboren 1929 in Budapest, war noch nicht dreißig, als er in der Folge des Ungarischen Aufstands 1956 auf atemberaubender Fluchtroute 1957 nach Österreich kam, wo er eine bemerkenswerte Karriere als Journalist und Autor gemacht hat, ein viel geehrter, anerkannter Kenner Osteuropas aus der Nähe. Er hatte den Nationalsozialismus überlebt und war im kommunistischen Land als sozialdemokratischer Journalist tätig gewesen, unerwünscht als solcher und als Jude.

In tiefer Seele Ungar, ist er auch in seiner neuen Heimat der alten tief verbunden. Sein Buch über „Die Ungarn“ (man merke, es geht um die Menschen mehr als um das im Lauf der Geschichte stets zerrissene Land) erschien erstmals 1999, damals noch mit dem Untertitel „Ein Jahrtausend Sieger in Niederlagen“. 2016 erschien „Orbans Ungarn“, eine gnadenlose Darstellung des ungarischen Ministerpräsidenten, die Lendvai im Land seiner Geburt zur Persona non grata gemacht hat.

Dennoch hat es den Anschein, die Neuauflage seines „Klassikers“ gilt weniger dem Bedürfnis, die Geschichte Ungarns erneut ins Bewusstsein zu bringen, als sie vielmehr um ihre letzten Jahrzehnte, voran die Ära Orban, zu ergänzen. Denn tatsächlich hat das Land, das politisch schon so gut wie alles erlebt und erlitten hat, hier eine neue Wendung vollzogen.

Zuerst geht es auf gut 500 der 600 Seiten um die ungarische Geschichte, die auch heute noch Interpretationen offen lässt, denn Historie ist bekanntlich auch Ideologie. So wünschen sich auch in der Gegenwart noch viele Ungarn, von den legendären „Hunnen“ abzustammen, wogegen zu sprechen scheint, dass ein asiatisches Steppenvolk wohl kaum jene „ugrische“ Sprache besessen haben kann, die die „Magyaren“ (auch sie ein Steppenvolk, das einige Jahrhunderte nach den Hunnen über Europa herfiel) kennzeichnet.

Tatsache ist, wie Lendvai breit ausführt, dass es jene „nationalen“ Ungarn, die Viktor Orbán postuliert, in diesem Sinn nicht gibt. Und doch haben sie dank ihrer Sprache, wie man liest, die als „chinesische Mauer“ fungierte, zwischen Deutschen und Slawen überlebt. Aber auch nur, indem sie diese ebenso wie die Juden in hohem Maße integriert haben. Es gibt „echte“ Ungarn kroatischer und slowakischer, serbischer und rumänischer ebenso wie deutscher und jüdischer Herkunft. Schon der Nationalheld- und heilige (auch für Orbán) König Stephan I. (969-1038), der die Christianisierung des Landes betrieb, hatte angesichts seiner Heirat mit Gisela von Bayern viele Deutsche herangezogen. Ungarn als multinationale Macht im Osten erreichte unter König Matthias Corvinus (1449-1490) die größte Ausdehnung, wobei ihn seine Kriegszüge auch bis in die Habsburgischen Lande von Kaiser Friedrich III. führten und er den österreichischen Erzherzogstitel begehrte.

Lendvai schildert in vielen Kapiteln chronologisch die Geschichte Ungarns, die immer wieder als Erste dem Vorstoß der türkischen Expansionsbestrebungen ausgesetzt waren. In der Schlacht von Mohács am 29. August 1526 unterlagen die Ungarn den Osmanen unter Süleyman I. Der Tod von König Ludwig II., der mit Maria, einer Enkelin von Kaiser Maximilian I. verheiratet war, brachte den Habsburgern (nach langen Kämpfen) das, was von Ungarn übrig geblieben war, nachdem sich die Osmanen mit „Türkisch Ungarn“ einen gewaltigen Teil geholt hatten. Erst unter Prinz Eugen konnte man die Türken dann aus Europa zurück drängen.

Mit Maximilians Heiratspolitik begann zu Beginn des 16. Jahrhunderts eine dreihundertjährige gemeinsame Geschichte mit Österreich, als die Habsburger Ungarn ihrer „Monarchie“ einfügten. Man hatte gegenseitig keine Freude an einander, die Spannungen und Animositäten waren permanent, nur zwei schöne Frauen konnten die stolze und freiheitsliebende Nation, die die „deutschen“ Österreicher immer als Besatzer empfand, besänftigen: die junge Maria Theresia, die in Pressburg auf den Königshügel ritt, um sich die ungarische Krone (und die Unterstützung in ihren Kriegen) zu holen, und die leidenschaftlich für Ungarn entflammte Kaiserin Elisabeth, die den „Ausgleich“ 1867 und damit weitgehende Selbständigkeit der Ungarschen Reichshälfte bewirkte, die über gewaltige Gebiete herrschte. (Die Königin Erzsebet wird bis heute von vielen Ungarn verehrt.)

Nach Ende des Ersten Weltkriegs waren die Gebietsverluste für Ungarn fast so verheerend wie für die Habsburger: In Trianon amputierte man das historische Ungarn von 282.000 bzw. 325.000 Quadratkilometern (letztere mit den kroatischen Gebieten) auf 93.000 Quadratkilometer. Das meiste bekam Rumänien (vor allem Siebenbürgen), vieles ging an Tschechien, vieles an Serbien, Kroatien, Slowenien. Österreich erhielt mit dem Burgenland ein Stückchen „Puszta“ und ein Stückchen Neusiedlersee. Drei Millionen Ungarn lebten von da an „im Ausland“ (und man weiß, dass Persönlichkeiten, die mit rumänischen Pässen nach Österreich kamen wie Ioan Holender oder Ildiko Raimondi, unter einander Ungarisch sprachen, denn schließlich stammten sie aus Temeswar).

Ungarn hatte, wie der Rest Europas, in der Folge nichts zu lachen, erlebte den Zweiten Weltkrieg und hatte danach nicht das Glück, wie Österreich seine Freiheit zu erlangen, sondern wurde zu einem Satellitenstaat der kommunistischen Sowjetunion, die 1956 den Ungarn-Aufstand so entschlossen erledigte wie später jenen von Prag.

Und schließlich und endlich erzählt Lendvai ausführlich und übersichtlich (und mit gnadenlosem Blick auf den „Diktator“), wie Viktor Orbán und seine Fidesz-Partei die Macht im Lande übernahmen und diese mittlerweile so gut wie absolut ausüben. Das beinhaltet auch ein „Umschreiben“ der Geschichte, so dass der ungarische Anteil am Holocaust geleugnet wird. Das einzig „Positive“, was Lendvai über den studierten Juristen Orbán zu sagen weiß, ist, dass er die Kunst der Manipulation perfekt beherrscht. Es ist ihm gelungen, ein Netzwerk von alten, vertrauten Freunden in die wichtigsten Stellen der Politik zu bringen (und wer nicht vollkommen loyal war, wurde wieder entfernt). Ein, wie Lendvai ausführt, schamloses Einsetzen von Korruption machte alle in seinem Kreis reich und mächtig und sicherte ihm kontinuierlich die Macht, die er – nach eigener Aussage – auch noch die nächsten 30 Jahre innehaben möchte (dann wäre er 90).

Presse- und Meinungsfreiheit wurden auf ein Minimum reduziert, die Ungarn nationalistisch zur „Nation“ erklärt, die jedem Auslands-Ungarn einen Paß zugestand (damit er Orbán wählen konnte), Antisemitismus und Fremdenhass werden gepredigt, was es Orbán ermöglichte – so ziemlich zum Entsetzen der EU – auch jegliche Flüchtlinge von seinem Land fern zu halten, und zuletzt, angesichts der Pandemie, völlig autoritär zu verfahren.

Viktor Orbán hat, so der Autor, Ungarn zu einem Ein-Parteien-Staat gemacht und von der Demokratie in die Autokratie geführt. Kein Wunder, dass Donald Trump sich von ihm beeindruckt zeigte… Und keine Frage, dass Paul Lendvai in absehbarer Zeit im Land seiner Geburt nicht zum Ehrenbürger ernannt werden wird…

Renate Wagner

 

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