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PARIS/ Opéra Bastille: DON GIOVANNI zum 70. Geburtstag des Regisseurs Michael Haneke

24.03.2012 | KRITIKEN, Oper

PARIS « DON GIOVANNI » Opéra National de Paris – Bastille 23.3.2012


Peter Mattei als Don Giovanni  mit Zerline und Massetto. Foto: E. Mahoudeau

Paris feiert den 70. Geburtstag des österreichischen Regisseurs Michael Haneke mit einer Aufführung seiner aus dem Jahr 2006 stammenden, in Frankreich bereits Kult gewordenen Inszenierung von Mozarts Don Giovanni im gläsernen Büroturm. Der musikalische Chef der Oper, Philippe Jordan, setzt dem eine dramatisch wuchtige, vorwärts drängende Lesart hinzu: Damit bereichert er den Theater-Mythos Don Juan um das Universelle Mozarts vis à vis einer allzu konkreten, obsessiven Regie.

 Alles wurde schon geschrieben über Hanekes abgründige, brutal quälende, realistische Operndeutung mittels Verlagerung der Handlung in die Einheitsszene eines modernen Büroturms aus Glas und Stahl (Bühnenbild: Christof Kanter). Das gesamte Giovanni-Personal findet sich abends in mit Neonlicht kalt beleuchteten Gängen dieses x-beliebigen Business- Centers in einer Art empirischen Versuchsanordnung. Der Schauplatz mag ein Multinational oder eine Bank in der Londoner City, der Wall Street, in Frankfurt oder in La Défense sein. Aus hohen Fenstern sieht man zum Greifen nahe andere grell erleuchtete Büros, wo rund um die Uhr gearbeitet wird. Einigen französischen Kritikern ist als aktuelle Assoziation das Hotel Sofitel in NY im Skandal rund um Dominique Strauss-Kahn eingefallen. Die Gesetze, die herrschen, sind jedenfalls überall dieselben: Das Geld – das schon längst alle Standes-Privilegien der Geburt beim Adel abgelöst hat – und die damit verbundene Macht kreieren das sadistische, metro-sexuelle Raubtier Giovanni, der am Ende aber selbst zum Opfer der eigenen Verfangenheit in dieser zynischen kapitalistischen Vernichtungsmaschine wird. Wie mit einem Skalpell seziert Haneke die Pathologie von Machtmissbrauch und Unterwerfung im ganz alltäglichen (Berufs-)Albtraum von Erniedrigung, Benützung und totaler Entwertung des Individuums. Haneke: „Ich war auf der Suche nach einer Form, wo ich den Zuschauer selbst in das Zentrum der Geschichte stellen kann. Mit seinen eigenen Ängsten und Aggressionen.“ Dieses Konzept, das uns in die Abgründe eines „barbarischen Liberalismus“ einer dunkel entfesselten Finanz-Spekulationswelt taucht, funktioniert als bloßes Theaterstück auch im sechsten Jahr nach der viel beachteten Premiere (Anm.: Ära Gérard Mortier). Dieser Don Giovanni, umgeben von stereotypen Micky Mäusen, ist aber ebenso die andere Seite der Medaille eines spießigen, mediokren Bürgertums, das schon längst alle Werte von Ehe und gesellschaftlicher Verantwortlichkeit hinter sich gelassen hat: Das „menschliche Mittelmaß“ auf einer angstvollen, ewigen, ausweglosen Suche nach der Lust, die es zu prüde und verklemmt ist, sich zu gönnen. – „So weit, so gescheit“.

Aber es gibt da ja „leider“ auch noch Mozarts Musik zum Libretto da Pontes. Und da habe ich zur sicherlich präzisen, aber manichäischen Studie doch einige Anmerkungen – was das Verhältnis Theater-Musik betrifft – parat: Zuallererst: Wo bleibt das dramma giocoso? Don Giovanni ist nach Le Nozze di Figaro die noch schwärzere Komödie, im Wesenskern auch burleskes tragikomisches Barocktheater. Keine Spur davon in der todernsten, völlig humorlosen Umsetzung Hanekes. Das französische Publikum lacht dementsprechend nur dann, wenn es aus den Übertiteln eine „witzige Pointe“ aufschnappt. Zweitens ist es einem spannungsgeladenen musikalischen Bogen völlig abträglich, die mit Hammerklavier begleiteten Rezitative eines „genialen Regieeinfalls wegen“ zu dehnen oder einfach auszusetzen und die Aufführung so akustisch zum Stillstand zu bringen. Da werden dann halbe Minuten lang Kerzen angezündet oder wieder ausgeblasen und ähnlicher Firlefanz angestellt. Mozarts Musik bekommt das nicht gut. Den daraus resultierenden Verlust an musikalischer Spannung kann auch einer der heute besten Dirigenten, Philippe Jordan, mit dem herausragend disponierten Orchester der Opéra National de Paris nur mit äußerster Anstrengung wieder wettmachen. Ihm stehen dabei – wenigstens in allen männlichen Hauptrollen – hervorragende Sänger zur Verfügung.

Primus inter pares der Don Giovanni des Peter Mattei im Business-Anzug (Kostüme Annette Beaufays), dessen Bariton vor allem im hohen Legato wunderbar gurrt und lockt, schmeichelt und verführt. Als Darsteller ist ihm die Rolle eines gestandenen, widerlichen brutalen Machotiers mit Allmachtallüren zuteil. Beides passt ihm wie angegossen, auch wenn kein Geheimnis diesen als Figur doch sehr banalen Don Giovanni umweht. Am Ende wird er von Donna Elvira erdolcht und von der gesamten Belegschaft zum Fenster hinaus entsorgt. Paata Burchuladze als Commendatore ist der unverändert mit mächtigem Bass Giovannis Reue einfordernde Schrecken der Business-Hölle. Für den eher als zweiten Vorstandsdirektor denn als Diener gezeichneten Leporello hat man nach Absage des Luca Pisaroni in David Bizic gleichwertigen Ersatz gefunden. Er darf nicht nur Elvira auf die falsche Fährte führen, sondern wird von Giovanni für seine Dienste auch mit einem Kuss belohnt. Die in Frankreich hoch im Kurs stehende Veronique Gens als kleinbürgerliche Zicke Elvira und herabgekommene Alkoholikerin ist stimmlich die größte Enttäuschung des Abends. Ein im Ansatz dramatischer, aber flackernder (Mezzo)Sopran mit bereits scharfer Höhe und ungenauen Läufen ist keine Empfehlung für diese Schlüssel-Rolle der Oper. Den Klang der Stimme selbst hat man nach zwei Minuten schon wieder vergessen. Aus ganz anderen Gründen ist auch die quirlige, spielfreudige Patricia Pétibon keine gute Wahl für die Donna Anna. Ihr an sich markanter lyrischer Koloratursopran à la Nathalie Dessay gerät vor allem in den dramatischen Passagen hörbar an gefährliche Grenzen. Schlimmer aber ist, dass sie kein Tempo halten kann und damit so manches Ensemble und die nötige Harmonie mit dem Orchester auch in ihren Arien durch Schleppen empfindlich stört. Annas gar nicht so harmloser Mann für jede Gelegenheit Ottavio wird vom Schweizer Bernard Richter großartig gesungen. Mit unverwechselbarem, im Ansatz schon heldischem Tenor gelingen ihm gleichermaßen die zarten Lyrismen von „dalla sua pace la mia dipende“ als auch die kräftigeren Töne. Ein ernst zu nehmender Counterpart für Don Giovanni. Und eine echte Empfehlung für den Tamino bei den kommenden Salzburger Festspielen. Das bäuerliche Paar Zerlina und Massetto – in Hanekes Deutung gehören sie zum Putztrupp – Gaelle Arquez und Nahuel di Pierro, machen nicht nur der Pariser Oper, sondern auch Mozarts Partitur alle Ehre. Unverbrauchte junge schön timbrierte Stimmen, technisch untadelig, eine echte Freude. Letzteres gilt auch für das Dirigat von Philippe Jordan. Nach Richard Strauss und Wagner darf sich der zu Recht viel geschätzte Dirigent nunmehr auch als Mozart Exeget ersten Ranges empfehlen. Eine Oper wie Don Giovanni nach all den Original-Klangerfahrungen und vollem CD-Schrank anders hören zu dürfen, ist ein Geschenk. Als Quervergleich kommt mir am ehesten der erratische Otto Klemperer in den Sinn. Aber es ist doch ganz was Eigenes, was diese Don Giovanni-Interpretation so unvergleichlich macht: Das tiefe ureigene Empfinden des Dirigenten für Raum-Klangstrukturen im dramatisch inneren Kern der Aktion. Mozart angekommen im 21. Jhdt. ohne Verlust all dessen, was uns Tradition zu lieben gelehrt hat. Unverzichtbar!

 Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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