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PARIS/ Châtelet: NIXON IN CHINA

14.04.2012 | KRITIKEN, Oper

Paris: John Adams „NIXON IN CHINA“, Szenische Erstaufführung, Théâtre du Châtelet, 12. 4. 2012

Eigentümliches Werk! Es begann mit der Ausgangsidee (von Peter Sellars), den historischen 1. Staatsbesuch im Februar 1972 eines US Präsidenten, Richard Nixon, im kommunistischen China Mao Zedongs in eine drei-aktige Oper (sechs Bilder) zu verwandeln. Es ist ziemlich klar, dass weder Adams, noch die anderen Teilnehmer an diesem „Experiment“ nicht republikanisch gewählt haben, denn bisweilen wird diese Nixon-Oper eine Farce.
Jedenfalls gibt es für einen Staatsmann kaum eine langweiligere Aufgabe als Staatsbesuche zu machen. Man macht einen forschen Auftritt, spricht vorkarierte Floskeln und drischt Phrasen. Ein Staatsbesuch ist auf die Sekunde vom Protokoll beider Seiten genau geplant und es ist unmöglich, auch nur einen Schritt links oder rechts zu machen, einschließlich der Reden, Ansprachen und Toasts. Hat der werte Leser von irgend einem der zahllosen „Summits“, „Gipfeltreffen“ und anderen „Events“ der letzten Monate etwas anderes erfahren, als was er nicht bereits vorher wusste? Und aus so etwas macht man eine Oper? Die Librettistin Alice Goodman konnte aus dieser verbalen Leere auch bei bestem Willen und Können keine überzeugende dramatische Handlung herausschälen. Der 1. Akt leidet besonders an diesem Handicap. Im 2. Akt beginnt es in gleicher Weise beim Sightseeing von Pat Nixon. Aber beim Besuch der Pekinger Oper taut diese Öde etwas auf im Moment, wo Mme Mao eine fulminante Koloraturarie im Stile Bellinis singt, wo sie gegen die Klassenfeinde schimpft. Einzig der 3. Akt ist ein Rückblick der sechs Hauptfiguren auf ihr Leben und eine gewisse, wenn auch traurige, „Erfrischung“ in der Einöde der Nicht- bis Kaum-Handlung der beiden ersten Akte und da kommt es zu ein paar fast sentimentalen Ergüssen, einschließlich ein passend schmalziges Violinsolo.
Völlig unverständlich ist die Zeichnung von Henry Kissinger (was immer man von seiner Politik denken kann, wohl der gescheiteste und geriebenste Außenminister der USA der letzten 60 Jahre) als sexsüchtigen Trinker mit Stock in einer Flower-Power-Jacke. Idiotisch! Allein schon die Tatsache, dass Nixon eine der müdesten Figuren in der Geschichte der USA war, ganz abgesehen von „Watergate“ und seiner Absetzung. Ich erinnere mich an die Debatten 1960 mit Kennedy, wo Nixons völlige Unkenntnis der Weltlage, vor allem bez. China erschütternd war. Nixon war auch im Februar 1972 völlig überfordert und zeigt seine Mediokrität, einzig von der 1. Satelliten-Übertragung seines Besuchs begeistert, ein Fall von „the wrong man on the wrong place at the wrong time“. Ohne Kissinger wäre der Staatsbesuch ein Flop gewesen. Die Frage stellt sich, ob es eine gute Idee ist aus naher Geschichte eine Oper zu machen ….

Auch musikalisch ist die Oper enttäuschend. John Adams bekennt sich offen zu den amerikanischen Minimalisten um Terry Reiley, Steve Reich und Philipp Glass, deren Musik von winzigen Veränderungen eines repetitiven Themas in kammermusikalischer Behandlung gekennzeichnet ist. Doch Adams verwendet ein normales Orchester mit drei zusätzlichen Saxophonen. Die Modulation eines wogenden einfachen Dreiklang-Themas, das ständig wiederkehrt, ist eher mühsam, auch wenn die Orchestrierung gekonnt, aber bisweilen bombastisch wirkt. Die verschiedenen jazzigen Tanzthemen geben sicher einen gewisses lokales Kolorit, manchmal an Musical erinnernd, doch die Musik ist alles andere als begeisternd.

Die Inszenierung und Choreographie des chinesischen Regisseurs Chen-Shi Zhang war dagegen minimalistisch. Die Bühnenbilder der indischen Plastikerin Shilpa Gupta sind einfach und passend chinesisch. Die Landung der Nixons findet vor einer riesigen Ziegelmauer statt, vor der junge Pioniere Lob-Hymnen auf Mao und Nixon singen. Der schließlich fade Besuch von Pat Nixon im Museum wird durch vorbeiziehende schöne Skulpturen von Drachen, Rehen und Elefanten geschmackvoll gerettet und endet im mit Pagoden-Dach gekrönten Volkspalast für das Ballett des Roten Frauen-Bataillons. Das spektakulärste Dekor findet sich im 3. Akt, wo zu Beginn eine gigantische Mao-Statue hoch gehievt wird. Der ganze Akt dieses Rückblicks spielt vor dem Gerüst der Statue, von der man nur die Füße und den unteren Mantelsaum sieht. Auch die Kostüme von Petra Reinhardt waren einfach, besonders bei den Chinesen, die alle im standardisierten Mao-Look gekleidet sind. Nixon im typischen Business-Anzug der 70er Jahre, seine Frau Pat trägt einen schönen roten Mantel, Kissinger eine blaue oder bunte Jacke! Für die Beleuchtung des ganzen Spektakels zeichnete Alexander Koppelmann. Die diesmal wenig verwendeten Videos sind Olivier Roset zu verdanken. Sehr wichtig ist hier die Choreographie von Regisseur Chen-Shi Zhang und Yin Mei. Die Tänzer und Tänzerinnen, die das Ballet des Roten Frauen-Bataillons tanzen, unterstützt vom Chœur du Châtelet, waren fabelhaft.

Das seit Jahrzehnten existierende Ensemble Orchestral de Paris wurde umgetauft und heißt nun Orchestre de Chambre de Paris, das der Violinist Thomas Zehetmeier leitet. Für diese szenische Erstaufführung der Oper von John Adams hatte die musikalische Leitung Alexander Briger übernommen. Er kennt sichtlich und hörbar bestens die Musik des amerikanischen Komponisten.

Franco Pomponi als Richard Nixon hat den großen Vorteil, dass er erheblich besser als das Original aussieht. Außerdem singt er hervorragend und spielt blendend den recht naiven US Präsidenten, der ja ohne seinen Außenminister total verloren wäre. Nixons Eitelkeit und Beschränktheit stellt Pomponi in der Arie „News!“ blendend dar, wo der Präsident die Satelliten-Übertragung mehr interessiert als der Staatsbesuch und diese wie eine Siegeshymne singt. Die hervorragende June Anderson gab Pat Nixon eine wirkliche Persönlichkeit, was Frau Nixon auch kaum war. Anderson besitzt nicht nur nach wie vor eine herrliche Stimme, sie sieht sehr gut aus. Henry Kissinger ist ja hier total verzeichnet und die Rolle ist deshalb besonders heikel. Peter Sidholm erledigte sich gut und glaubhaft der mühsamen Aufgabe.

Bei den Chinesen wird es schwieriger. Mao Zedong erzählt den Amis einen ziemlich verwirrten Schwall von Philosophie und Slogans und ist hier ein Heldentenor. Alfred Kim ist zwar ein guter junger Tenor, aber hat nicht das Material eines Heldentenors, spielte aber den „alten Weisen“ sehr gut. Der Erfolg ist, dass er bisweilen richtiggehend bellt, vor allem in den Höhen. Jiang Qing, die Frau Maos und die wahre Macht hinter dem fast senilen Diktator (sie beging Selbstmord nach Maos Tod im Gefängnis als die Chefin des „Gangs der Vier“) war bei Sumi Jo bestens aufgehoben.  Sie spielte die fanatische Madame Mao, die über Leichen geht (und es gab Millionen), mit unglaublicher Kraft und sang ihre fulminante Belcanto-Arie bravourös, mit großem Szenenbeifall vom Publikum gefeiert. Der wirkliche Weise, Außenminister Chou En-Lai, vor dem Mao Angst hatte (deshalb verweigerte er ihm jegliche Krebs-Behandlung und ließ ihn miserabel verrecken) wurde von Kyung-Chin Kim bestens gezeichnet. Sein warmer Charakterbariton war bestens geeignet, um die gewisse Abgeklärtheit des Diplomaten zu zeichnen. Sehr wichtig sind die drei Sekretärinnen Maos, die ständig um den greisen Chef geschart waren und jedes Wort mitschrieben. Vor allem die erste, Nancy, halb Sekretärin, halb Krankenschwester wurde von Sophie Leleu sehr gut gezeichnet, flankiert von Alexandra Sherman und Rebecca de Pont Davies.

Großer Beifall, aber wie gesagt: ein eigentümliches Werk.                                Wilhelm Guschlbauer

 

 

 

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