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PALERMO/ Cantieri della Zisa: VOLVER von Giuseppe Provinzano

24.11.2018 | Allgemein, Theater


Copyright: Babel Crew

PALERMO/ Cantieri della Zisa: VOLVER von Giuseppe Provinzano

am 23.11.2018

Am Wochenende wurde in Palermo zum dritten Mal der vom italienischen Kultuministerium gestiftete PREMIO MIGRARTI (eine Wortschöpfung aus Migration und Kunst) vergeben. Fünf Finalisten präsentierten in der zum Kulturzentrum umgewandelten ehemaligen Eisenbahnfabrik Cantieri della Zisa ihre geförderten Produktionen. Gewonnen hat VOLVER, geschrieben und inszeniert von Giuseppe Provinzano. Und das völlig zu Recht – denn es ist eine alle anderen überragende Arbeit.

Eigentlich kann man Migrantentheater ja nicht mehr sehen, denn es ist in den letzten Jahren – besonders im deutschsprachigen Raum – zu so etwas wie einer zwanghaften Mode geworden. Kein Haus, das auf sich hält, kommt ohne eine entsprechende Inszenierung aus. Es ist mittlerweile nur noch ärgerlich, wie sich an ihre eigene Profession nicht mehr glaubende Intendanten und Regisseure in vampirischer Weise am Leid anderer Leute vergreifen, um ihren Theatern irgendwie „Relevanz“, „Authentizität“ und „Aktualität“ zu verleihen. Das schlechte Gewissen der Gutmenschen gebiert Monster. Schüchterne Einwände gegen möglicherweise nicht ganz so gelungene Verwirklichungen einer vielleicht an sich interessanten Idee werden mit Shitstürmen und Rassismusvorwürfen beantwortet: das seien doch e c h t e Migranten ! und dass das Ergebnissen keinen künstlerischen Ansprüchen genüge, sei doch völlig egal, denn das A n l i e g e n an sich schon wäre doch für die C o m m u n i t y soo WICHTIG ! ….Diskussion völlig zwecklos…


Copyright: Babel Crew

SOZIALARBEIT statt KUNST ? NEIN DANKE !

Von dergleichen halbgaren Hervorbringungen, von einer solchen zynischen Attitüde unterscheidet sich die Sieger-Produktion der Gruppe Babel in angenehmster Art und Weise grundlegend. VOLVER braucht keinen Flüchtlingsbonus. VOLVER braucht keine moralisch erzwungene Nachsicht. VOLVER kann man als vollgültige Theaterinszenierung wahrnehmen – und auch als solche rezensieren (ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen).


Copyright: Babel Crew

Autor und Regisseur Giuseppe Provinzino ist vor einigen Jahren in einem kleinen sizilianischen Dorf einmal Zeuge eine Milonga geworden. Aus dieser Idee hat er dann diese Geschichte eines Geschwisterpaares entwickelt, das nach Argentinien auswandert, sich dort versucht, eine Existenz aufzubauen, Tango lernt, sich verliebt, aber dann doch zu der auf der Insel zurückgebliebenen Mutter zurückkehrt (daher auch der Titel: volver = zurückkehren). Der Witz daran ist, dass alle acht Darsteller Immigranten der zweiten Generation sind – aus Mali, Nigeria, Sri Lanka, Bangladesh, Mauritius, Marokko, Tunesien und dem Iraq. Sie sprechen aber nicht nur fliessend italienisch sondern haben sogar extra den sizlilianischen Dialekt erlernt (was teilweise wirklich sehr sehr komische Effekte erzeugt).

Provenzano hat mit ihnen ein Jahr lang intensivst gearbeitet, sodass nunmehr fast alle auch ganz normalen schauspielerischen Standards genügen. Alle theatralischen Details sind liebevollst und professionellst gestaltet: das Bühnenbild (ein großes Fischernetz im Vordergrund, ein aus Leuchtröhren geformter „Bilderrahmen“ im Hintergrund), die Requisiten (z.B. die Armee aus Schuhen während der Tangoszene) und vor allem auch das subtil dramaturgisch eingesetzte Licht.

Wenn jenes dann am Schluss ausgeht, und ins Dunkle hinein der titelgebende Tango, gesungen vom göttlichen Carlos Gardel ertönt, bleibt im Publikum kein Auge trocken.

Absolut sehenswert !

Robert Quitta, Palermo


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