Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Otto Nicolai: DIE HEIMKEHR DES VERBANNTEN

12.10.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

CD  Nicolai Heimkehr des Verbannten

Otto Nicolai:
DIE HEIMKEHR DES VERBANNTEN 

cpo 2 CDs

Weitere sensationelle Ausgrabung der Oper Chemnitz

Zugespitzt könnte man sagen, Otto Nicolai habe mit der Heimkehr des Verbannten die schönste Schubert Oper geschrieben. Mich erinnert vieles an der musikalischen Substanz  an die besten Schubert Aufführungen in Wien unter Abbado oder Harnoncourt. Vorsichtiger ist es, dieses wunderbar dramatische Stück Musiktheater als Bindeglied zwischen der italienischen Phase des Otto Nicolai (der Belcanto-Hit „ll Templario“ wurde kürzlich ja auch in Chemnitz wieder aus der Taufe gehoben, und nicht in Salzburg, wie viele meinen) und den Weibern von Windsor zu qualifizieren. Jedenfalls kann diese Oper jedenfalls auch nach mehrmaligem Anhören als das „verkannte Hauptwerk“ des Otto Nicolai gelten. Il proscritto wurde 1841 an der Mailänder Scala uraufgeführt, und später in Wien zu einer deutschsprachigen Oper mit dem heutigen Titel umgearbeitet. Innerhalb von drei Jahren wurde „Die Heimkehr des Verbannten“ vierzig Mal am Kärntnertortheater/Hofoper aufgeführt. Schon zu dieser Gelegenheit hatte Nicolai die Hälfte der Musik neu komponiert. Die endgültige Version, an der Nicolai bis zu seinem Tod feilte, wurde posthum in Berlin 1849 unter dem Titel „Die Verbannten“ uraufgeführt.

Nicht uninteressant auch die Anekdote, dass Nicolai im Auftrag der Scala das Libretto für Nabucco vertonen sollte und Verdi für Il proscritto, die beiden sich aber final auf einen Tausch einigten. Gemeinsam ist den zwei Komponisten, dass sie ihre jeweils Geliebte als Titelsängerinnen der Uraufführung durchsetzten (keine gute Idee). Nicolai seine damalige Verlobte Emilia Frezzolini (die über einen unglaublichen Tonumfang verfügt haben musste) und Verdi bekanntlich seine spätere Ehefrau Giuseppina Strepponi. Frezzolini jedenfalls hat ihren Otto alsbald und noch vor der Uraufführung sitzen lassen und beinahe die Premiere „geschmissen“ weil sie – aus Bosheit – nur markierte, wie man so schön sagt.

In seiner Wiener Fassung fand Nicolai (schon lange vor Verdis Carlos) zu einer modernen instrumentalen Dramaturgie, Artur wurde die Klarinette, Edmund das Cello und Leonore die Oboe „zugeteilt“. Während die Ouvertüre und die Ensembles sehr der deutschen Oper à la Fierrabras oder Freischütz verhaftet sind, lässt sich in den Arien durchaus noch der Einfluss des italienischen Belcanto heraushören.

In der Oper geht es vor dem historischen Hintergrund der Rosenkriege kurz gesagt um eine Frau, die zwischen zwei Männern (Artur, Edmond) steht und den Konflikt durch Selbstmord löst: Lord Artur Norton war vor vielen Jahren gezwungen, seine Heimat zu verlassen. Da seine Frau Leonore annehmen musste, dass er gestorben sei, hat sie sich mit dem Grafen Edmund von Pembroke verlobt. Doch am Tag vor der Hochzeit taucht der verschollene Gatte wieder auf. Beide Männer machen zunächst ihren Anspruch auf Leonore geltend, doch Edmund sieht großmütig ein, dass Leonore zu Artur gehört, und ist bereit, auf seine geliebte Braut zu verzichten. Er setzt sogar beim König die Begnadigung seines Rivalen durch. Doch gerade diese Güte macht es Leonore unmöglich, sich für einen dieser beiden Männer zu entscheiden, und sie wählt den Freitod. Ein Dreiecksdrama à la Stella von Goethe oder der unheilvollen Konstellation im Film Casablanca.

Die Aufführung der Oper Chemnitz greift auf die Wiener Fassung der Oper nach der ersten Aufführungsserie mit der virtuosen Auftrittsarie der Leonore zurück. Die Aufführung wurde – wie schon diejenigen von Il Templario – von Frank Beermann musikalisch geleitet. Mit Verve und dem richtigen Feeling für die innere Dramaturgie dirigiert er die bestens disponierte Robert-Schumann Philharmonie und den Chor der Oper Chemnitz.

Die Besetzung ist auf der Höhe ihrer Aufgaben. Schlichtweg stupend ist die dramatische Koloratursopranistin Julia Bauer in der Rolle der Leonore, Gattin des Lord Artur Norton. Mit der Virtuosität einer Zerbinetta und der Intensität einer Fidelio-Leonore wirft sich Julia Bauer in die heiße Schlacht der Töne. In ihren Arien muss Leonore zeigen, was sie an Verzierungen und stratosphärischen Akuti zu produzieren imstande ist, in den Ensemble ist sie ganz Heroine, vom Komponisten mit den edelsten musikalischen Eingebungen bedacht. Julia Bauer bewältigt diese immens schwere Rolle so souverän, dass allein schon ihretwegen diese CD eine Empfehlung wert ist. Aber auch der solide Bariton Hans Christoph Begemann in der Rolle des Graf Edmund von Pembroke und der finnische Mezzo Tiina Penttinen als Irene, Leonores Freundin, können an ihre schönen Erfolge in der Chemnitzer Aufnahme von „Il Templario“ anknüpfen. Der österreichische Tenor Bernhard Berchtold in der undankbaren Rolle des verschollen geglaubten Ehemanns der Leonore, der schon in „Der schweigsamen Frau“ von Richard Strauss und Meyerbeers „Vasco da Gama“ (beides cpo Live Mitschnitte) aufhorchen ließ, überzeugt auch diesmal mit Schmelz, gekonnter Phrasierung und technischer Meisterschaft. Die übrigen Rollen werden von Kouta Räsänen (Richard von Somerset), Uwe Stickert (Georg, Leonores Bruder) und André Riemer (Williams) verkörpert.

Am wichtigsten aber: Diese Einspielung atmet Theaterblut, ist spannend und kurzweilig zu hören. Sie offenbart für mich wie derzeit kein anderer Tonträger am Markt das musikdramatische Genie des Otto Nicolai. Es bleibt zu hoffen, dass diesmal nicht die Initiative eines peruanischen Tenorstars nötig ist, damit sich andere Intendanten, Operndirektoren bzw. die Wiener Philharmoniker für dieses wohlgeratene Gustostück der Oper interessieren. Eine Aufführung der Berliner Fassung ist ohnedies noch ausständig….

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

Diese Seite drucken