Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

OSKAR WERNER. Seine Filme

06.01.2015 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

BuchCover Oskar Werner jpg

Raimund Fritz (Hg.)
OSKAR WERNER.
Seine Filme
FILM ARCHIV AUSTRIA, 584 Seiten, 2014

Ältere Theaterbesucher erinnern sich an ihn als wahren „Prinzen“ der Bühne, eine Ausstrahlung, die er bis wenige Jahre vor seinem Tod nicht verloren hatte – Oskar Werner war knapp 62, als er 1984 starb. Aber die Nachwelt tut sich leichter damit, dem Mimen Kränze zu flechten, wenn sie noch etwas von ihm sehen kann. Glücklicherweise hatte Werner eine wirklich bedeutende Filmkarriere – und dazu hat ihm das FILM ARCHIV AUSTRIA nun einen jenen bewundernswerten, voluminösen Bände gewidmet, die das Filmschaffen der Großen biographisch-interpretatorisch aufarbeiten. Ein Buch von 584 Seiten, das man nur am Tisch liegend durchblättern kann, weil es sich durch seine Macht und Fülle jedem leichten Umgang entzieht. Aber es lohnt sich, sich darüber zu setzen.

Und das, obwohl Oskar Werner seine Arbeit für den Film als sekundär empfand, verheiratet mit dem Theater, der Film „nur“ die Geliebte. Vermutlich hat es ihn am meisten gefreut, als er „In den Schuhen des Fischers“ drehte und mit Laurence Olivier und John Gielgud vor der Kamera stand –  und sich sagen konnte, dass hier die bedeutendsten Hamlet-Interpreten ihrer Epoche zusammen gefunden hätten.

Dennoch – als Geliebte hatte der Film für Werner seinen besonderen Stellenwert. Wobei hier nicht nur der Weg vom Wiener „Star“ zum Mann, der in Frankreich und Hollywood gefragt war, verfolgt wird, sondern man eine komplette Sicht anstrebt – vom Statisten an, vom Nebenrollendarsteller noch als Teenager zum Protagonisten von Weltruhm, und schließlich am Ende auch jene Filme, die Werner abgelehnt hat. Manches davon wäre faszinierend gewesen (für viele Darsteller liest sich die Liste ihrer Versäumnisse geradezu tragisch).

Dass man 30 Jahre nach seinem Tod „definitiv“ über Werners Filmarbeit befinden kann, liegt daran, dass neben dem allgemein zugänglichen Material auch rund 8000 Objekte aus Werners Nachlass den Autoren des Filmarchivs zugänglich waren, Briefe, Fotos, Dokumente, von denen auch vieles hier abgebildet wurde – selbst wer nicht alle Beiträge lesen wollte, könnte anhand der Bildfülle durch diese Filmkarriere wandern. 32 große Filme waren es, in denen er seine in zahlreichen Fällen unvergesslichen Leistungen ablieferten, und viele unter ihnen – ob „Jules et Jim“, ob „Das Narrenschiff“ – stehen unverrückbar als Meisterwerke in der Filmgeschichte. So wie Werners Gestaltungen, einem Schauspieler, der sagte: „Schablonen und Typen wollen wir doch den Automobilfabrikanten überlassen.“

Doch mit gleich zwei Hofmannsthal-Schlagworten denken die Autoren des Buches über Werner, den „schwierigen Unbestechlichen“, nach, und die Artikel fokusieren sowohl ausführlich einzelne Filme (Rollenanalyse sowie von Details der Dreharbeiten bis zur Rezeption) wie größere Zusammenhänge. Man beginnt mit dem Edel-Komparsen Oskar Werner, der an drei Tagen im August 1938 als blonder 15jähriger in „Geld fällt vom Himmel“ einen Kunden ankündigen durfte… Als Hotelpage in „Hotel Sacher“ war er sechs Tage lang beschäftigt und durfte Sybille Schmitz einen Wagen bestellen. Tatsächlich ließ sich die „Mini-Karriere“ gut an, es wurde in Wien zwischen Rosenhügel- und Sievering-Studios viel gedreht, der blonde Bub gefiel. Ein Foto zeigt ihn in „Marguerite:3“, der ersten Regiearbeit von Theo Lingen, mit diesem in einer Szene – Werner als Hotelpage, tatsächlich noch fast ein Kind…

Die Eignungsprüfung für den Schauspielerberuf (die Eignung „scheint gegeben“, verzeichnete der Zettel) fand 1941 unter der Hoheit der Reichstheaterkammer statt. Sein Bühnenmitgliedsausweis hätte kein idealeres „deutsches“ Gesicht zeigen können. 19jährig stand er erstmals auf der Bühne des Burgtheaters, sein großer Partner: Ewald Balser.

Werner hatte Glück, zu jung und zu unbedeutend zu sein, um in die Kulturmaschinerie des Deutschen Reichs zu geraten und damit einem Regime, das er ablehnte, aktiv zu dienen. Schon im Juni 1945 findet sich sein Name auf einem Zettel der Volkshochschule Ottakring, wo er bei einer Lesung von Brecht- und KZ-Gedichten dabei war – und das nicht aus Opportunismus.

Und dann begann die Filmkarriere richtig – mit ungestümen, „abweichlerischen“ jungen Männern, ob im „Engel mit der Posaune“ (ein so vielschichtiger Wessely-Film, dass er hier genaueste Analyse erfährt), ob in „Eroica“ als jener Neffe Ludwig van Beethovens (der große Burg-Kollege Balser), der dem Komponisten das Leben vergällte. Es sind Leistungen, die den Betrachter heute noch, aus der Distanz von mehr als sieben Jahrzehnten, anspringen. Interessant ist und bleibt, dass Werner danach, in der ersten Hauptrolle und erstmals nicht als „negativer“ Held (in „Ruf aus dem Äther“) weniger Resonanz erntete – und wir können es nicht mehr überprüfen: Den Film gibt es nicht mehr…

Werner und Maria Schell eilten nach London zur dortigen englischen Verfilmung des „Angel with the Trumpet“ (beweis: Nicht nur Hollywood hat französische Drehbücher einfach neu verfilmt, statt die Originale ins Kino zu schicken), und bekanntlich wurde er in der Folge aus dem Burgtheatervertrag entlassen. Das warf ihn in das Leben eines „freien Schauspielers“, wo dann der Film automatisch einen breiteren Platz einnahm – nicht zuletzt aus finanziellen Erwägungen. Und damit wurde Oskar Werner auch international. Was ein Künstler wie O.W. Fischer nicht schaffte, außerhalb des deutschen Films Fuß zu fassen, Oskar Werner konnte es, nicht zuletzt dank seine Beherrschung der französischen und englischen Sprache.

Allerdings erlebte er Mitte der fünfziger Jahre gerade im deutschsprachigen Film persönliche Höhepunkte – in dem Hitler-Film „Der letzte  Akt“, was 1954 ein früher Versuch der Bewältigung war und Werner auch die Möglichkeit gab, seine persönliche Aversion gegen den Nationalsozialismus in der Figur des Hauptmanns Wüst zu personalisieren. „Spionage“ befasste sich mit dem Fall von Oberst Redl (wieder Ewald Balser), wo Werner den jungen homosexuellen Liebhaber gab (alle Sexpartner des Originals auf eine Figur verdichtet), und schließlich „Mozart“: Was immer man von einer verlieblichten, in jeder Hinsicht kolorierten Lebensgeschichte halten kann – Werner gab die Inkarnation dessen, wie man das Genie Mozart damals sehen wollte, als aufmüpfiger Götterjüngling. Er selbst hatte, wie man lesen kann, zum Drehbuch einige „spröde“ Ideen, die nicht verwirklicht wurden, und bedenkt man, dass er das Projekt immer wieder für „Kitsch, Kitsch, Kitsch“ hielt (nicht zu Unrecht), bleibt es ein Wunder, was er in der Gestaltung der Figur geleistet hat. Das wurde, bei allen Einwänden, auch immer wieder gewürdigt. Der so spezifische Zauber des jungen Oskar Werner hat sich hier 1955 (er war ein 33jähriger, der immer noch zehn Jahre jünger wirken konnte) noch einmal erfüllt.

Nach dem Fernsehfilm „Ein gewisser Judas“ (1958), wo Werner selbst Regie führte (und der nun als DVD des FilmArchivs auch zugänglich ist), und in einer Zeit, als er den „Reiz“ von Tournee-Aufführungen entdeckte (den „Tasso“ von 1963 zeichnete er dann auf, was interessant zu sehen wäre, aber im Internet nicht aufzufinden ist), wo er sich reisend allerorten  in großen Rollen präsentieren konnte (Hamlet, Homburg, Bacchus) –  da trat Werner mit Truffaults „Jules et Jim“ (1961) in die Nouvelle Vague ein, wozu es einen regen Briefwechsel des Schauspielers mit dem Regisseur gibt (und Werner so gerne mit diesem arbeiten wollte, dass er sogar der Reduktion seiner Gage zustimmte).

Mehr als ein Jahrzehnt war Oskar Werner dann ein Star, der – wie wenige Deutsche, im Grunde nur Curd Jügens in ähnlichem Ausmaße – auch in Hollywood Fuß fasste. Stanley Kramers „Das Narrenschiff“  (mit vielen Komplimenten des Regisseurs an den Darsteller und vice versa sowie einer Szene des Herzinfarkt-Todes, die keiner, der sie je gesehen hat, vergessen wird) katapultierte (mit Simone Signoret, Vivien Leigh, José Ferrer, Lee Marvin) Werner ebenso in eine Weltstar-Besetzung wie die le Carré-Verfilmung „Der Spion, der aus der Kälte kam“ (mit Richard Burton, Claire Bloom, Peter van Eyck) oder Truffaults in den USA gedrehter „Fahrenheit 451“-Film mit Julie Christie.

Hatte Werner hier immer in Filmen gespielt, deren inhaltlicher Impakt außer Frage stand, ließ er sich 1967 mit „Zwischenspiel“  zu einem Starvehikel der üblichen Art – alternder, verheirateter Dirigent hat Affäre mit junger Reporterin – verführen, weil es ihn reizte, einen Dirigenten zu spielen (es war die hohe Zeit eines Herbert von Karajan…) und er sich das Mitspracherecht an der Musik sicherte, die er da „dirigieren“ wollte. Werner verteidigte den Film mit der Bemerkung, er glaube nicht an Geschichten an sich, sondern daran, wie sie erzählt würden… aber die Bewunderung der Kritik hielt sich in Grenzen. Der Manierismus, den man ihm nun vorwarf, war damals auch schon in seinen seltener gewordenen Theaterauftritten und seinen zahlreichen, „singenden“ Gedichte-Interpretationen festzustellen. Werner befand sich als Darsteller zunehmend auf unsichererem Boden.

Tatsächlich hat er nur noch zwei Filme gedreht, die allerdings riesige Produktionen waren: „In den Schuhen des Fischers“ (der ganz Anthony Quinn gehörte, wo es aber Probeaufnahmen mit Werner als Papst gab, während er dann einen Pater verkörperte!) und „Reise der Verdammten“ (mit Faye Dunaway, Max von Sydow, Orson Welles), und dazwischen einen großen Auftritt in der Columbo-Serie „Payback“, wo er einen äußerst differenzierten Mörder gab. (Hier wird auch thematisiert, wieso es zwei deutsche „Columbo“-Fassungen dieser Folge gibt, einmal die gekürzte Version mit Werners Stimme, einmal die volle Länge, in der seine Rolle dann von Ernst Stankovski gesprochen wird – was auf deutsch/österreichische Zuseher geradezu schockhaft wirkt: Werner nicht als Werner.)

Für den bärtigen Professor Egon Kreisler in „Voyage of the Damned“ wurde Werner übrigens für den Golden Globe als Bester Nebendarsteller nominiert, ohne die Auszeichnung zu erhalten. Damit endete 1976 seine Filmkarriere wieder mit einem Film, der noch einmal das Nazi-Thema und seine Folgen behandelte. Die Jahre bis zu seinem Tod 1984 waren von den weitgehend vergeblichen Versuchen des dem Alkohol Verfallenen geprägt, wieder auf der Bühne Fuß zu fassen.

Das Buch ist hingegen noch nicht zu Ende – und es zeigt, dass jede Karriere auch immer hätte anders laufen können, dass es Entscheidungen gab, die dann zu Gunsten anderer ausgingen: Horst Buchholz war gewiß ein hinreißender Felix Krull, doch welch eine Rolle hätte das für Werner sein können! (Buchholz spielte dann auch „Cervantes“ in einem Kostümschinken, gleichfalls von Oskar Werner abgelehnt). Er hätte mir Romy Schneider vor der Kamera stehen können, hätte anstelle von Alain Delon den Trotzki des Richard Burton ermorden, mit Polanski arbeiten oder auch als Baron Trapp an Seite von Julie Andrews bei einem Welterfolg ohnegleichen dabei sein können. Vielleicht wäre es nicht wichtig gewesen, statt Omar Sharif den Kronprinzen Rudolf an der Seite von Catherine Deneuve in „Mayerling“ zu spielen, aber Oskar Werner als Viscontis „Ludwig II.“? Nicht alle seiner Entscheidungen sind zu bedauern, aber manche Möglichkeit hätte für Oskar Werner vermutlich viel gebracht.

Wobei das Buch auf jeden Fall nachzeichnet, dass Werner seine große Zeit als Schauspieler genützt hat – was aus ihm geworden ist, zeigt eines seiner letzten Fotos: Als Prinz von Homburg, kläglich gescheitert in einem Wirtshaussaal in Krems, betrunken auf der Bühne, 1983, kurz vor dem Ende. Ein kläglich aufgedunsenes Gesicht, nichts mehr von seiner einst faszinierenden, unwiderstehlichen Schönheit, die zu ihm gehörte wie sein Talent. An diesen Oskar Werner erinnert man sich, nicht zuletzt dank vieler großer Filme.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken