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Oper Graz: HÄNSEL UND GRETEL. Lebkuchen in altbackener Regie. Premiere

15.12.2012 | KRITIKEN, Oper

Oper Graz     “HÄNSEL UND GRETEL”. Premiere  13.12.2012

Lebkuchen in altbackener Regie

Es war eher Zufall, der Engelbert Humperdinck zur Gattung der “Märchenoper” führte, die Dichtungen seiner Schwester zum Thema “Hänsel und Gretel”, anfangs als “Kinderstuben-Weihefestspiel” apostrophiert, wuchsen allmählich zur Oper heran, machten den Komponisten zu einem weltweit anerkannten und berühmten, aber vor allem auch zu einem schwerreichen Mann. Richard Strauss bettelte förmlich, die Uraufführung dirigieren zu dürfen, die europäischen Opernhäuser und jene aus Übersee rissen sich um die Aufführungsrechte. Und doch sollte unter den vielen späteren Werken keines mehr sein, das einen, auch nur annähernd so dauerhaften Erfolg haben sollte, wie die Erstlingsoper Humperdincks, dessen Ruhm aber trotzdem ungebrochen blieb. Selbst Cosima Wagner inszenierte persönlich das Werk in Dessau und war die Erste, welche die Hexe durch die Bühnenlüfte fliegen ließ.

                                                                                                                        

Dshamilja Kaiser und Sieglinde Feldhofer vor der MacKnusperhütte

Dass dieses Stück seine Rezeption als weihnachtliche Kinderoper durchlebt hat, ist eher ein Nebeneffekt, sie ist so viel oder so wenig ein Kinderstück, wie die “Zauberflöte”, wohl aber ist durch die stoffliche Wahl ein leichterer Zugang für Kinder gegeben. Brigitte Fassbaender hat sich nun in der Grazer Oper dieses Werkes angenommen, durchaus kindgerecht, durchaus stoffgerecht und wenn nicht ein Elektroherd und der Eiskasten in des Besenbinders Haus stünde, es könnte alles eine theatralische Umsetzung aus der Zeit der Uraufführung sein. So bieder lief alles ab. Zumindest im ersten und zweiten Bild, in welchem wenigstens die riesigen Tannen sehenswert die Bühne füllen, während das Hexenhaus im Schlußbild zu einer riesigen Plakatwand mutierte, hinter der sich das Kesselhaus der Hexe befindet. Da wird erst gar nicht viel am Häuschen geknuspert, da werden die Kuchen wie bei Mac Donald herausgereicht.

Nein, sehr viele Einfälle hat die Regie nicht beigetragen, es hätte ja nicht einer Neudeutung im heutigen Sinn bedurft, aber auch die Kinder in der Vorstellung und erst recht die reiferen Besucher hätten sich mehr theatralische Phantasie in der Umsetzung des Stoffes erwarten dürfen, so wie es in den letzten Jahren in den Neuinszenierungen des Hauses der Fall war. An diesem Abend lief die Handlung mit gefesselter Phantasie ab, ohne Staunen oder Begeisterung hervorzurufen, ohne Neugierde zu wecken.  Die Szene mit den vierzehn Engeln etwa war mit den herumirrenden weißen Gestalten – wohl Ahnen darstellend – völlig verschenkt. Zumindest die Bühne des zweiten Bildes im Wald ist Helfried Lackner gut gelungen, ebenso sind  die Kostüme von Elisabeth Rauner märchengerecht geworden.

 

So waren es an diesem Abend in erster Linie die Darsteller, die jene Stimmung aufkommen ließen, welche der Inszenierung fehlte. Allen voran Dshamilja Kaisers Hänsel, mit leichtem Spielalt und seinen köstlichen Streichen sowie als liebevoller Beschützer seiner Schwester, die ungemein reizende Sieglinde Feldhofer, mit dem Schalk im Nacken und den perlenden Soprantönen, die nur manchmal den Kampf gegen die ungezügelten Orchesterwogen verlor, die der Dirigent zuließ.

Da war David McShane als leicht angesäuselter Besenbinder, als dessen Weib Hermine Haselböck eine köstliche Studie ablieferte und sich der sexuellen Annäherungen des Hausherrn mit gekonnter Zickigkeit ihres wagnerhaften Alt entledigte. Sand-und Taumännchen wurden von Nazanin Ezazi mit etwas zu leichter Stimme und etwas verhaltenem Spiel gebracht, als Mitglied der Gruppe “Le tre Orfei” wird sie in der TV-Show bei Dieter Bohlen mehr zeigen müssen, um erfolgreich zu sein. Und Alexander Gössl war der Lebkuchenmann.

 

Gretel und Hänsel : Sieglinde Feldhofer und Dshamilja Kaiser

Als ich in der Pause mit einem etwa 8-jähringen Buben sprach, zeigte dieser sich verwundert: ”Eine Hexe kommt da auch vor?”. Nun, das Märchenwissen scheint bei den Kids zu schwinden! Sie kam wirklich vor, Manuel von Senden war die Knusperhexe in beachtlich-greulicher Maskierung. Dass sie nach ihrer Verbrennung am Schluß wieder popcornstreuend auftauchte, ist gemäß Bruno Bettelheim, dem Autor des Buches “Kinder brauchen Märchen”,  sicher keine Ideallösung, aber: Das Böse taucht ja immer wieder auf, mit schönen Versprechungen und Verlockungen, es ist nie umzubringen. Wenigstens für die Politik haben die Kinder eine Metapher mitbekommen, hoffentlich auch die Erwachsenen.

Domingo Hindoyans Dirigat zeugt von guter Ausbildung, er muss aber noch lernen, auf Sänger zu hören und diese in den Orchesterwogen nicht zuzudecken. Es sei im verziehen, seine Laufbahn als Operndirigent währt erst kurz, in seiner Künstler-Vita scheint nur ein einziges Werk von Donizetti auf. Andrea Fournier hat wieder die Singschul` gut vorbereitet.

Viel Applaus am Ende für die Sänger, vor allem für die beiden Titelrollendarstellerinnen.

 

Peter SKOREPA

Fotos: Oper Graz / Dimo Dimov

 

 

 

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