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OPER GRAZ: „Der Zwerg“ und „Der Gefangene“ Einakter von Zemlinsky und Dallapiccola

26.03.2017 | KRITIKEN, Oper

OPER GRAZ

Alexander Zemlinsky DER ZWERG
Luigi Dallapiccola DER GEFANGENE
Zwei Einakter

Premiere am 25.März 2017

 

Keine Frage, mit diesen beiden Einaktern hat die Grazer Oper disparate Welten beschritten mit zwei Werken aus Zeiten eines Umbruchs, jenes von den Zeiten nach dem ersten Weltkrieg einerseits, die damals kühn neue Wege bedeuteten und jenes von Zeiten nach dem zweiten Weltkrieg andererseits, die zu den Neuanfängen nach politischen und kriegerischen Wirren zu Hoffnungen Anlass gaben. Aber Legion sind die „vergessenen“ Werke aus beiden Zeiten des Umbruchs. Im Falle Zemlinskys und seiner jüdischen Zeitgenossen finden diese Werke erst allmählich wieder zur Aufnahme in das Repertoire heutiger Opernhäuser. Und im Fall Dallapiccolas stand wohl immer ein gewisser „angelernter“ Antimodernismus, der dem bekannten Zwölftöner aus Italien im Wege stand.

Mit dem Bühnenbild im Einheitsstil und so mancher Parallelen und Verdoppelungen hat die Regiearbeit wohl auf das Gemeinsame dieser beiden Opern hinzuweisen getrachtet. Jedenfalls ein gelungener Griff der Grazer Intendantin, Nora Schmid in die Repertoirekiste des moderneren Operntheaters.

P.S.

Der Zwerg

Der Zwerg  Foto Werner Kmetitsch

 

Alexander Zemlinsky  DER ZWERG

Die Themen der beiden, an diesem Abend gekoppelten Einakter sind eindeutig Verlustangst und zerstörte Hoffnung. Im Falle des Zwerges, den die Infantin zum Geburtstag geschenkt bekommt, ist dieser allerdings zunächst voll hoffnungsvoller Wonne. Spiegel waren in der Köhlerhütte, in der er aufwuchs, keine vorhanden, der Junge wusste nichts von seiner Hässlichkeit, als er ahnungslos am Spanischen Hof  ankam, sich prompt in die Infantin verliebte, aber zuletzt von den Hofdamen auf sein Äußeres aufmerksam gemacht wurde. Ein Spiegel verhalf zu diesem fatalen Ende, geplatzt die Hoffnung, die Infantin wendet sich ab, in aller Hoffnungslosigkeit stirbt der Zwerg.

Die Musik Zemlinskys, einer gefälligen Spätromantik geschuldet, steigert sich zuletzt in der Erkenntnisszene des Zwerges vor dem Spiegel zu einem wilden, allerdings noch tonalen Furor, den die Grazer Philharmoniker unter ihrem scheidenden Dirigenten Dirk Kaftan so hervorragend boten. Sein Weggang nach Bonn hinterlässt eine spürbare Lücke.

Ales Briscain von der Nationaloper Prag war in der großen Partie des Zwerges eingesetzt, mit Erfolg und gut sitzendem hellen Tenor, der sich effektvoll in große Höhen begab ohne kopflastig zu klingen. Die Ghita war stimmlich und darstellerisch in der Estin Aile Asszonyi effektvoll und ausdrucks-und stimmstark vertreten, die Infantin Donna Clara bei Tatjana Miyus in bewährten Händen. Und Wilfrid Zelinka war als Don Estoban, dem Haushofmeister, wie immer eine Stütze des Ensembles.

Das Leading Team erhielt beim Schlussapplaus einige Buhs. Die Regie hatte Paul Esterhazy, für Bühne und Kostüme sorgte Mathis Neidhardt Vieles war ja tatsächlich Erklärungsbedürftig, von den Choristen bzw Statisten war jeder mit einer gewissen nervösen „Macke“ ausgestattet (die auffälligsten Zuckungen oder das Sreichen durch die Frisur, winken über die Bühnenbreite hinweg usw.) Auch beim zweiten Stück, dem „Gefangenen“ wiederholte sich dasselbe mit den Kindern, man wartet bereits darauf und ist von der Handlung zeitweilig zu sehr abgelenkt.

Auch die sonstigen Handlungsvorgänge folgten leicht ritualisierten oder auch ständigen, sich wiederholenden Bewegungsabläufen, die dem Ganzen einen Charakter von Marionettenhaftigkeit verleihen.

Großer Applaus nach dem ersten Teil für eine tatsächlich tolle Ensembleleistung.

Peter Skorepa MerkerOnline

Markus Butter als "Gefangener"  Foto : Werner Kmetitsch

Markus Butter als „Gefangener“ Foto : Werner Kmetitsch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Luigi Dallapiccola  DER GEFANGENE

 

Düster geht es auch im zweiten Teil des Doppelabends weiter: Der, während der Inquisition Gefangene hofft, veranlasst durch die sanften Worte des Kerkermeisters, auf Freiheit und Flucht vor dem Scheiterhaufen. Er schafft es, bis in den Garten der Festung zu fliehen, wo aber dann der Kerkermeister, der seine wahre Gestalt als Großinquisitor zeigt, auf ihn wartet und sein Ende am Scheiterhaufen besiegelt. Die größte Folter, wie der Gefangene erkennt, ist die Hoffnung.

Die Musik Luigi Dallapiccolas versetzt den Zuhörer ab der ersten Note ohne Umwege in die dunkle, einsame Welt des Gefangenen. Die Verwendung von Zwölftonskalen führt natürlich zu einer Freiheit von der Tonalität, aber dafür in eine Kompositionsweise, die sogar noch strengeren Regeln folgt, sodass auch im Musikalischen die Frage nach „La libertà?“ gestellt wird – im Übrigen sind dies die letzten Worte des Gefangenen, womit der Abend beschlossen wird. Trotz mathematischer Planung der Musik schafft Dallapiccola sich innerhalb dieser strikten Einschränkungen – wobei es auch Ausbrüche aus den Zwölftonreihen gibt, stellenweise wird ein tonales Zentrum eingeführt – die innere Gefühlswelt des Gefangenen so treffend zu zeichnen, sodass man sich rein auf sein Gehör verlassen kann und nicht auf eine Inszenierung angewiesen ist.

Unter Dirk Kaftans vollem Körpereinsatz konnte das Grazer Philharmonische Orchester seine gesamte Klanggewalt voll entfalten, ohne jedoch die Balance zwischen Bühne und Orchester zu zerstören. Gemeinsam fanden unter Kaftans Leitung alle sicher durch die komplexe Partitur, man kann hier wirklich nur in höchsten Tönen loben. Vor allem nach dem musikalisch ebenso anspruchsvollen Zwerg war es bewundernswert, dass das Orchester solch ein Durchhaltevermögen bewiesen hat. Wie die Zeit doch vergeht, schon ist Kaftans letzte Premiere als Chefdirigent auf der großen Bühne des Grazer Opernhauses vorüber. Schade, aber man kann ja auch als Gast wieder nach Graz kommen.

Stimmgewaltig reißt einen die Estin Aile Asszonyi mit. Mühelos durchbricht ihre Stimme den Orchesterklang, sie leidet, sie hofft und verzweifelt als wütende, trauernde Mutter des Gefangenen. Sogar in dieser Inszenierung hat sie es geschafft, so überzeugend zu spielen, dass man die Geschehnisse auf der Bühne für einen kurzen Moment vergessen konnte. Mit dieser Stimme wird sie noch viel erreichen.

Markus Butter aus dem Ensemble der Oper Graz in der Hauptrolle besticht sowohl durch Stimme als auch durch Schauspiel. Der Bariton hat eine wundervoll dunkel gefärbte Stimme, stellenweise mit Problemen über das Orchester zu kommen, aber er stemmt diesen schwierigen Gesangspart meisterhaft und vergisst auch nicht auf seine Emotionen.

In der Rolle des Kerkermeisters und Großinquisitors Manuel von Senden, ebenso vom Haus: Stimmlich gibt er dem Bösen einen Namen; auch wenn es sanfte Worte sind, schafft er trotzdem, eine Kühle durchkommen zu lassen, die einen an der Aufrichtigkeit dieser leeren Floskeln zweifeln lässt. Leider lenkt die Szenerie gerade bei seinen Passagen von ihm ab, was wirklich schade ist.

Auch die zwei kleineren Rollen der Priester sind erwähnenswert: Roman Pichler als erster Priester feierte sein Hausdebüt mit dieser Premiere, den zweiten Priester sang Ensemblemitglied David McShane.

In aller Kürze zur Inszenierung: Man kommt in die seltsame Situation, dass man den Zwerg und den Gefangenen gleichzeitig auf der Bühne sehen muss. Also genau dasselbe wie im Zwerg. Mit denselben grauen Anzügen und auch demselben Bühnenbild, nur die Chordamen werden im Gefangenen durch 23 Mädchen ersetzt. Die Kinder waren sehr professionell auf der Bühne, aber die gesamte Statisterie, die absolut gar nichts mit der Handlung des Gefangenen zu tun hatte, zog alle Aufmerksamkeit auf sich und so war es schwer, sich komplett auf den Gefangenen einzulassen. Sehr fraglich, was damit bewirkt werden sollte.

Fazit: Ein musikalisch spannungsvoller Abend voller großartiger Sängerinnen und Sänger. Kommen Sie nach Graz in die Oper, jetzt ist wirklich Frühling und ein Besuch in der Oper lässt sich gut mit einem Spaziergang durch den blühenden Stadtpark verbinden. Aber nehmen Sie einen Platz mit Sichteinschränkung oder machen Sie die Augen zu und genießen die Musik. Vertrauen Sie mir.

Konstanze Kaas
MerkerOnline

 

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