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NÖ Theaterfest / Reichenau: PROFESSOR BERNHARDI

06.07.2015 | KRITIKEN, Theater

Berhardi Reichenau Plakat~1  Berhardi Reichenau Lorenz Porträt~1 
Fotos: Renate Wagner

NÖ Theaterfest / Reichenau / Neuer Spielraum: 
PROFESSOR BERNHARDI von Arthur Schnitzler
Premiere: 5. Juli 2015,
besucht wurde die Medien-Hauptprobe 

Historisch scheint Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ fest im Wien des ausklingenden 19. Jahrhunderts verankert, als befähigte Juden im Liberalismus des Kaisers Franz Josef Karriere machen konnten, die Anhänger von Schönerer und Lueger allerdings dafür sorgten, dass es ihnen nicht leicht gemacht wurde. Der hier gezeigte Antisemitismus ist für uns (die wir nicht mehr genügend Juden unter uns haben, dass zu solchen Hetzjagden angesetzt werden könnte) Paradigma für die lästigen Anderen, die es zu drücken und schikanieren gilt.

Es geht, wie es Schnitzler so schön formuliert, nur darum: „Gäbe es nicht Strebertum, Parlamentarismus, menschliche Gemeinheit – Politik mit einem Wort“… und das kann ein Theaterpublikum von heute ohne Abstriche nachvollziehen. Das macht den nicht enden wollenden Erfolg von „Professor Bernhardi“ auf unseren Bühnen aus – und die diesjährigen Festspiele von Reichenau reihen sich mit einer besonders gelungenen Aufführung in den späten Triumphzug des Stücks ein, der Schnitzler besonders glücklich gemacht hätte – kannte er doch alle und alles, was er da beschrieben hat, hat er es doch teilweise am eigenen Leib erlebt.

Das leere Podest des Neuen Spielraums in Reichenau eignet sich wieder einmal besonders für ein Stück, das nicht mehr als ein paar Stühle und gelegentlich einen Tisch braucht, wohl aber Raum, um die Spannungen zwischen den Personen aufzubauen und auszuspielen – hautnah am Publikum, das jedes psychologische Detail (und gerade diese sind prächtig gearbeitet) mitvollziehen kann.

Berhardi Reichenau Szene breit~2 
Joseph Lorenz

Die Geschichte ist an sich kurz und klar: Ein jüdischer Arzt – Professor Bernhardi, der Chef der Privatklinik „Elisabethinum“ – weist einen katholischen Priester vom Sterbebett eines jungen Mädchens weg, weil er ihr – die in letzter glücklicher Euphorie da liegt – das Bewusstsein ihres Sterbens ersparen will. Korrekter und menschlicher kann ein Arzt nicht handeln. Aber die Antisemiten wittern Morgenluft – entweder, man schlägt aus dem Fall jegliches personelles Kapital, und wenn der sture jüdische Professor schon nicht mit sich handeln lässt, noch besser – dann gehen wir mit Religionsstörung ins Parlament, machen ihm einen Prozeß und stellen wieder einmal klar, dass die störenden jüdischen Elemente in einem christlichen Staat nichts verloren haben… (Hitler kam nicht aus dem Nichts!!!)

Arthur Schnitzlers Meisterleistung bestand darin, aus einem „Lehrstück“, das der „Bernhardi“ letztlich ist, ein Theaterstück geschaffen zu haben, das vor Leben platzt und sich aus seinen Figuren definiert. Regisseur Hermann Beil ist zu jeder dieser bunten Persönlichkeiten bis ins Detail das Richtige eingefallen, abgesehen von einer prächtigen Logistik, diese Menge von Männern immer richtig im Spiel zu halten. (Männer! Die Wahnsinnsidee von Dieter Giesing und neuerdings auch von Gerald Syszkowitz, diese Männerwelt aufzubrechen und einige Rollen mit Frauen zu besetzen, ist eine so undiskutable Dummheit, dass man nicht weiter darauf eingehen muss. Solche Fehler passieren im Burgtheater und sonst wo, aber nicht in Reichenau…)

Berhardi Reichenau Lorenz Porträt breit~1
Joseph Lorenz

Joseph Lorenz, der auf Wiener Bühnen im Grunde immer nur „unter ferner liefen“ agierte, ist in den letzten Jahren in Reichenau (eigentlich schon seit der „Schachnovelle“ 2004, um genau zu sein) zu einem Protagonisten außerordentlichen Zuschnitts geworden und in den vorangegangenen Jahren zusammen mit Hermann Beil „der“ Schnitzler-Interpret – als Sala, als Hofreiter, jetzt als Bernhardi (mit Bart und Frisur in angedeuteter Schnitzler-Maske). Ein von Anfang an sehr ironischer Herr übrigens, der seine Galle hinter der Eleganz seines Auftretens und seiner Erscheinung (so viele prächtige Maßanzüge von Erika Navas auf der in diesem Fall ideal minimalistischen Bühne von Peter Loidolt) immer wieder hervorblitzen lässt. Da bedarf es gar nicht der Hetze gegen ihn, um immer schon zu wissen, welchen Geistes Kinder die Herren sind, die ihn umgeben. Er muss einfach innerhalb dieses Gesindels (was natürlich nicht für alle gilt) optimal für sein Institut, das Elisabethinum, agieren. Dass da immer wieder persönliche Ressentiments auch in ihm fast hochkochen – die Leistung von Lorenz, in Details ausgefeilt, ist deshalb so herrlich, weil hier gar kein Held und Kämpfer entsteht, sondern sich die vielen widerstrebenden Gefühle zu einer wunderbar ganzen Persönlichkeit fügen, der der Hochmut durchaus nicht fremd ist… Nun, solcher wird schließlich von den „anderen“ den Juden nachgesagt. Dass dieser Hochmut angesichts seiner Überlegenheit jede Berechtigung hat – an den „anderen“ wird es klar.

Man könnte Bernhardis Gegenspieler Ebenwald gewissermaßen „süffiger“, auch souveräner und sogar komödiantischer spielen, als André Pohl es tut, aber dessen verbiesterter, bierernster, bösartiger Konkurrent mag zwar unwienerisch sein, ist aber beängstigend und als „politische Erscheinung“ so möglich wie glaubhaft. Die Abneigung gegen Bernhardi und seinesgleichen äußert er in geradezu körpersprachlicher Beklemmung. Er ist der Giftzwerg, der nichts gegen seinen Untergang tun kann, so sehr er sich auch bemüht.

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André Pohl / Peter Matić

Was Politik aus einem intelligenten Menschen und guten Arzt machen kann, zeichnet Schnitzler nicht ohne Ironie an dem zum Minister avancierten Professor Flint, der sofort zum jesuitischen „der Zweck heiligt die Mittel“ findet und Mühe hat, von seiner eigenen Suada der schwungvollen Parlamentsrede (zu der ihm jedes Gespräch gerät) nicht fortgetragen zu werden und den Blödsinn, den er verzapft, am Ende zu glauben: Peter Matić hat die Ironie und auch die altösterreichische Souveränität, die man in diesem Stück immer mitspielen muss, sonst verfehlt man es. Keine Frage, dass es in dieser Inszenierung wunderbar gelingt.

Eine andere zentrale Szene des Stücks ist die Konfrontation des Professors mit jenem Pfarrer, den er vom Krankenbett zurückgewiesen hat: Tobias Voigt spielt ihn nicht, wie es oft geschehen ist, als einen Gutwilligen, der dann doch keine weitergehenden Zugeständnisse an die Humanitas machen kann (der Spielraum seiner Kirche ist zu klein), sondern von Anfang an als gefährlichen Dogmatiker – auch er so steif und kalt und korrekt, dass man sich (wie bei Ebenwald und Konsorten) nur fürchten kann…

Berhardi Reichenau Kamper~1Berhardi Reichenau Frieb~1  Berhardi Reichenau Groll~1 
Thomas Kamper / Rainer Frieb / Florentin Groll

Neben einer einzigen Frauenfigur, einer verwirrten Krankenschwester (Karin Kofler), positionieren sich nun die Ärzte des Geschehens entweder (Juden und Liberale) auf Bernhardis Seite oder (Antisemiten und Nationale) schroff gegen ihn: Pflugfelder, der treue, stürmische Freund (Rainer Frieb), der alte, schusselige, aber gar nicht dumme, sondern sehr weitsichtige Cyprian (Florentin Groll), jener Löwenstein, an dem  Schnitzler die Extrem-Juden gezeichnet hat, die überall Antisemitismus wittern (David Oberkogler), die jungen Ärzte, Söhne der Professoren, was keinesfalls leicht ist, wie Schnitzler, Arzt und Professorensohn, aus eigener Erfahrung wusste  (René Peckl, David Jakob, der den schönen Satz sagen darf, dass er auch zum „Anti-Arier“ geworden ist – „Ich finde, die Menschen sind im allgemeinen eine recht mangelhafte Gesellschaft, und ich halte mich an die wenigen Ausnahmen da und dort.“).

So wie Schnitzler in seinem Roman „Der Weg ins Freie“ alle Variationen jüdischen Verhaltens aufgeblättert hat, tut er es auch in „Professor Bernhardi“ – da gibt es etwa die Konvertierten, die wie alle Renegaten so besonders „scharf“ im neuen Glauben und der angenommenen Weltanschauung  agieren: Thomas Kamper in (feinstem) Loden und Breeches-Hosen (im stilistischen Gegensatz zu den Maßanzügen der Professoren-Clique) bringt seinerseits als Schreimann das ganze Hetzpotential des jüdischen Selbsthasses ein, während Dr. Adler (Michael Pöllmann) nicht weiß, wie er sich verhalten soll und folglich „überkorrekt“ agiert, und der frisch ernannte Dr. Wenger (Marcello de Nardo), obwohl selbst Jude, in seiner Naivität kaum kapiert, dass es um ihn (und seinesgleichen) geht.

Und da sind dann auch noch die Modeärzte, die Karrieremacher, die schleimigen Intriganten wie Filitz (Eduard Wildner) oder Tugendvetter (Peter Moucka), für den Schnitzler die wunderbare Formulierung von der „selbstlosen Gemeinheit“ gefunden hat: „.. darüber, daß sich Leute schäbig gegen einen benehmen, den sie nicht mögen, oder weil sie persönlich aus ihrer Haltung einen gewissen Vorteil ziehen, darüber kann man sich doch am Ende nicht wundern. Eine Sorte ist mir ja allerdings immer rätselhaft geblieben – die Leute mit der selbstlosen Gemeinheit, weißt du. Die, die sich gemein benehmen, ohne daß sie den geringsten Vorteil davon haben, nur aus Freude an der Sache sozusagen.“

Sehr schön, wie Alexander Hoffelner als der Medizinstudent Hochroitzpointner im Angesicht seines Gegenübers wittern möchte, was man von ihm zu sagen erwartet – der nächste Opportunist im Karussell. An ihm und allen anderen zeigt sich übrigens, wie wenig Hermann Beil absichtsvoll das komödiantische Potential des Stücks nützte und wie sehr er es nach der ernsten Seite ausrichtete…

Interessanterweise hat Hermann Beil die vielen Nebenfiguren des Stücks, die oft „weggeholzt“ werden, berücksichtigt, aber natürlich hat jeder seine Funktion: der arme Dr. Feuermann (Alexander Knaipp), der die großen Professoren daran erinnern möchte, wie elend die Praxisbedingungen in der Provinz sind, der Verteidiger Dr. Goldenthal (Hannes Gastinger, ohne Angst, seinen Part zu jüdeln), der schon klar macht, wie schwer so ein Mann wie Bernhardi zu verteidigen ist (wenn ein Jude nicht die erwarteten Demutsgesten macht), und schließlich der Journalist Kulka (Philipp Stix), in dessen Figur Schnitzler schnell noch der jüdischen Presse seiner Zeit ihre Sensationslust vorwirft.

Reichenau ist nicht das Burgtheater, wo man (obwohl natürlich trotz aller Probleme keine „arme“ Institution) immer wieder unerklärliche Doppelbesetzungen an einem Abend aufgedrückt bekommt. In Reichenau passiert das nur aus Not – der vorgesehene Darsteller des Hofrats Winkler erkrankte und man fand auf die Schnelle keinen Schauspieler von Format, der imstande gewesen wäre, bis Anfang August die 36 (!!!) Vorstellungen dieses Stücks zu spielen, die man hier angesetzt hat. Also vollzog Thomas Kamper schon optisch eine wundersame Verwandlung vom schrillen Schreimann zum Beamten der Extraklasse, und wenn man dergleichen auch auf Lindner / Jaray-Niveau in Erinnerung hat, so brachte er seine Stichworte doch souverän und rettete auf hohem Niveau.

Das hohe Niveau zeichnet den ganzen Abend aus, der solcherart dem Werk die gebührende Reverenz erwies. Kompliment.

Renate Wagner

 

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