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NÖ Theaterfest / Perchtoldsdorf: DER STURM

01.07.2015 | KRITIKEN, Theater

Sturm Plakat

Alle Fotos: Lalo Jodlbauer

NÖ Theaterfest / Sommerspiele Perchtoldsdorf:  
DER STURM von William Shakespeare
Premiere: 1. Juli 2015 
besucht wurde die Generalprobe am 30. Juni 2015 

Die große Klassik hat immer schon ganz vorzüglich auf die Bühne vor der eindrucksvollen Burgwand von Perchtoldsdorf gepasst, und Intendant Michael Sturminger tut gut daran, dieses Erfolgsrezept, mit dem Jürgen Wilke jahrzehntelang reüssierte, zu revitalisieren (er hat nur leider, um es offen  zu sagen, nicht annähernd so spektakuläre Besetzungen zu bieten wie dieser einst).

Jedenfalls kann die Bühne für William Shakespeares „Sturm“ sehr gut zur „Zauberinsel“ werden, auf die Prospero sich zurückgezogen hat, rechts wehen die Segel der Schiffe, die gleich zu Beginn des Stücks in einen „Sturm“ geraten müssen, und dass dieser nicht „echt“, sondern von Prospero gemacht  ist, zeigt sich auch – alle Beteiligten betreiben „Sturm-Maschinerien“, die Rauch versprühen, werfen Wasserkaskaden und machen vor allem riesigen Lärm. Ein effektvoller Beginn.

Dass man es bei Prosperos Insel mit einem Raum voll geheimnisvollen, zaubrischen Geräuschen zu tun hat, wird immer wieder betont – und die Affinität des Regisseurs Michael Sturminger zur Musik ist bekannt (seine Abende für John Malkovich bieten ja auch einen überbordenden Musikanteil). Tatsächlich präsentiert sich Shakespeare hier beinahe zum Musical-, ja, zur Rock- und Pop-Show aufgemotzt, wobei die Musik aber auch noch den Spagat zum 16. Jahrhundert zurück spannt – die Musikertruppe „Pogo Purcell Sisters“ sitzt in der Mitte der Bühne unter einem Verschlag und ist immer präsent, um mindestens Geräusche, meist aber viel mehr an Akustik zum Geschehen beizusteuern. Auch, wenn es sich um Renaissanceklänge handelt, tun sie es so „poppig“, dass die Anbiederung an ein heutiges Publikum fast ein bisschen penetrant erscheint.

Auch in der Figur des Prospero ist Sturminger ganz „von heute“: Da hat man es wohl kaum mit einem exilierten Fürsten zu tun, dem schweres Unrecht geschah, als der eigene Bruder ihn aus Mailand vertrieb, der auf dieser Insel strandete, aus ungeklärten Gründen zu einer Art „Magier“ wurde (vielleicht ist er bei der Hexe Sycorax in die Schule gegangen, die er dann aus ihrem Territorium vertrieben hat…), nach Rache sinnt, all seine Feinde durch den Sturm auf seine Insel bringt – und sich schließlich am Ende zum Verzeihen durchringt. Das war schon mal, in früheren Zeiten, eine tragisch-zerrissene, majestätische Gestalt.

Prospero kifft xx

Nicht so hier, wo dieser Prospero in Unterhosen und Hemd herumschlapft, sich von seiner Tochter die Locken drehen lässt (das scheint dem Regisseur so wichtig, dass Prospero  sogar mit Lockenwicklern auf dem Werbeplakat der Aufführung erscheint!!!) und schließlich bei jeder Gelegenheit an einem Joint zieht. Das bei Shakespeare „würdige“ Ende ist total aufgebrochen (tatsächlich hat Sturminger bei jeder Gelegenheit um- und dazugedichtet und verändert), und Prospero verabschiedet sich wie ein Pop-Star mit einem johlenden Musikauftritt. So sieht, wie man sieht, eine zeitgenössische Betrachtung aus… Immerhin, Andreas Patton unterzieht sich dieser Prospero-Deutung mit einer Art flapsigen Vergnüglichkeit, sei’s drum.

Die feindlichen Fürsten, die es da an den Strand spült, kommen eigentlich im Gewand des 16. Jahrhunderts herbei (Bühne & Kostüme: Renate Martin und Andreas Donhauser) und Sturminger hat übrigens aus dem König von Neapel eine Königin gemacht, augenscheinlich aus keinem anderen Grund, als um eine potente Schauspielerin zu besetzen und den weiblichen Anteil des Stücks  zu erhöhen – bei ihm ist zwar auch Caliban eine Frau, wenn auch mit umgeschnalltem Penis, aber unter einer „Schmutzmaske“ nicht als solche zu erkennen. Welcher Art die „Interpretation“ dieses Mix aus Zeiten und Kulturen eigentlich ist, außer dass sie in den Sommernächten extrem unterhaltend sein soll, vermöchte man nicht zu sagen – nur, dass sie fast drei Stunden dauert, was entschieden zu lang ist, und dass die vielen Musik- und Tanzszenen auch etwas lähmend Retardierendes haben…

Interessant ist an diesem „Sturm“ nicht so sehr die Haupt- und Staatsaktion: Mächtige sind böse, das hatten wir schon, wenn sie selbst Verluste einstecken müssen (die sie anderen so  bedenkenlos zufügen), werden sie sentimental – das kann Beatrix Doderer in diesem Fall als Frau Königin, obzwar um Haltung bemüht, gut vermitteln. Markus Kofler als Prosperos verräterischer Bruder Antonio und Roman Blumenschein als Sebastian, der seinerseits zum Mord entschlossene Neapel-Bruder, sind böse, Karl Walter Sprungala als der treue Hofmann Gonzalo ist ein Guter… Das gibt nicht viel her.

Seltsamerweise auch nicht die beiden „lustigen Figuren“, die bei Shakespeares obligatorisch sind und mit deren Zwangslustigkeit man sich in seinen Stücken oft so schrecklich plagt: So wie Michael Masula (Trinculo) und Nikolaus Barton (Stefano) hier, auch wenn beide gute Sprecher und durchaus bemerkenswerte Persönlichkeiten sind.

Natürlich muss es ein Liebespaar geben, und bei einem solchen Vater kann die Miranda (der die berühmten naiven Worte von der „Brave New World“ in den Mund gelegt sind) natürlich kein zartes Zauberwesen sein. Josephine Bloéb muss sich eher trampelig, aber auch stürmisch-liebenswert geben, während um Aaron Friesz (den man noch aus der Volkstheater-„Haben“-Aufführung in starker Erinnerung hat) schon von der Optik her als Ferdinand eher den Romantiker bietet.

Die neben Prospero interessantesten Figuren sind die Wesen „nicht von dieser realen Welt“, wie sie einerseits der Luftgeist Ariel und der sehr, sehr aus den Tiefen geholte Erdgeist Caliban verkörpern. Dabei wurde für Ariel eine höchst überzeugende Silhouette gefunden – ganz in Weiß, auch Haare und Gesicht, ein „fliegendes“ weißes Gewand, ein huschendes Wesen, das um einiges zarter ist als der „Sommernachtstraum“-Puck, und das am Ende, wenn es befreit wird aus Prosperos Diensten noch ganz schön melancholisch in Tragik verwehen kann… Nadine Zeintl darf dabei auch noch einiges singen, sie kann es, sie schafft eine Figur, die man nicht so schnell vergessen wird.

In Gestalt von Veronika Glatzner ist Caliban nicht das Erdmonster oder der „glitschige Fisch“, als der er beschrieben wird, auch sie ist – über und über mit Dreck beschmiert – leichtfüßig, nicht ganz so befremdlich und möglicherweise auch gefährlich, wie man es sich vorstellen könnte, und am Ende noch mit zusätzlichen Regie-Ideen befrachtet (so versucht Caliban ganz schnell noch, Prospero zu erwürgen, um ihm böse zu sagen, wie es sich anfühlt, ein Sklave zu sein – wofür man den Text aus „Blade Runner“ geborgt hat).

Immerhin, auch Caliban gehört zu den starken Eindrücken des letztlich sehr verspielt wirkenden Abends, den Sturminger immer wieder mit originalen englischen Sequenzen des Stücks aufputzt, nie so viele, dass jene, die es nicht verstehen, verwirrt wären, aber hübsch genug, dass die Englisch Sprechenden eine Spur von Shakespeare-Flair erhalten, das in der gewählten Übersetzung von B.K. Tragelehn nur bedingt zu spüren ist.

Exzentik, Spaß und Fantasy rund um einen Pop-Star Prospero – so sieht Shakespeare heuer auf der Burg von Perchtoldsdorf aus.

Renate Wagner

 

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