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NÖ Theaterfest / Gutenstein: DER BAROMETERMACHER AUF DER ZAUBERINSEL

17.07.2015 | KRITIKEN, Theater

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NÖ Theaterfest / Gutenstein:
DER BAROMETERMACHER AUF DER ZAUBERINSEL  von Ferdinand Raimund
Premiere:  16. Juli 2015,
besucht wurde die Generalprobe  

Gutenstein war Ferdinand Raimunds Sehnsuchtsort, er hat dort viel Zeit verbracht, und hier ist er auch begraben. Die Raimundspiele Gutenstein, 1993 von Peter Janisch begründet, sind eines der Niederösterreichischen Sommerfestspiele, die besonders viel Auf und Ab erlebt haben – glückliche Jahre von 1993 bis 1999, als in der gewissermaßen „richtigen“ Schlichtheit bei Tageslicht im Freien gespielt wurde, zum Plätschern des Baches und vor der Kulisse der „echten“ Natur.

2000 kam Ernst Wolfram Marboe mit großen Ambitionen und möglicherweise nicht ganz richtigen Ansätzen – er ließ, um ja keine Vorstellung an das Wetter zu verlieren, ein scheußliches weißes Riesen-Plastikzelt errichten, das heute noch da steht und als Spielort fungiert, und er spielte von 2000 bis 2007 Raimund in einiger Opulenz.

Von da an ging es mehrere Jahre steil bergab, als man den Raimund-Ort der Darstellung fragwürdiger Musicals preisgab. 2013 kam dann Isabella Gregor als neue Intendantin und die Rückkehr zum Raimund-Auftrag. Sie hat bisher den „Verschwender“ und den „Bauer als Millionär“ gezeigt.

Heuer wandte sie sich nun Raimunds Erstling, „Der Barometermacher auf der Zauberinsel“, zu, und im nächsten Jahr soll chronologisch richtig „Der Diamant des Geisterkönigs“ folgen. Danach bricht die Chronologie ohnedies, weil man Stück Nr. 3, den „Bauer“, ja schon gezeigt hat. Aber das ist keinesfalls das Hauptproblem der derzeitigen Raimund-Spiele. Tatsache ist, dass man bisher in den vorangegangenen beiden Jahren noch keinen überzeugenden Zugang zur theatralischen Umsetzung seiner Stücke gefunden hat – wobei selbstverständlich eingeräumt ist, dass das Problem extrem schwierig ist, klaffen doch die Welt Raimunds und unsere heutige geradezu wie unvereinbar auseinander…

Die Lösung muss natürlich auch eine formale sein, und da hat Isabella Gregor in ihrem dritten Jahr die bisher interessanteste Entscheidung getroffen: Hier eine Zauberinsel vom Zuschnitt des Altwiener Volkstheaters (Raimund erwähnt in seiner Schilderung „indianischen“ Geschmack), dort die Ästhetik, die das „Serapionstheater“ in Jahrzehnten entwickelt hat und durch die es berühmt geworden ist. Kurz, Isabella Gregor hat Erwin Piplits (natürlich mitsamt seinem Ensemble aus dem Odeon Theater) engagiert, um Raimunds Erstlings-Werk  zu inszenieren.

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Noch spielt die Natur mit…

Wie schon in den vorangegangenen Jahren versucht man zumindest andeutungsweise, die Sünden der Vorgänger (nämlich das Aussperren der Natur) zu kompensieren: Der Hintergrund der Bühne ist geöffnet, man blickt auf Wiese und Hügel, und wenn dort eine bunte Schar einzieht, in exotischen Gewändern, mit großen asiatischen Schirmen, zu seltsamen Klängen, da scheint der Mix zu passen – der serapionsmäßig stilisierte Exotismus und Raimunds ironische Zauber- und Inselwelt.

Das gibt auf jeden Fall eine Menge köstlicher optischer Effekte, wenn sie auch höchst vertraut anmuten: Es sind die allzu bekannten des Serapionstheaters, aber das ist in Ordnung, das hat man eingekauft. Das Ensemble inbegriffen. Und da ergeben sich dann die ersten Probleme. Denn Piplits setzt seine bunte Schar nicht nur als das jeweils benötigte Volk und gewissermaßen als Dekoration ein, er lässt sie nicht nur singen, tanzen, bewegen, sondern auch – sprechen. Und das ist ein Fehler.

Es steht gewiß keinerlei Fremdenfeindlichkeit dahinter, wenn man bezweifelt, ob Piplits den Anfang richtig setzt – die Fee Rosalinde ist ein kahlköpfiger Latino mit Blumen im Bart und im Frauengewand (okey, im Zeitalter von Conchita Wurst erstaunt nichts mehr), die Nymphe Lidi zwar von schöner Märchenblondheit, aber beide radebrechen den Text, dass man Gänsehaut bekommt und doch befürchtet, dass diese Multi-Kulti-Zauberinsel (auf der dann auch ein schwarzer Matrose landet, dem zuzuhören große Mühe macht) entschieden von Raimund wegdriftet.

Zumal die Form immer wieder weit wichtiger erscheint als der Inhalt, der teilweise auch sprachlich verballhornt und übermäßig mit Effekten, auch musikalischer Art, überlastet wird. Piplits hatte offensichtlich keinerlei Vertrauen in den natürlichen, frech-wienerischen Charme des Stücks. Dass er Raimund sein optisches Gewand anziehen würde, stand außer Frage, und das passt eigentlich ganz gut. Aber die Geschichte von Anfang an gefühllos auf Karacho zu parodieren, ihr jegliche Lockerheit zu nehmen, den Raimund’schen Schmäh sozusagen, das lässt die Aufführung gewissermaßen „fremdeln“.

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Sophie Resch, Julian Loidl und, immer dabei, die Serapionisten…

Man hat in Gutenstein nicht mit über-berühmten Namen, aber in den meisten Fällen trefflich besetzt. Julian Loidl, aus dem TAG bestens bekannt, wo man ihn zuletzt als Faust sah, stürmt als Bartholomäus Quecksilber mit Verve auf die Bühne, kein verwirrter Wiener Junge, sondern mit der Schärfe einer Nestroy-Figur, die sich sofort auf Machtspiele einlässt (im Zauberstück bekommt man ja kostbare Gaben, etwa einen Stab, mit dem man alles vergolden kann – und der sofort die Begehrlichkeit aller erweckt).

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 Zoraide, bestraft mit langer Nase: Ivana Rauchmann

Die Schärfe, die der Regisseur hier gibt, zeigt sich dann auch in der „bösen“ Prinzessin Zoraide, die bei Raimund eine lächerliche Funzen ist, hier eine Rabiate, die tobsüchtig kämpft – Ivana Rauchmann liefert eine furiose Leistung. Man kann alles überzeichnen.

Die „liebe“ Linda der Sophie Resch ist, man verzeihe den sicher tausendfach gemachten Scherz, nett und resch, aber eine Menge Nachhilfestunden in Sprechtechnik könnten ihr nicht schaden.

Obwohl es sein erstes Stück war, hat Raimund schon mit besonderer Begabung an den einzelnen Figuren gearbeitet – der gemütliche König der Zauberinsel, der nur seine Ruhe haben will, aber auch sehr grantig werden kann (unübersehbar: Rainer Spechtl), der witzige, eitle Leibdiener Hassan (köstlich und geradezu schamlos überzeichnend: Ljubiša Lupo Grujcic), der hintergründige Eremit (Christoph Fälbl) – und in einer Mini-Szene schaut der Regisseur selbst als Leibarzt des Königs vorbei…  

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 Piplit selbst, kaum kenntlich, in einem Mini-Auftritt (rechts: Rainer Spechtl)

Es ist ein Abend, an den man sich nach und nach gewöhnt, um am Ende doch festzustellen, dass sich Erwin Piplits in einen Kampf mit Raimund gestürzt hat, den der Dichter nicht gewinnen konnte. Der „Musical“-Anteil des Abends ist zu groß (und schlechtweg nicht besonders gut), das „Serapionistische“ zu oft Selbstzweck, das Herzlich-Naive fehlt (selbst wenn es auch nur dem echten Raimund-Freund fehlt…), der Holzhammer kracht und kracht und kracht. Aber der Spaß funktioniert, und zumal beim Sommertheater scheint das allerorten ja die Hauptsache zu sein.

Renate Wagner

Vorstellungen: 17., 18., 19., 24., 25., 26., 31. Juli und 1., 2., 7., 8., 9. August 2015
Freitags und Samstags jeweils um 20 Uhr , Sonntags jeweils um 18 Uhr, außer am 26. Juli 2015 um 16 Uhr

 

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