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NÖ / Schwechat, Theater Forum: DIE PRÄSIDENTINNEN

Drittabschlagen des Elends

23.09.2026 | KRITIKEN, Theater

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Fotos: Theater Forum Schwechat

Theater Forum Schwechat:
DIE PRÄSIDENTINNEN von Werner Schwab
Premiere: 23. September 2026

Drittabschlagen des Elends

Es gibt Dramatiker, die sind in ihrer großen Zeit bühnenbeherrschend, geradezu Stars der Theater, werden landauf, landab gespielt. Und dann – ist es aus. Vergessen. Jean Anoult zum Beispiel, oder Botho Strauss. Und im Grunde geht es auch Werner Schwab so.

1990, da war er 32, mit den im Wiener Künstlerhaus uraufgeführten „Präsidentinnen“ schlagartig ein Skandal und solcherart berühmt, schrieb er ein Stück nach dem anderen, und alle rissen sich um den Shooting Star, auch wenn nichts mehr an die „Präsidentinnen“ heran reichte. Und vier Jahre später war er tot, betrunken gestorben in der Silvesternacht 1993/94.

Er war eine Zeiterscheinung. Seither ist die Schwab-Hausse wie abgerissen, ganz selten taucht ein Stück von ihm auf, der Skandal hat sich verflüchtigt, der rabiate Star der österreichischen Szene ist ohne den Input seiner Präsenz nicht mehr interessant.

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Was uns nicht hindern sollte, manches zu überprüfen. Im Theater Forum Schwechat versucht das nun Regisseur Christian Graf (sonst als Intendant und Regisseur bei den benachbarten Nestroy Spielen Schwechat jeden Sommer tätig). Was geben die „Präsidentinnen“ noch her? Es ist immer noch ein scheußliches Stück voll von Fäkalien-Sprache und menschlicher Gemeinheit, aber es hat den anderen Schwab-Werken doch etwas voraus: Inmitten der hässlichen Geschichte um drei armselige Putzfrauen stehen bei aller gezielten Künstlichkeit doch echte Menschen. Jede der drei Frauen, Erna, Grete, Mariedl ist nämlich eine arme Haut, der man sein Mitleid nicht verwehren kann. Das „Glück“, in das sie sich hineinträumen, mag noch so armselig sein – leid tun sie einem doch. Und Christian Graf gelingt es, dieses Glücksverlangen mit geradezu brennender Intensität auf die Bühne zu bringen.

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Es waren die Szenen der Mariedl, die einst den Skandal auslösten – stolz ist sie darauf, dass sie ohne Handschuhe tief in verstopfte Klomuscheln hineingreift und hervor holt, was den Abfluß verstopft. Wenn es eine Büchse Gulasch ist, eine Flasche Bier, dann ißt und trinkt sie das auch – Schwab ist nicht nur gezielt unappetitlich in der Sprache, sondern auch in den Aktionen. Und dass sie für die Reichen in die Scheiße greift, dies aber auch im Auftrag des offensichtlich boshaften Pfarrers tut – das hat die Kirche einst sehr erzürnt. 36 Jahre später ist man wohl auch hier hart im Nehmen geworden.

Man kann sich diesen „Präsidentinnen“ auf viele Arten nähern, und Christian Graf hat insofern einen neuen Weg gefunden, indem er erstens früh dem Realismus abschwört und das überdrehte Gleichnis zeigt, vor allem aber die drei Frauen gleichwertig behandelt. Mariedl mit ihrem religiösen Wahn (und ihrer später hervorbrechenden Bosheit) ist ja nicht die einzig interessante Figur. Die stockfromme Erna, die Probleme mit einem ekelhaften Sohn hat und das Glück mit einem Fleischhauer sucht, ist ebenso armselig interessant wie die Grete, die wiederum Probleme mit der Tochter hat, ihren kleinen Hund vergöttert und von einem durch und durch sexualisierten Glück mit ihrem Freddy träumt, Jede kämpft um den Platz für ihre Geschichte, es ist ein Drittabschlagen des Elends.

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Aber es ist auch eine Power-Show dreier hervorragender Protagonistinnen, die Schwabs absichtsvoll pervertierte Sprache mit größter Selbstverständlichkeit behandeln. Petra Strasser als Erna ist die Älteste (ihr nichtsnutziger, bösartiger Sohn ist schließlich schon 40), ihr bißchen Glück verteidigt sie wie ein bissiger Hund. Manuela Seidl als Grete ist der Inbegriff eines geistig und körperlich billigen Geschöpfs, und dennoch geht ihr schrilles Glücksverlangen unter die Haut. Und die absolute, fast zarte Unschuld, mit der Elisabeth Spiwak die Fäkalien-Mariedl spielt, ist schlechtweg faszinierend.

In einem Raum voll Klos und Klopapierrollen, den sich der Regisseur erdacht hat, erheben die „Präsidentinnen“ noch einmal ihr Haupt. Sie sind so scheußlich wie eh und je. Und doch ein starkes Stück im doppelten Wortsinn.

Renate Wagner 

 

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