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NÖ / Reichenau: WILLIAMS, SCHNITZLER, DODERER, NESTROY

05.07.2016 | KRITIKEN, Theater

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NÖ / Festspiele Reichenau: 
WILLIAMS, SCHNITZLER, DODERER, NESTROY

  1. / 3. / 4. / 5. Juli 2016 (Renate Wagner)

Die Festspiele Reichenau haben für ihre vier allsommerlichen Theaterpremieren eine ziemlich feste dramaturgische Struktur, der man auch heuer folgt. Schnitzler und Nestroy sind seit den Anfängen die „Säulenheiligen“ des Spielplans, beide mit ausreichend guten Stücken vertreten, um immer etwas Substanzielles beisteuern zu können. Seit Jahren dramatisiert man hier Literatur, zumal große österreichische (auch wenn es nicht immer zufrieden stellend ausgeht), und seit einiger Zeit setzt man auf spektakuläre Frauengestalten.
Auch sind mehr oder minder immer dieselben, bewährten und beliebten Darsteller hier vertreten (manchmal verschwindet er eine oder andere wieder, dann haben sie sich wohl auf die Dauer mit den Intendanten nicht vertragen), aber der Ehrgeiz vieler, auch dabei  zu sein,  lässt es hier nur selten zu Besetzungs-Lösungen kommen, die nicht erstklassig sind. Also – alles beim Alten in Reichenau.

Von Renate Wagner

NÖ / Festspiele Reichenau / Theater, Großer Saal
DIE KATZE AUF DEM HEISSEN BLECHDACH von Tennessee Williams
Premiere: 2. Juli 2016
Besucht wurde die öffentliche Hauptprobe
Nach den großen Ehebrecherinnen der Romanliteratur (Anna Karenina, Effie Briest und Madame Bovary kamen in den letzten Jahren dramatisiert auf die Bühne), ist heuer Maggie, die „Katze auf dem heißen Blechdach“ des Tennessee Williams, an der Reihe, die vor allem in der Filmverkörperung durch Elizabeth Taylor berühmt geworden ist. Dabei hat Williams die Frau auf das reduziert, was man ihr in den fünfziger Jahren als einzige Ambitionen zugestand: Geld und  Sex. Das über 60 Jahre alte Stück ist stark gealtert, was einst provokant wirkte – u.a. ein Mann, der latent homosexuell ist – , ist heute kaum mehr interessant. Mit singenden schwarzen Dienerinnen kann Regisseurin Beverly Blankenship das Klima der Südstaaten kaum beschwören, und nur zu Beginn des Stücks, wenn Stefanie Dvorak unermüdlich ihren Mann ins Bett provozieren will, immer geschmeidig, nie ordinär, sieht man einigermaßen gespannt zu. Der Auftritt von „Big Daddy“, dem machtvollen Urgestein des amerikanischen Südens, überzeugt dann weniger, das Familiengezänke ums Geld umtanzt die Besitzenden, Martin Schwab und Therese Affolter, allzu klischiert.  Am ehesten kann man sich noch an den Brick des Stefan Gorski halten, zeigt der Darsteller doch, wie sehr aus diesem Mann jegliches Leben ausgeronnen ist – und macht ihn damit als einziger an diesem Abend zu einer Art Zeitgenossen.

NÖ / Festspiele Reichenau / Neuer Spielraum
LIEBELEI von Arthur Schnitzler
Premiere: 3. Juli 2016
Besucht wurde die öffentliche Hauptprobe
Schnitzlers Klassiker „Liebelei“, über den schreienden Missbrauch der armen „süßen Mädel“ durch die reichen jungen Herren der Monarchie, hat Regina Fritsch inszeniert. Sie hat nicht sonderlich gut gestrichen (vor allem die Schlussworte von Weiring fehlen), hat völlig sinnlos angereichert (vor allem rund um ein Grammophon, das sie in die Handlung bringt, um Kitsch-Musik spielen zu lassen – ja, es ist ,außer Zwanziger-Jahre-Tönen, Bizet und trotzdem hier Kitsch). Und wenn sie den von Schnitzler verworfenen Beginn, dass sich Fritz und Christine in einer Tanzschule kennen lernen, zitiert, darf sie später nicht Theodor sagen lassen, er habe die Bekanntschaft der beiden eingefädelt… Falsch auch, wenn Bühnenbildner Peter Loidolt die Wohnung der Weirings mit abgewetzten Proletarier-Möbel ausstattet – ein soziologisches Missverständnis. Glücklicherweise war die Führung der Schauspieler im „Neuen Raum“ in Reichenau (der akustisch immer problematischen Raumbühne) überzeugender, wenn auch der erste Akt grobschlächtiger wirkte als nötig. Zwei junge Mädchen, die auch als Töchter berühmter Mütter da stehen – Regina Fritsch-Tochter Alina Fritsch als überzeugend todernste Christine, Gabriele Schuchter-Tochter Maria Schuchter ideal als leichtfertige Schlager-Mizi. Überzeugend zwei junge Männer, Dominik Raneburger als Fritz mit einigen schönen Michael-Heltau-Tönen und Florian Graf als leichtfertiger Theodor. Wolfgang Hübsch schafft es, den alten Weiring ganz ohne Sentimentalität zu geben, und die Regisseurin selbst lässt es sich nicht nehmen, die Frau Binder von der Knallcharge zur höchst effektvollen Studie eines abgelebten Wiener Vorstadtschicksals hoch zu heben.

NÖ / Festspiele Reichenau / Neuer Spielraum
DODERERS DÄMONEN von Nicolaus Hagg
Premiere: 4. Juli 2016
Besucht wurde die öffentliche Hauptprobe
Nicolaus Hagg hat schon manches Stück Prosa für die Festspiele in Reichenau dramatisiert, einmal auch (2009 für den Spielort im Südbahn-Hotel) einen Doderer-Roman, „Die Strudelhofstiege“. Das ging schon damals nicht wirklich gut, und wenn er sich nun die noch umfangreicheren „Dämonen“ her genommen hat, die mit dem anderen Roman durch Milieu und einige Figuren verbunden sind, klappte es noch weniger. Nicht, weil man bei 1300 Seiten und einer Unzahl von Figuren die meisten ohnedies weglassen muss, sondern weil die Geschichte aus dem Zwischenkriegs-Wien rund um Schattendorf und Brand des Justizpalastes nur als Szenen  trocken raschelnden Papiers auf die Bühne kommt. Bei Doderer dicht verknüpft, gibt es hier nur Figuren, die wie zusammenhanglos durch zweidreiviertel mühsame Stunden floaten und flattern. Und Regisseur Hermann Beil, der drei großartige Jahre mit großartigen Schnitzler-Produktionen hinter sich hat, konnte hier nichts in den Griff bekommen, alles bleibt ziellos und unkonturiert. Und auch Schauspieler der Größenordnung Joseph Lorenz, Peter Matic oder André Pohl sind schwer unterfordert. Keinerlei Kontur gewinnen Julia Stemberger und Fanny Stavjanik. Am Ende sind es nur Johanna Arrouas, David Oberkogler und Philipp Stix, denen man gelegentlich zuhört, wenngleich Letzterer als „lesender Arbeiter“ in seiner demonstrativen Lehrstück-Funktion gelegentlich fast albern wirkt.

NÖ / Festspiele Reichenau / Theater, Großer Saal
LIEBESGESCHICHTEN UND HEIRATSSACHEN von Johann Nestroy
Premiere: 5. Juli 2016
Besucht wurde die öffentliche Hauptprobe
Die Qualitäten der Nestroy-Produktionen von Helmut Wiesner sind bekannt, auch die „Liebesgeschichten und Heiratssachen“ reüssieren mit Schärfe des Tons, Tempo und mit einer geradezu mutwilligen, aber immer gekonnter Überdrehung der Figuren, wobei die alte Jungfer der Chris Pichler dem Abend einen Höhepunkt beschert. An Miguel Herz-Kestranek in der Rolle des grundschlechten Nebel bewundert man vor allem die Körpersprache – spürbar nach Stichen und später auch Fotos den Nestroy’schen Eigenheiten nachgestaltet. Szenenapplaus errang Marcello de Nardo, der einen Marchese voll von Standesdünkel (und in der Maske des alten George Tabori) allerdings sprachlich entschieden geschliffener und deutlicher hätte halten müssen (Gemurmel erzeugt keine Pointen). Nicht ganz so überzeugend auch Toni Slama als reich gewordener Fleischhauer, der das Grundordinäre der Figur doch nicht packte. Ein paar junge Liebhaber und Liebhaberinnen zeigten erfreuliches Nestroy-Niveau.

 

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