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NÖ / Perchtoldsdorf: ONKEL WANJA

28.06.2019 | KRITIKEN, Theater

NÖ Theatersommer / Sommerspiele Perchtoldsdorf:
ONKEL WANJA von Anton Tschechow
Premiere: 27. Juni 2019

Kommt man zu den Sommerspielen in Perchtoldsdorf, liegt vor einem zuerst die prächtige, mächtige Burg. Biegt man dann um die Ecke zum Theaterrund, fühlt man sich wie in der Holz-Ecke eines Baumarkts. Holzplatten liegen am Boden, Holzgestänge geben skelettartig den Eindruck eines möglichen Raums. Das ist das Ambiente, in das Regisseur Michael Sturminger Anton Tschechows Meisterstück „Onkel Wanja“ stellt (Bühne: Paul Sturminger). Ähnliche Signale (Wir sind von heute, was interessiert uns das Russland von vorgestern) senden die Kostüme von Renate Martin aus, die sich allerdings durch hohe Uneinheitlichkeit auszeichnen – nur die alte Kinderfrau im Gewand, wie sie Ende des 19. Jahrhunderts durch ein russisches Landhaus gewankt sein mag; die Schwiegermutter in altmodischen Kleidern der fünfziger Jahre; die Heldin in affektierten Sommerkleidchen von heute; der Professor mal chic, mal verwahrlost; alle anderen (voran Sojna in Hot Pants) in irgendwelchen, meist ungebügelten Freizeitgewändern, als ob sie diese für eine Theaterprobe rasch aus ihren Kästen zuhause genommen hätten. Die Beiläufigkeit, die solch heutiges Alltagsgewand ausstrahlt, dazu die Pop-Musik, die immer wieder aus dem Plattenspieler kommt – es wirkt ein wenig wie eine gewaltsame Versuchsanordnung zu Tschechow.


Fotos: © Lalo Jodlbauer

Aber dann begibt sich in zweieinhalb Stunden das Wunder: Die Figuren, die bei Tschechow so fest in ihrer Welt verankert sind – die russischen Großgrundbesitzer, deren Leben so glanzlos und müde und im Grunde schon am Ende ist -, lösen sich, schweben quasi in seltsamer Heutigkeit vorbei, Luftmenschen, die uns ihre traurigen Seelen offenbaren. Und weil die Darsteller so bestrickend überzeugend sind, fragt man nicht mehr nach dem sozialen Kontext der Gesellschaft, die Tschechow einst so gnadenlos desavouiert hat, sondern einfach nach der psychologischen Möglichkeit dieser Menschen. Und siehe da, sie stimmen – alle. In dem Netzwerk aus Unterdrückung und  Ausbeutung, Hingabe und – Mißverständnissen.

Michael Sturminger hat mit drei Ausnahmen auf Schauspieler zurückgegriffen, die der durchschnittliche Wiener Theaterbesucher nicht kennt, „frische“ Gesichter, nicht mit Erinnerungen belastet. So kann Jörg Witte als Wanja wundervoll herumtoben, Tschechows gebrochener Mann, der noch so viel Wut in sich hat, dass er seine Funktion als Titelheld glorios erfüllt (während andere Darsteller oft in den Hintergrund geraten sind).

Dafür ist sein Gegenspieler Astrow in der Gestalt von Emanuel Fellmer nicht so dominant wie früher oft – aber der anständige Mensch, der keinen Ausweg aus der Falle seiner Lebensumstände findet, kommt heraus, wenn auch das so aktuelle „grüne“ Element seiner Überzeugungen (Tschechow scheint mit Astrow den ersten Umwelt-Fanatiker gezeichnet zu haben) eher im Hintergrund bleibt.

Dritter im Bunde der starken Männerrollen dieses Stücks ist der eitle, egozentrische alte Professor, der als Charakter nicht zu retten ist, und Andreas Patton versucht es gar nicht: Es reicht zu zeigen, dass diese sich selbst umkreisenden Menschen zutiefst von sich überzeugt sind und nie imstande, die Welt auch mit anderen Augen zu sehen. Patton tänzelt wie ein Pfau, und das ist hinreißend.

Die „schöne Elena“ des Stücks ist immer schwierig in den Griff zu bekommen, die junge Frau, die angeblich aus Liebe einen alten Mann geheiratet hat, aber mit der Enttäuschung lebt, sobald sie seine Hohlheit durchschaut hat: Virginia V. Hartmann bringt die flirrende Unsicherheit der Figur, die ihrerseits alle in Verwirrung stürzt. Dagegen ist Laura Laufenberg als Sonja von wunderbarer Geradheit. Sie hat am Ende die allerschwerste Szene. Tschechow wusste, dass diese untergehende Gesellschaft nur zwei Fluchtpunkte hatte – Wodka und Religion. Wenn Sonja, die hier so gar nichts Schwärmerisches, Abgehobenes, Schwaches mitbringt, sich und Onkel Wanja damit tröstet, dass sie eines Tages ein Himmelreich erwartet – das könnte in Peinlichkeit versinken. Hier rührt es fast zu Tränen. (Interessanterweise hat der Regisseur das für Tschechow so wichtige Argument, dass Arbeit eine Rettung gegen Leere sein kann, dagegen in den Hintergrund treten lassen.)

Anders als sonst, nicht als ehrgeizige Möchtegern-Intellektuelle, sondern als eitles altes Frauchen gibt Michou Friesz die Schwiegermutter. Wunderschön in der Nebenrolle des am Gut mitlebenden verarmten, leise verspotteten „Waffel“ ist Alexander Tschernek – und nie hat man eine stärkere, präsentere alte Kinderfrau gesehen als jene von Inge Maux: Sie ist gewissermaßen der Kommentar der einfachen Leute zu diesen Luftmenschen, sie steht fest am Boden, ihr macht man nichts vor, sie weiß, was mit einer Tasse Tee oder einem Gläschen Wodka zu heilen ist – und bietet in dieser Aufführung einen genialen, erdverbundenen Kontrapunkt zum Geschehen der wirbelnden Seelen.

Es ist eine durch und durch schöne Inszenierung, die sich nicht so krampfhaft um ihren „modernen“ Look bemühen müsste. Sie hat nur einen Fehler: Sie gehört in ein Haus, nicht vor die Burg von Perchtoldsdorf. Wer für Sommer- und Freilichtspiele ein so großartiges Ambiente besitzt, der ist ihm auch etwas schuldig. Und seien es Wallenstein, Bruderzwist oder Die Räuber, wie Jürgen Wilke einst so richtig erkannt hat. Der Rahmen sollte mitspielen, sollte sinnvoll einbezogen sein – irgendwelche Stücke beiläufig davor zu stellen, widerspricht der ganzen Sommerspiele-Idee. (Was ist eigentlich aus dem Projekt geworden, hier „Maria Stuart“ mit Maria Happel als Elisabeth zu spielen?)

Renate Wagner

 

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