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NÖ / Langenlois: IM WEISSEN RÖSSL

22.07.2016 | KRITIKEN, Operette/Musical

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NÖ / Schlossfestspiele Langenlois 2016 / Schloss Haindorf: 
IM WEISSEN RÖSSL von Ralph Benatzky
Premiere:  21. Juli 2016 

Wozu gibt es die Phantasie und vor allem den guten Willen von Theaterbesuchern, sich vorzustellen, was immer man von ihnen verlangt? Nein, das „Weiße Rössl“ braucht wirklich keinen Wolfgangssee, es funktioniert auch mitten im niederösterreichischen Weinland. Die Schlossfestspiele Langenlois, seit 1996 im Rahmen des Theatersommers in Niederösterreich aktiv, sind ein Operettentempel. Und da passt das operettige Singspiel „Zum weißen Rössl“ allemale dazu, auch wenn der Badesteg  auf die grüne Wiese hineinragt und auf Gras geangelt und gebadet wird…

Man weiß nun aus langjähriger Erfahrung, dass das „Weiße Rössl“ eine knifflige Sache ist, die auch erfahrenen Regisseuren wie ein nasser Lappen auf den Bühnenbrettern kleben bleiben kann: Es ist einfach zu viel los am Wolfgangssee, da sind – natürlich alles beherrschend – der Leopold und seine Rössl-Wirtin im Liebesquerelen, da ist die Berliner Knallcharge (ein Gustostück der Wiener Operette, 1930 im österreichischen Singspiel zur Uraufführung nach Berlin mitgebracht), da sind zwei Liebespaare oder sogar drei, der Dr. Siedler und Ottilie weniger interessant und ergiebig als „der schöne Sigismund“ und das lispelnde Klärchen, außerdem gibt es noch ein jung vermähltes Paar, der Erzherzog-Johann-Jodler soll auch von Bergesspitze erklingen, eine rührende Vaterfigur (Professor Dr. Hinzelmann, der so arm ist und doch so gern reist) kommt ebenfalls noch dazu – und jahrzehntelang war der Auftritt von Kaiser Franz Joseph, he, himself, live, immer ein Höhepunkt des Geschehens. Ein bißl viel, im allgemeinen überbordend.

Regisseur Michael Scheidl, der sich mit der Bühne nicht viel antut – ein paar Wirtshaustische, links ein „Kletterfelsen“ mit Gipfelkreuz (da sind ein paar Darsteller ganz wacker unterwegs), rechts der Badesteg vor dem überdachten Orchester -, versteht glücklicherweise etwas von Schauspielerführung. Er gibt dem Ballett (Alexander Riff) samt Jokus Raum, da lachen die Kühe zwar nicht (gehen auch sie auf das Konto von Kostümbildnerin Nora Scheidl?), aber sie tanzen, und beim Schuhplatteln werden die obligaten Watschen ausgetauscht, das macht das Ganze ländlich – deftig – lustig. Sonst ist es (gutes) Theater mit Gesang (soweit die Protagonisten singen können), und das lässt den Abend, der sich nur am Ende zieht, in seiner Mischung aus List und Liebe, Humor und Sentimentalität erfreulich flott unterwegs sein.

Rössl die zwei
Kristina Bangert, Boris Eder  /  Foto: Schloßfestspiele Langenlois

Freilich wäre das Unternehmen nicht so erfolgreich, hätte es in Boris Eder nicht einen Leopold, der sich gewaschen hat. Das ist weniger der schaumige Charme des Peter Alexander als die Rasanz eines jungen Mannes, der von Liebe und Selbstbewusstsein getrieben wird: Eder, der wirklich hervorragend singt und brillant spielt, ein deutlicher Sprecher und tödlich exakter Pointensetzer, ist der Motor des Abends. Man hat es schon von der letzten Volksopernproduktion her gewusst, wo er seinen Rollenvorgänger weit überragte, und hier kommt er noch besser zur Geltung.

Sage man gleich, woran es bei dieser Produktiion hapert. Die Rössl-Wirtin ist ja nun keine einfache Aufgabe, weil sie dauernd so g’schnappig sein muss, aber zumindest Waltraut Haas hat allen Nachfolgerinnen, die viel zu bissig und biestig ausgefallen sind, vorgemacht, wie man solche Reschheit mit weiblichem Charme verbindet. Kristina Bangert hat davon nichts. Tatsächlich bringt sie nach Langenlois nur eine Art von Fernsehruhm mit, aber die Polizeiuniform vertauscht sich nicht straflos mit dem Dirndl, zumal – es sei einfach ehrlich gesagt – wenn man so gar nicht singen kann. Als Schauspielerin kann sie, was sie soll, wenn auch ohne den geringsten Hauch von Operettenausstrahlung, als Rössl-Wirtin ist sie ein Ausfall.

Wie gut, dass die Produktion so viele schauspielerische Atouts aufzubieten hat, voran Johannes Seilern, der als vollmundige Wilhelm Giesecke aus Berlin geradezu bühnenfüllend agiert. Prima, wie er das macht, „det Jeschäft is richtig“, der Akzent, das ewige Staccato, der trockene Witz, dabei im Grunde seiner Seele ein netter Kerl. Ein Vergnügen. Er beherrscht – neben Leopold – die Szene, und im Grunde würde der Abend gar nicht mehr brauchen, bekommt es aber.

Dann da hat sich Michael Scheidl selbst den Professor Dr. Hinzelmann zugeteilt, der ja eine rührend-bezaubernde Figur ist, wenn man sie nicht penetrant schmalzt, und Scheidl macht das wunderbar, der richtige Ton, den er als Regisseur für die anderen findet, er hat ihn auch.

Und noch ein Kunststück: ein gänzlich unpathetischer Auftritt von Kaiser Franz Joseph, glücklicherweise keine gerührten Habsburger-Kundgebungen aus dem Publikum, da kommt einfach ein sympathischer älterer Herr. Robert Sadil, als trockener Komiker oftmals in Baden wohltuend aufgefallen, ist keine berühmte, aber eine sehr gute Besetzung des Kaisers, weil er allen Peinlichkeiten und Sentimentalitäten aus dem Weg geht.

André Bauer und Melanie Wurzer sind der Dr. Siedler und seine Ottilie, die weniger Möglichkeiten haben als das zweite Paar: Harald Baumgartner als schöner Sigismund und Daniela Lehner als Klärchen machen ihre Sache sehr gut und vergnüglich, ob im Badekostüm oder auf Bergesgipfel. Dort fällt auf, wie gut Nicole Lubinger mit dem Erzherzog-Johann-Jodler zurecht kommt, und der ist bekanntlich wirklich schwer. Der Rest ist ebenfalls Vergnügen, Piccolo Angelo Margiol bringt seine Stichworte so, wie es sich in einer gut gearbeiteten Aufführung gehört.

Der Intendant des Unternehmens, Andreas Stoehr, stand auch am Pult des Schönbrunn Festival Orchester Vienna, und natürlich kann er nie in den Zuschauerraum gehen und hören, wie er und seine Leute klingen. Übersteuert, um es kurz zu sagen. Vielleicht hat man „aufgedreht“, um der Rössl-Wirtin Stimme zu geben. Vergeblich – aber das ist das einzige echte Manko des Abends, der fast dem Regen zum Opfer gefallen wäre, als dieser etwa eine halbe Stunde nach Beginn einsetzte.

Aber Darsteller und Publikum hielten durch, und dramaturgisch kam die Regenschirm-Szene wie bestellt… „Wenn es hier mal richtig regnet, ja dann regnet es sich ein“ – na Gott sei Dank nicht. Der Sommertheater-Wettergott hatte ein Einsehen – und es regnete sich nach kürzester Zeit wieder aus. So bekam man das Rössl komplett. Wäre auch schade gewesen.

Renate Wagner

Vorstellungen bis 13. August jeweils Freitag, Samstag um 20,30 Uhr, zusätzlich am 7. August um 17.30 Uhr
Info  02734 / 3450   www.schlossfestspiele.at

 

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