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NIKOLAI RIMSKY-KORSAKOV: DER GOLDENE HAHN

11.04.2017 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

 

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NIKOLAI RIMSKY-KORSAKOV:
DER GOLDENE HAHN

Melodiya 2 CDs

Die letzte Oper und messerscharfe Politsatire Rimsky-Korsakovs als musikalisch genialer Handstreich

Melodiya veröffentlicht erstmals die berühmte Rundfunkaufnahme des sowjetischen Rundfunks 1968 auf CD 

Was für eine köstliche Idee, sich einen Gockel (oder ein „Hähnchen“, wie man in Deutschland für österreichische Ohren lustig  sagt) als zaristischen Ratgeber, als Alarmschreier für Krieg und Frieden auszudenken. Der bequeme dekadente, in die Jahre gekommene Zar Dodon schätzt sein Schläfchen höher als die Staatsraison, liebt seine Feste und Vergnügungen mehr als sein Volk. Dieser amtsmüde Zar ist noch dazu feige, ständig hat er Angst vor Überfällen. Deshalb verkauft ihm ein Magier/Astrologe aus dem Fernen Osten (mit einem extrem hohem „Tenore altino“ besetzt) das bunte Federvieh, damit es Angriffe voraussagt.

Ein Märchen Alexander Puschkins, das auf dem Erzählband „Die Alhambra“ von Washington Irving beruht, diente dem Dichter Vladimir Bielski als Vorlage für das Libretto. Rimsky Korsakov war 63 Jahre alt, als er die Oper in Rekordzeit schrieb. Es war sein fünfzehntes Musikdrama und sollte sein letztes sein. Und es ist sicher sein bestes. Die Uraufführung am 24. September 1909 in Moskau statt. 

„Der Goldene Hahn“, „Il Gallo d‘oro“, „Le coq d‘or“, „The golden Cockerel“ sind nicht nur geläufige Namen für einen Gasthof/Wirtshaus irgendwo auf dem Land oder ein Restaurant in Berlin Kreuzberg, sondern Synonym für eine der schrägsten russischen Opern, die als musikalische Quintessenz der damaligen Ära galt. Besonders nach der Aufführung in Paris war dem fantastischen Werk rund um Zar Dodon, seine blödsinnigen Söhne Gwidon und Afron, die machtbesessene geheimnisvolle Königin von Shemakha und den singenden Vogel ein Riesenerfolg beschieden. 

Rimsky-Korsakov verließ nicht die Pfade der Tradition zwischen russischer Folkore und orientalischen Anklängen, aber die Ausdrucksdichte und expressionistische Kraft der Musik weisen weit voraus in Richtung Prokofiev und Shostakovich. Zwischendurch wagnert es im Orchester ganz gehörig. 

Auch die Handlung hat es in sich, und man kann nachvollziehen, dass die Zensur keine  Aufführung erlaubte. Skurril und grotesk, wenn der Astrologe gerade die Hand der schönen feindlichen Königin als Belohnung fordert. Freilich braucht es keine Kanonen, ein paar schöne Augen genügen, um den senilen Zaren dazu zu bewegen, sein Reich blindlings an eben besagte Königin Schemacha zu verschenken. Er tötet daher kurzerhand seine männliche Konkurrenz mit dem Zepter. Trotzdem keine Zeit für Zärtlichkeiten, Schemacha will Dodon strafen. So stürzt sich das goldene Fabelwesen auf ihn und hackt so lange auf ihn ein, bis er stirbt. Die Königin entflieht mit dem Wundervogel in einem heftigen Gewitter. Im Epilog taucht der Astrologe wieder von den Toten auferstanden auf und lässt das Publikum wissen, dass das alles nicht so ernst sei, weil er und die Königin ohnedies die einzigen wahren Charaktere des Stücks waren…. 

Die CDs basieren auf einer Rundfunkaufnahme aus dem Jahr 1968. Bislang mit viel Glück antiquarisch nur als zumeist kostspielige LPs erhältlich, ist diese zwischen Romantik und expressiver Kante, zugespitzter Komik und ironischer Verschmitztheit changierende Aufnahme ein Glücksfall. Ein typologisch exzellent zusammengestelltes Ensemble rund um den üppigen Bass von A. Korolyov als Zar Dodon in der Hauptrolle sorgt für alle Drastik des akustischen Geschehens, ohne je karikatural zu wirken. Ob die Sopranistin K. Kadinskaja als Schemakha, N.Polyakova als Goldener Hahn, G. Pishchayev als quängelnder Astrologe , aber auch der mächtige Rundfunkchor oder das farbenreich und sinnlich auftrumpfende Orchester, alle haben Anteil an der spannungsvollen Wiedergabe. Die Dirigenten A. Kovalyov und A. Akulov schönen den Klang nicht, sie nutzen alle dramatischen Effekte und treiben die Orchesterwogen in bisweilen pfeffrige Gluthitze.  

Das Sujet der Oper passt ja wie kaum ein anderes in die heutige Zeit. Rimsky-Korsakov war ein waschechter Freigeist und überzeugt, dass jede Form von Autorität Kritik verdient. Mit dieser Oper hat er sein satirisches Können auf die Spitze getrieben. Viele Musikfreunde werden die Suite aus der Oper kennen, von der es zahlreiche exzellente Aufnahmen gibt (Maazel, Dorati, Ansermet). Aber auch von der Oper gibt es eine Handvoll hochkarätiger Einspielungen. Aus Russland stammen noch zwei weitere Aufnahmen des „Goldenen Hahns“, eine aus dem Jahr 1988 mit dem legendären Arthur Eisen als Dodon unter Svetlanow, und eine Aufnahme aus dem Jahr 2008, dirigiert von Dimitri Kitaenko und mit Nesterenko als Dodon. Aber keine Aufnahme klingt passionierter und kann mit einer größeren Sogwirkung bis hin zum Schluss aufwarten als dieses Rundfunkjuwel aus den Archiven des Labels Melodiya. Auch die direkte, ganz hervorragende Tontechnik trägt zur unverwechselbaren Atmosphäre des Albums bei.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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