
NEW YORK – WIEN / Die Met im Kino / Cineplexx Cinemas:
TRISTAN UIND ISOLDE von Richard Wagner
21. März 2025
Tristan in der Suppenschüssel
Was haben Regisseure mit Richard Wagners „Tristan und Isolde“ nicht schon alles angestellt! Bei Heiner Müller spielte die Geschichte um ein Rechteck im Boden, bei Christoph Marthaler musste Isolde im zweiten Akt ununterbrochen Lichtschalter ein- und ausschalten. Selten hatte man das Glück, dass sich wie bei Jean-Pierre Ponnelle die „Nacht der Liebe“ in aller Magie entfaltete und die Schönheit der Musik und Tiefe der Gedanken umsetzte… So ist das eben im Theater.

Fotos: MetOpera
iie Metropolitan Opera hatte mit ihrer Neuproduktion von „Tristan und Isolde“ nur partiell Glück. Regisseur Yuval Sharon, dem wir in Wien nur einmal, vor zehn Jahren noch in der Direktion Meyer, in der Wiener Staatsoper begegnet sind (damals biß er sich die Zähne an den „Drei Schwestern“ von Peter Eötvös aus) und der in Bayreuth einen sehr „blauen“ Lohengrin schuf, hat sich nicht gerade bemüht, das Werk inhaltlich in den Griffzu bekommen, von dem er ohnedies sagt, dass es nicht gelingen kann. Anstelle dessen entwarf er mit seiner Bühnenbildnerin Es Devlin eine surreale Mischwelt aus moderner Kunst, seltsamen Assoziationen und affektierten Formalismen, für die die Met schlappe vier Millionen Dollar investieren musste.
Ist das nun Isolde im Weltraum? Oder kommt sie aus einem Ofenrohr? Ist das Tristan in der Suppenschüssel, wenn zwei Kreise einen solchen Tiefeneffekt ergeben? Minimale Szenen zwischendurch, die einen Hauch von Realismus haben, passen da gar nicht hinein. Tristan und Isolde schweben in dieser Bildwelt irgendwo – nicht fragen, wo. Fragen darf das Publikum schon lange nicht mehr.

Dabei könnte man zu Beginn Hoffnung hegen. Dass sich Tristan und Isolde zu Beginn an einem Tisch gegenübersitzen und anschmachten, eine Sanduhr zwischen ihnen, das passt zur Musik der Ouvertüre, das erzählt, dass die beiden schon eine Beziehung haben. Hier schon dupliziert ein Video riesig, was die kleinen Menschen unten auf der Bühne tun. Dieser Effekt wird immer und immer wiederholt.
Dann freilich darf man so simple Dinge wie ein Schiff, einen Garten oder eine Burg in der Bretagne wirklich nicht verlangen, das wäre grauenvoll altmodisch. Dauernd wechselnde sinnlose Verschiebungen von geometrischen Formen sind da schon aktueller. Sind digital. Dass hinter dergleichen ein philosophisches Regiekonzept steckt, will man uns immer einreden – aber es bleiben meist leere Phrasen, nichts davon setzt sich im Auge des Zuschauers um. Dieser steht nur vor Unerklärlichkeiten (wenn er ein nüchterner Mensch ist und sich nicht gerne etwas vorgaukeln lässt).
Doch Sharon meinte selbstsicher im Pausengespräch, Richard Wagner wäre davon wohl begeistert. Na ja, was weiß man, vielleicht ließe er sich von seiner „Kinder, macht Neues!“-Attitüde selbst dazu hinreißen, so etwas gut und richtig zu finden? Oder auch nicht…
Der Wagnerianer, der an dieser „Inszenierung“ verzagt, die nichts ist als Surrealismus, vor dem keine wirkliche Geschichte mehr stattfindet, kann sich – wie so oft – auf die Hoffnung zurück ziehen, der musikalische Teil sei besser. Wotan sei’s gedankt, er ist. Auch weil Yannick Nézet-Séguin sich wieder einmal als Mann für alle Fälle (und solcherart würdiger Nachfolger von James Levine) erweist. Er „kann“ Wagner wirklich, er lotet diese schwierige Partitur bemerkenswert aus, und vor allem im dritten Akt gelingt ihm ein Furioso erster Güte. Mit ihm hat die Met kein Dirigentenproblem.

Auf die Isolde der Lise Davidsen hat, man kann es ruhig so pathetisch ausdrücken, die Opernwelt gewartet. Sie gab ihr Debut in Barcelona, und nun kann das Ergebnis dank der Met im Kino in aller Welt gesehen werden. Eine große, starke Frau, Wagner-Heroinen-Format, in schöne Gewänder gesteckt (Kostüme: Clint Ramos), was ja für den Effekt einer Leistung nicht unwichtig ist. Die schöne, mächtige Stimme, die attackierende Wagner-Höhe, keine Register-Probleme, kein Tremolo, vom Piano bis zum Forte voll beherrscht. Man kann, wie einst bei der Nilsson, von der „Isolde unserer Tage“ sprechen.
Dennoch war Michael Spyres die Überraschung des Abends, denn von ihm war nicht mit gleicher Sicherheit Großes zu erwarten. Der Sänger, der „auch“ Bariton-Rollen singt und im Mai in der Wiener Staatsoper als Nemorino (!) angesetzt ist, meisterte eine der größten Wagnerschen Heldenrollen nicht mit „Bravour“, das würde gewissermaßen große Geste voraussetzen, sondern mit einer Selbstverständlichkeit, die beeindruckend war. Eine schöne Stimme auch noch, Kraft ohne Protzerei, und im dritten Akt, wo man schon manchen Tenor sterben nicht nur gesehen, sondern auch gehört hat, wuchs er mit Tristans Verzweiflungsdramatik immer noch ein Stück. Bemerkenswert. Für den dritten Akt ist dem Regisseur übrigens (er kann ja auch gute Ideen haben) eingefallen, den Tristan, der da im Bett vor sich hinstirbt, zu verdoppeln, so dass sein schon abgespaltenes Ich sich im Raum bewegt und eindrucksvoll auf sein Ende zu leidet.
Ryan Speedo Green, der bei uns nie so sonderlich erfolgreich war und es an der Met in hohem Ausmaß ist, sang den Monolog des Marke eindrücklich und eindrucksvoll. Hätte der echte König von Cornwall seine Frisur getragen, wäre ihm ein „koloniale Anmaßung“-Shitstorm im Netz sicher gewesen. In diesem Fall geht es… Marke muss auch die seltsame Schlußpointe (Sharon kann auch Dummes einfallen) glaubhaft machen. Isolde hat nämlich offenbar gerade ein Baby bekommen, und weil Vater und Mutter jetzt tot sind, nimmt sich der König offenbar des Bastards seiner ungetreuen Gattin an. Es fällt auf, dass Regisseure den Wagner-Figuren neuerdings gerne Kinder verpassen – hatten nicht auch Siegfried und Brünnhilde in der letzten Bayreuther „Götterdämmerung“ eines? Unsere Regisseure wissen ja alles besser…
Tomasz Konieczny hatte als Kurwenal die stärksten Momente im dritten Akt, in seiner geradezu ergreifenden Sorge um Tristan. Ekaterina Gubanova singt die Brängäne schon seit Jahrzehnten. Die „Habet Acht“-Rufe hatten nicht ganz den Glanz und die Wirkung, die sie erreichen können. (Als ich Christa Ludwig einmal sagte, ich hätte diese Rufe nie so schön gehört wie von ihr in Salzburg, meinte sie nur: „Ich hatte ja auch Karajan als Dirigenten.“)
Das New Yorker Publikum tobte vor Begeisterung. Yuval Sharon wird den nächsten New Yorker „Ring“ inszenieren (unendlich schade um das „Maschinen“-Meisterstück von Robert Lepage). Es ist zu hoffen, dass Sharon sich dann auf die Geschichte konzentriert und sich nicht mit Ausstattungs-Schnokes zufrieden gibt.
Renate Wagner

