Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

NEW YORK – WIEN / Die Met im Kino: THE HOURS

hours 1600x685 2 cc~1
Fotos: Metopera

NEW YORK – WIEN / Die Met im Kino: 
THE HOURS von Kevin Puts
Libretto by Greg Pierce
Nach dem Roman von Michael Cunningham
Übertragung aus der Metropolitan Opera: 10. Dezember 2022 

Wer in Vorbereitung auf den Met-Abend die DVD in den Apparat geschoben hat, um aus der Distanz von zwei Jahrzehnten „The Hours“ wieder zu sehen, wird sich gefragt haben, ob dieser Film überhaupt ein Opernstoff ist, und wenn ja, wie man das auf eine Bühne bringen will.

Basierend auf dem Buch von Michael Cunningham geht es um eine Virginia-Woolf-Paraphrase rund um ihren Roman „Mrs. Dalloway“. Zu Virginia Woolf, die 1923 in dem Londoner Vorort Richmond mit dem Schreiben dieses Romans ihre enormen Seelenprobleme thematisiert, kommen zwei erfundene Figuren hinzu. Im Los Angeles der fünfziger Jahre liest die Hausfrau Laura Brown dieses Buch und begeht angesichts der Sinnlosigkeit ihres vorgenormten Lebens beinahe Selbstmord (das ist die an sich am wenigsten einsichtige Figur). Und schließlich ist da im New York der Jahrtausendwende die Verlegerin, die mit Mrs. Dalloway den Vornamen Clarissa teilt, in Buch und Film Vaughan heißt, in der Oper dann gleich Dalloway: Vieles, was die Romanheldin tut, vom exzessiven Kauf von Blumen bis zur Vorbereitung einer Party, sind einige Handlungselemente  des Romans aus dem England der zwanziger Jahre in die intellektuelle Welt der USA „übersetzt“, mit Anpassungen im Sujet (etwa der Freitod von Clarissas aids-krankem Freund).

Im Film sind die einzelnen Szenen hintereinander geschnitten, so dass inhaltliche Bezüge klar werden. Bei allen drei Schicksalen wird anhand der äußeren Begebenheiten die Seelenlandschaft der Protagonistinnen erforscht. The Hours  (so wollte Virginia Woolf ihren Roman ursprünglich nennen) – das sind die Stunden, die man leben muss, was nicht jedermann gleich gut gelingt. Und wie macht man aus dem personenreichen Psychogramm von Roman und Film eine Oper?

Das ist dem Librettisten Greg Pierce und dem Komponisten Kevin Puts erstaunlich gut geglückt, weil sie ganz einfach eigene Wege gegangen sind. Was Buch und Film trennen, fügen sie auf einer Bühne zusammen, sie setzen die Frauen in Bezug, lassen sie auch gemeinsam singen. Und sie heben, was in Buch und Film einigermaßen realistisch gezeigt wird, durch einen enormen Chor und stete Präsenz von Tänzern auf eine quasi irreale Ebene.

Allerdings muss man sagen, dass handlungsmäßig vieles verloren geht – von Clarissas aids-kranken Freund  erfährt man außer einer kurzen Rückblende nur den selbst gewählten Fenstersturz, darüber hinaus  kaum etwas; die so wichtige Beziehung zwischen Virginia Woolf und ihrem Mann bleibt Nebensache; viele im Film starke Szenen (die Nachbarin von Laura, der Besuch von Virginias Schwester) werden so nebenbei abgehandelt, dass sie jegliche Funktion verlieren. Kurz, man darf sich nicht auf die Vorlage fixieren, sondern muss die „Hours“ als Oper nehmen, wie sie ist, reduziert in der Handlung, aber aufgeladen mit Gefühl.

net hours pb fenster xx~1

Dafür sorgt die Musik von Kevin Puts, die nicht verstörend auf „moderne“ Art, sondern sehr fein gesponnen ist, jeder der drei Frauen einen eigenen „Sound“ gibt und sie immer wieder harmonisch zusammenführt. Die menschliche Stimme wird nicht verzerrt (allerdings auch nicht übermäßig gefordert),  die Sängerinnen bieten „Seele“ – und das tun sie phantastisch. Immer wieder wird der Chor gewaltig eingesetzt, und wenn es auch eindeutig „dramatische“ Passagen gibt, so ist es doch die Stimmung von Melancholie, die das ganze Werk durchzieht und prägt. Und Yannick Nézet-Séguin (der neue Stil der Met äußert sich auch in dem floralen, blusenartigen Hemd, mit dem er an das Dirigentenpult tritt) balanciert das Orchester so perfekt aus, dass es die Sänger immer unterstützt und nie bedrängt.

Die Inszenierung von Phelim McDermott (der  zuletzt vor drei Jahren an der Met mit „Akhnaten“ von Philip Glass beeindruckt hat) ist ein logistisches Meisterstück, das viel auch der Ausstattung von Tom Pye verdankt. Wie da nach und nach die einzelnen Schauplätze – düster-britisch für Virginia, grelle fünfziger Jahre in LA, radikaler Chic im New York der Jahrtausendwende – herbei- und herumgeschoben werden, jede Frau ihren Platz hat und dennoch mit den beiden anderen interagiert (was ja, wie erwähnt, der Kunstgriff der Opernfassung ist), wie außerdem Chor und Tänzer (Choreographie; Annie-B Parson) immer wieder eingreifen, nicht realistisch, sondern poetisch überhöht, das bindet die Geschichte zusammen, auch wenn substanziell die Musik die Aufgabe des Textes übernommen hat. Aber es ist schließlich eine Oper…

Die Met kann sich einer Uraufführungsbesetzung brüsten, die ihr wohl auch viele Zuschauer gebracht hat, die normalerweise nicht in eine moderne Oper gingen. Aber dass sich Renée Fleming nach ihrem „Rosenkavalier“-Abgang entschlossen hat, dennoch zurück zu kehren, ist natürlich ein Atout des Abends, den sie gewissermaßen auch verantwortet – es sei ihre Idee gewesen, erfuhr man in den Pausengesprächen mit der Schauspielerin Christine Baranski (Filmfreunden wohl bekannt), aus „The Hours“ eine Oper zu machen, und der kreative Entstehungsprozeß fand in enger Zusammenarbeit mit den drei Sängerinnen statt. Die Fleming hat weder ihre Attraktivität noch ihren strahlenden Sopran eingebüßt, und wenn die Rolle im Kino für Meryl Streep auch ergiebiger war, die Opernpartie muss für eine solche Interpretin dankbar sein.

Allerdings lag der Schwerpunkt natürlich auf der interessantesten Figur, auf Virginia Woolf (im Film unvergleichlich von der unter der Maske nicht zu erkennenden Nicole Kidman gespielt). Joyce DiDonato gab uneitel die ältliche Frau, überzog die Nervenkrämpfe nicht, strahlte aber das ganze Unglück der historischen Figur aus (wobei in der Oper, anders als im Film, ihr Selbstmord ausgespart bleibt).

Perfekt Kelli O’Hara in der Julianne-Moore-Rolle der unglückseligen Laura, wobei die Sängerin, die den Großteil ihres Lebens auf Musical-Bühnen verbringt, volle Opernleistung erbringt. Obwohl die Figur im Opernlibretto flacher ist (im Film sind vor allem die Szenen mit ihrem kleinen Sohn einfach herzzerreißend), spielt sie diese fünfziger Jahre-Mischung von Monroe und Doris Day mit jeglichem Nachdruck, wobei ihr die am Ende abverlangte Alterung um ein halbes Jahrhundert eindrucksvoll gelingt (wenn sie auch zu keiner Greisin wird).

Die Nebenrollen krankten, wie gesagt, an dramaturgischer Bedeutungslosigkeit und bekamen auch nicht viel zu singen – nicht Kyle Ketelson als Clarissas Selbstmörderfreund und nicht Sean Panikkar als Leonard Woolf und noch weniger Brandon Cedel als Lauras Gatte (eine tolle Figur im Film).

Immerhin machten Sängerinnen wie Kathleen Kim (die als Blumenverkäuferin auch ein paar Koloraturen loslassen durfte), Sylvia D’Eramo (in zwei Rollen) oder Denyce Graves aus ihren geringen Möglichkeiten das Beste.

Erinnert man sich daran, wie in der vorigen Saison eine neue Oper an der Met (Hamlet von Brett Dean) für ein gähnend leeres Haus sorgte, so erwiesen sich Fleming und DiDonato als ausreichende Anziehungskraft, um den Saal im Cineplexx Landstraße wenigstens einigermaßen zu füllen. Man hatte es nicht zu bereuen.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken