Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

NEW YORK – WIEN / Die Met im Kino: MANON

27.10.2019 | KRITIKEN, Oper

NEW YORK – WIEN /
Metropolitan Opera – im Kino:
MANON von Jules Massenet
26.
Oktober 2019

Regisseur Laurent Pelly war ein Liebling der Wiener, als er die „Regimentstochter“ auf die Bühne der Staatsoper stellte. Mit seiner „Lucia di Lammermoor“ gewöhnte man ihn sich schnell wieder ab. Das New Yorker Met-Publikum muss angesichts seiner „Manon“ ähnlich empfinden, die nun auch schon seit 2012 immer wieder kehrt – und immer von der Besetzung gerettet wird. So auch diesmal, wo Lisette Oropesa als Manon und Michael Fabiano als des Grieux ein Strahle-Paar auf die Bühne stellten, wie man es nicht alle Tage erlebt.

Wir kennen Lisette Oropesa in Wien noch nicht, obwohl sie zwischen der Scala und Barcelona, Madrid und Paris, London und München in Europa an ersten Häusern echte Erfolge erzielt hat. Wie aus dem Pausengespräch hervorging (nicht live, sondern mit Peter Gelb aufgezeichnet), kommt sie – als Kind kubanischer Einwanderer gebürtig in New Orleans – aus dem „Stall“ der Met, wo manche/r heute erfolgreiche Sänger/in (Isabel Leonard, Erin Morley u.a.) ausgebildet wurde, ging dann nach Europa und kehrt nun genau zum richtigen Augenblick zurück, um eine ideale Manon zu singen – die Stimme noch frisch, aber genug Erfahrung, um mit dieser „Isolde der französischen Oper“, wie Lisette Oropesa ganz richtig sagte, souverän umzugehen.

Wahrscheinlich hat das französische Repertoire (auch die dünklerstimmige Carmen nicht) tatsächlich keine anspruchsvollere Partie, in der alles drin ist, vom chansonartigen Trällern bis zur Hochdramatik, von zärtlich-sentimentaler Liebeslyrik bis zu fahlem Sterben in Mezzavoce und Mittellage. Die Oropesa bringt das alles mit, singt mit strahlender Leichtigkeit und leuchtendem Timbre die schwierigsten Passagen, hat herrliche Höhen und keinerlei Mankos in Stimme und Technik. Natürlich, spielen muss man das auch – von der Unschuld vom Lande, die auf der Stelle von der Idee des städtischen Luxuslebens verzaubert wird, dann in des Grieux die große Liebe entdeckt, dennoch der Lockung des Geldes erliegt und diese Liebe verrät. Die sich den Geliebten zurückholt und in einem Akt der Verzweiflung dann kriminell wird, auf die Deportation zugeht und in den Armen von des Grieux stirbt… nicht in jener Schönheit, die Verdi und Puccini opulent für ihre Heldinnen bereit haben, sondern schlechtweg traurig. Auch das ist drinnen, von den großen Kulleraugen unter dem Hütchen des jungen Mädchens bis zum Ende, ein zerbrochenes Bündel Mensch, das nur noch sterben kann… ja, es war ein Gewinn, Lisette Oropesa kennen zu lernen.

Und auch Michael Fabiano könnte man hierzulande ruhig einmal live erleben (im Kino hat man ihn zuletzt als Faust in London gesehen), er hat nicht nur die Kraft, mit der er Spitzentöne schleudert, sondern ist auch ein Meister der Nuancen, zumal der von Massenet so reichlich und schwierig eingesetzten Piano- und Pianissimo-Passagen. Dazu ein stürmischer Liebhaber, den das Schicksal bricht und in die Arme der Kirche treibt, bis die Liebe ihn ins Leben zurückholt, um ihm sein Glück doch noch wegzunehmen. Es ist schon tragisch, was den Sängern da an Schicksalen zugemutet wird – aber sie dürfen dabei eben so wunderbar singen.

Artur Rucinski als Lescaut, ein echter Strizzi, beeindruckte durch starken, wohlklingenden Bariton, und die Nebenrollen waren scharf charakterisiert besetzt. Nur Kwangchul Youn, von dem man noch vor ein paar Jahren die besten Eindrücke empfing (u.a. als Gurnemanz), hat auch in Wien zuletzt enttäuscht und ist hier als Comte des Grieux zwar eine würdige Erscheinung, aber stimmlich nur ein Schatten seiner selbst. Wirklich schade.

Ist Maurizio Benini zu sehr Italiener für eine französische Oper? Vielleicht könnte man sich seidiger in die französische Melodik legen, aber wo das Melodram herrscht (reichlich genug in dieser Oper), ist er völlig kompetent. Es lag wohl nicht am musikalischen Teil, dass einem als Zuschauer das Werk – an diesem Abend mehr als vier Stunden lang – einfach zu lang vorkommt. Wenn man es wagen darf, dergleichen auszusprechen / niederzuschreiben, hätte Massenet da viele Nebensächlichkeiten, in die er offenbar verliebt war, ersatzlos kürzen können. Zudem hat man den Abend mit zwei großen Pausen und schrecklich langen Umbaupausen gestreckt.

Da ist man bei der nicht sonderlich geglückten Inszenierung von Laurent Pelly, der offenbar der Meinung war, die Belle Epoque-Kostüme (wie immer von ihm selbst entworfen) würden in einer „schlichten“ Dekoration am besten zur Geltung kommen. Aber was Chantal Thomas (der wir auch die optisch so öde Wiener „Lucia“ verdanken, wenn man es so formulieren will) auf die Bühne brachte, sind vorwiegend reizlose, glatte Beton-Konstruktionen. Für die Szene, wo Manon ihren Des Grieux als Abbé aufsucht, hat man hingegen – mit Riesensäulen und eine Unmenge Stühlen – einen ganzen, sinnlosen, aufwendigen Kirchenraum hingestellt. Und in dieser Welt spielt sich szenisch nur Routine ab.

Hat man unsere Wiener „Manon“ von Andrei Serban in ihrem Fünfziger-Jahre-Stil immer ziemlich reizlos gefunden? Entschuldigung!

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken