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NEW YORK / WIEN Die Met im Kino: MANON LESCAUT

06.03.2016 | KRITIKEN, Oper

Manon Lescaut  Met 2016 Alagna Opolais x~1 
Fotos: Metropolitan Opera

NEW YORK / WIEN
Die Met im Kino:
MANON LESCAUT von Giacomo Puccini
5. März 2016

Manche Opern kommen in Schüben auf die Bühnen der Opernwelt, was gewiß auch mit den Besetzungen zu tun hat. Derzeit ist Puccinis „Manon Lescaut“, zweifellos eines seiner seltener gespielten Werke, gefragt. Reden wir gleich von den Inszenierungen. Im Vergleich zu der relativen Ideenlosigkeit von Jonathan Kent in London 2014 (wo sich alles mehr oder minder rund um ein seelenloses zweistöckiges Haus irgendwo hier und heute abspielte – per DVD zu überprüfen) und zum relativen Unsinn des Hans Neuenfels in München 2015 (seinerzeit als Livestream zu betrachten), hat Sir Richard Eyre an der New Yorker Metropolitan Opera vergleichsweise die Inszenierung geschaffen, die den Sängern und dem Publikum am meisten zugute kommt.

Nur eines hat der Abend mit Covent Garden gemeinsam – dass verhältnismäßig viel treppauf, treppab gegangen (und gesungen) wird: Brindley Sherratt, der nicht mehr ganz junge Darsteller des Geronte hat sich im Pausengespräch mit der angenehm souveränen Deborah Voigt leicht darüber beklagt…

Nun ist es ja nicht so, dass man an der Met das 18. Jahrhundert präsentiert bekäme, schon nicht, wie Sir Richard Eyre im Pausengespräch mit Intendant Peter Gelb so schön sagte, weil man da immer das Gefühl hätte, nicht die Darsteller tragen die Kostüme, sondern die Kostüme die Darsteller… Dass Eyre die Handlung in das von Deutschen besetzte Frankreich des Jahres 1941 versetzt hat – davon hat er sich wohl mehr versprochen, als dann herauskam. Besondere Atmosphäre von Bedrohlichkeit, umkippenden Stimmungen gab es nicht, wohl aber in der opulenten „Treppen“- und große Szenen-Ausstattung (Rob Howell) schlechtweg Nostalgie-Atmosphäre – der Platz vor dem Bahnhof, wo dann sogar hinten ein Zug einfährt, der riesige Palazzo des Geronte, schließlich das Schiff, auf dem die Gefangenen in die Kolonien gebracht werden. Nur das Ende, wo man in früheren Inszenierungen noch durch die Wüste geirrt ist, spielt hier – aber durchaus einsichtig – in einer Trümmerlandschaft, die aus den Bestandteilen der früheren Bühnenbilder besteht: Die Welt der Manon Lescaut ist zusammengebrochen, da kann man nur noch sterben… Kurz, das ergab einen Rahmen, der einem Met-Publikum gefällt und sich durch keine überdrehten Albernheiten auszeichnete.

Demnächst wird (in Wien und in Salzburg) Anna Netrebko die Manon Lescaut übernehmen, die sie in Rom ausprobiert und in München verweigert hat (Neuenfels ist nicht jedermanns Sache). So kam Kristine Opolais in London, München und nun New York zum Hattrick der Titelrolle. Und das hätte sich auch für ihren Partner in London und München wiederholen sollen: Aber Jonas Kaufmann sagte ab (was einige Herrschaften an der Kinokasse zu dem empörten Versuch brachte, ihre Karten zurück zu geben) – und während er (wenn es nicht ein böses Gerücht ist) Erholungsurlaub auf einer Insel machte, wollte Roberto Alagna den armen Met-Intendanten nicht im Stich lassen und lernte, wenn man seiner eigenen Aussage glauben will, in zwei Wochen (bei durchschnittlich 12 Stunden Arbeit täglich) die für ihn neue Rolle des des Grieux.

Manon Lescaut Alagna 2 x

Nun, es hat sich für ihn gelohnt. Es war voll und ganz der Abend des Roberto Alagna (der trotz 50 plus übrigens noch schlank und jugendlich auf der Bühne steht, kein Jüngling, aber keine Sekunde zu reif für den jungen Liebhaber). Mochte er anfangs noch ein wenig steif wirken, was gewiß auf letzte Reste von Unsicherheit zurück zu führen war, so legte er ab dem 2. Akt immer mehr an Energie zu, fand im 3. Akt seinen Verzweiflungs-Höhepunkt, der Gänsehaut verursachte, und überließ im 4. Akt der Partnerin ihren Sterbe-Klimax, war aber als Darsteller stets präsent an ihrer Seite. Alagnas Tenor blühte nach und nach auf, begab sich ohne Rücksicht auf Verluste in jene Super-Dramatik, die er auch bei seinen letzten Wiener Auftritten hören ließ, und er zeigte sich wieder als einer der am ehrlichsten präsenten Tenöre der Weltspitze. Kurz, es war sein Abend.

Dass Kristine Opolais die an Manon Lescaut so oft gepriesene Schönheit reichlich besitzt, wird ihr niemand absprechen, das hautenge Monroe-Glitzer-Kleid im 2. Akt könnten sich wohl wenige Sängerinnen so leisten wie sie (Kostüme: Fotini Dimou), aber als Darstellerin ist sie zwar stets dabei, das Richtige zu tun, wie man es ihr sagt, aber ein überschäumend genuines Darstellertalent ist sie nicht (so etwas machen dann die gnadenlosen Großaufnahme-Blicke der Kameras klar). Immerhin ging ihr Sterben unter die Haut, während die Stimme sonst vielleicht eher zu wenig sinnlich für Puccini wirkte – da kann man sich vorstellen, dass das üppige Timbre der Netrebko die Sache überzeugender treffen wird. Aber dass sie ihren Rang als derzeitige Manon Lescaut vom Dienst verdient einnimmt, wird Kristine Opolais niemand absprechen.

Der erwähnte Brindley Sherratt als der so reiche wie rücksichtlose Geronte war ideal besetzt, ein Darsteller, der Kälte und Bösartigkeit ausstrahlt, eine Stimme, deren Härte völlig dazu passt. Nicht glücklich wurde man hingegen mit Massimo Cavalletti als Manons Cousin Lescaut, dieser Bariton hört sich einfach nicht gut an.

Und nun, da man sich nicht mehr darauf verlassen kann, dass Jimmy Levine, dem ewiger Dank zu sagen ist, verlässlich durch das ganze Weltrepertoire der Oper führt, hat die Met in Fabio Luisi einen Italiener, der genau weiß, wo er subtil und wo er kraftvoll sein muss – bei Puccini vor allem Letzteres. Verdienter Jubel.

Renate Wagner

 

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