Fotos: MetOpera
NEW YORK – WIEN / Die Met im Kino / Cineplexx Cinemas
LA BOHEME von Giacomo Puccini
8. November 2025
Ein schönes Liebespaar

Berichte. Streams und DVDs informieren Opernfreunde, was Regisseuren in den letzten Jahren zu Puccinis „La Boheme“ eingefallen ist – das reichte bis zur Übersetzung der Handlung in den Weltraum. Dagegen ist der „Klassiker“, die Inszenierung von Franco Zeffirelli, „altmodisch“, aus der Zeit gefallen, ein Relikt von vorvorgestern. Und dennoch – keine Inszenierung tut mehr für das Werk, für die Sänger und zumindest einen Teil des Publikums als diese. Da geht es im Paris des 19. Jahrhunderts einfach wirklich um arme Künstler und arme Mädeln, eine geht an Schwindsucht zugrunde, weil die Wohnverhältnisse vermutlich unzumutbar sind, eine versucht, sich mit dem Geld reicher alter (weißer) Männer ein Stückchen vom besseren Leben abzuschneiden. Eine Geschichte, die so nur in diesem Rahmen stimmt, wo die ganze Armut unt Tragik von der Musik übergoldet wird.
Wien hat diese Inszenierung seit Karajans Zeiten, hat sie „noch“, für ihr Überleben würde man nicht garantieren. Die Metropolitan Opera spielt sie seit 1981 in bisher über 500 Vorstellungen beharrlich, erfolgreich. und in wechselnden Besetzungen. Die Mansarde der armen Künstler, das überbrodelnde Treiben rund um das Café Momus und die melancholische Winterpoesie am Barrière d’Enfer – so hat man früher auch optisch Oper verstanden, ohne sich über „Verlogenheit“ aufzuregen.
Ins Kino übertrug die Met die Produktion, die derzeit in drei verschiedenen Besetzungen des Hauptrollen-Paars auf dem Spielplan steht, jene unter der Stabführung von Keri-Lynn Wilson (man könnte als Information hinzufügen: Kanadierin ukrainischer Abstammung und „Frau Direktor“, weil mit Peter Gelb, dem Herren der Met, verheiratet). Es war ihre erste „Boheme“ an der Met, die New Yorker Presse war nicht voll begeistert, aber es war eben Repertoire, auch das muss besetzt werden.
Sowohl Juliana Grigoryan wie Freddie De Tommaso sind keine Neulinge, weder auf der Met-Bühne, wo beide schon im Vorjahr debutiert haben, noch international. aber sie zählen dennoch zur jüngeren Garde, die nun die großen Häuser übernimmt – die schöne Armenierin war auf europäischen Bühnen unterwegs, er war neben der anderen Grigorian, jener ohne „Y“ im Namen, der erste „Star“, den die Ära Roscic an der damals von ihm neu geleiteten Staatsoper präsentierte.
Die beiden haben an der Met Publikum und Kritik besonders gefesselt, weil sie beide ihre Rollen so intensiv und spürbar anteilnehmend gespielt und so nachdrücklich gesungen haben – ein Liebespaar, das sich mit voller Intensität geradezu in sein Schicksal wirft, zwei Sänger spürbar auf einer Wellenlänge, die Chemie stimmte.
Er ist ein Schmettertenor mit einem harten metallischen Kern in der Stimme und der Höhe, Sie bleibt ihm an Kraft nichts schuldig, beide sind (wie De Tommaso ja schon in der Wiener „Norma“ gezeigt hat) mit ihren Möglichkeiten schon im sehr dramatischen Fach angelangt. Und bei beiden fasziniert unter den Spitzentönen eine leicht dunkel gefärbte, reizvolle Mittellage.
Heidi Stober, die nicht mehr zum Jungvolk zählt, ist als Musetta souverän darin, im zweiten Akt jeglichen Wirbel zu veranstalten, und ergreifend in ihrem Kummer angesichts von Mimis Sterben am Ende. Unter den Künstlerfreunden ragt (wie fast immer) der Marcello hervor, Lucas Meachem mit Temperament, vielen komischen, differenzierten Nuancen und schönem Bariton. Aber auch der bei uns bestens bekannte Jongmin Park als anteilnehmender, wirklich beeindruckender Colline und Sean Michael Plumb als Schaunard, der sich seine große Szene in „Gavotta! … Minuetto!” holt, überzeugen.
Gewiß, all das ist keine Sensation, sondern einfach ordentliches Repertoire, aber immerhin hat das Liebespaar die New Yorker entzückt.
Renate Wagner

