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NEW YORK – WIEN / Die Met im Kino: I PURITANI

Schnick-Schnack mit Gugging und Kriegsbemalung

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Alle Fotos: MetOpera 

NEW YORK – WIEN / Die Met im Kino /  Cineplexx Cinemas:
I PURITANI  von Vincenzo Bellini   
10.
Jänner 2026

Schnick-Schnack mit Gugging und Kriegsbemalung

Opernlibretti sind nicht unbedingt Meisterwerke der Dramaturgie. (Na, Arrigo Boito schon, und einige Hofmannsthals.) Im allgemeinen muten sie der Gutmütigkeit eines intelligenten Publikums eine Menge zu. Was soll eine Braut von einem Bräutigam halten, der statt mit ihr an den Altar zu treten, mit einer anderen auf und davon geht? Er tut es aus edlen politischen Gründen, aber das weiß die Braut ja nicht. Folgerichtig (sprich: nach gegebener Opern-Libretto- Manier) wird sie wahnsinnig. Und auch sonst geht es in den „I Puritani“ des Vincenzo Bellini drunter und drüber. Ungeachtet dessen, wie populär diese letzte Oper des Meisters ist, man erinnert sich nicht, dass das Libretto von Carlo Pepoli je wirklich überzeugend umgesetzt worden wäre.

Schon gar nicht in der jüngsten Neuinszenierung der Metropolitan Opera, die nun in die Kinos kam. Vielleicht, weil es sich um einen englischen Stoff handelt (die Puritaner haben im 17. Jahrhundert immerhin ihren König geköpft), holte man einen britischen Regisseur. Charles Edwards (nicht identisch mit dem gleichnamigen Schauspieler), bisher vor allem als Bühnenbildner tätig, der folglich auch für die „Puritaner“ das Bühnenbild übernahm. Vielleicht hätte er sich jemanden suchen sollen, der die Bühne logischer (und vielleicht auch etwas attraktiver) gestaltet hätte…

Was tat Edwards? Er macht sich wichtig. Produziert Schnick Schnack .Statt das überbordende Libretto zu glätten und und auf die psychologische Spannung hin zu führen, die die Musik vorgibt, will er englische Kriegsgeschichte erzählen. Darüber hinaus präsentiert er das spätere Liebespaar Elvira und Arturo schon als Kinder, die sich verlieben (und die später auch noch gelegentlich in der Handlung herumgeistern).

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Vor allem aber – er macht Elvira zur Künstlerin. Sie malt oder zeichnet zumindest. Wie der Regisseur im Pausengespräch erklärt, will sie mit diesem emanzipatorischen Akt die kalte Welt der Puritaner durchbrechen. Hätte er es uns nicht erzählt, wir hätten es wirklich nicht heraus bekommen. Wenn am Ende die Werke der verrückten Elvira im Dutzend billiger auf der Bühne herumkollern, fühlt man sich tatsächlich eher in Gugging als in England…

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Dort wiederum bemalen sich die Herren der Schöpfung, wenn die Musik kriegerischen Charakter annimmt, mit Farbe als wären sie alte Germanen oder Maori. Das sind jene Inszenierungen, die nur an „herausfordernde“ Fotos denken, die Interesse wecken, verblüffen und verwirren sollen. Das bezieht sich auch auf die Werkzeuge, die Elvira im Wahnsinn benützt – von Hellebarden bis Strick, wird sie sich aufhängen? Das alles ist schlicht und einfach inszenatorische Wichtigmacherei ohne weitere Substanz. So holpert der mit fast dreidreiviertel Stunden recht lange Abend von „Idee“ zu „Idee“, von der keine etwas für das Werk zu bringen scheint. Die Frage, welche Geschichte hier erzählt wird (und warum), beantwortet sich nicht.

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Man spielt die „Puritani“ um der Rolle der Elvira willen. In den letzten Jahrzehnten und Jahren waren Edita Gruberova (mit 32 Vorstellungen die Elvira-Königin der Wiener Staatsoper) und Diana Damrau (die die Rolle nie in Wien gesungen hat, aber es gibt ja DVDs) die ganz großen Interpretinnen der koloratur- und höhenprächtigen Dame. Nun ist es Lisette Oropesa. Obwohl sie schon seit gut einem Jahrzehnt an der Weltspitze singt, hat sie nichts von der Schlankheit. Frische und Jugendlichkeit ihres für Belcanto wie geborenen Soprans verloren. Bei ihr wird technische Sicherheit, die sie bis in die höchsten Höhen nie verlässt (Spitzentöne, die gegebenenfalls Chor- und Orchestermassen übertönen), nicht zur bloßen Virtuosität, sondern steht immer im Dienst des Ausdrucks. Diese Elvira hat von Glück bis Verzweiflung schon alles in der Stimme – dass sie von der Regie her manche Dummheit abliefern muss, erledigt sie wenigstens ohne Peinlichkeit. Auch wenn sie im letzten Akt mit Kurzhaarfrisur und einer Art billigem Sommerkleid da steht (obwohl die Kostüme sonst mehr oder minder historisierend sind), packt sie auch das noch ohne weitere Peinlichkeit. Keine Frage, wenn man die Oper spielt, dann für sie, und wenn sie singt, ist dem Opernfreund das Ambiente mehr oder minder egal.

Sie hat in Lawrence Brownlee, auch er für den Belcanto geboren, einen stimmlich idealen Partner mit seinem so hellen und dabei starken Tenor, der umso mehr leuchtet, je höher er steigt, die Kraft und Modulation verbindend. Die „Chemie“ mit Lisette hätte er im Pausengespräch gar nicht erst betonen müssen, die spürt man in jedem Augenblick.

Für manchen Opernbesucher wäre der polnische Bariton Artur Ruciński durchaus ein Besetzungs-Argument gewesen, aber als Ricardo José Rivera (aus Puerto Rico stammend) am Vormittag erfuhr, dass er für den erkrankten Kollegen einspringen müsste, packte er seine Chance bei den Hörnern und beeindruckte mit einer untadeligen Leistung. Ein schöner, starker, rauer Bariton, der die reichen Möglichkeiten der Rolle nutzte. Neben ihm die andere souveräne dunkle Stimme des Abends; Christian Van Horn ist zwar eher ein fahler als ein satter Baß, aber stimmkräftigt genug und als Persönlichkeit hochrangig. Selbst als die beiden Herren in ihrem berühmten Duett der dunklen Stimmen die Kriegsbemaltung auftrugen, liefen sie nicht der Lächerlichkeit in die Arme.

Die einzige weitere größere Rolle des Abends ist jene der Köngin Enrichetta, die Witwe des geköpften Königs, die Arturo in Sicherheit bringt, statt zu seiner Hochzeit zu gehen (bis zum Happy End gibt es dann lange Umwege). Dass man Eve Gigliotti in dieser Rolle mit Elvira verwechseln könnte – nicht die einzige Unmöglichkeit der Geschichte und dieses Abends.

Wir freuen uns immer, wenn wir Marco Armiliato am Dirigentenpult begegnen, denn wir haben in Wien unsere besten Erfahrungen mit ihm. Die martialischen Teile der Partitur gelangen besonders stringent und überzeugend, während manches Lyrische gedehnt wirkte Der Spannungsbogen des Abends war nicht immer aufrecht zu erhalten. Was die New Yorker ebenso wenig störte wie der Mißgriff einer Inszenierung: Sie jubelten. Und hatten, was die Sänger betrifft, auch allen Grund dazu.

Renate Wagner  

 

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