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NEW YORK – WIEN / Die Met im Kino: FALSTAFF

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Fotos: Metopera

NEW YORK – WIEN, Cineplexx  / Die Met im Kino: 
FALSTAFF von Giuseppe Verdi
1.April 2023

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Diese „Falstaff“-Produktion der Metropolitan Opera hat man vor knapp zehn Jahren schon einmal über die „Met im Kino“ gesehen, als sie noch neu war, James Levine als geschätzter Guru des Hauses am Pult stand und Ambrogio Maestri seine Paraderolle auch in New York ablieferte. Aber schon damals war die Inszenierung von Robert Carsen der bewunderte Star des Abends, und das Phänomen wiederholt sich, wenn man diesem „Falstaff“ nun, wieder im Cineplexx-Kino natürlich, erneut begegnet.

Carsen (dem die „Met“ auch den faszinierenden „Rosenkavalier“ verdankt, der in zwei Wochen, erneut mit Günter Groissböck, wieder zu sehen sein wird) beweist, dass man Opern selbstverständlich in andere Zeiten und Welten versetzen kann, als ursprünglich von den Schöpfern gedacht – wenn man es richtig macht, die Werke und ihre Essenz nicht schädigt, sondern vielmehr noch etwas hinzufügt.

„Falstaff“ in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, irgendwo in England. Da wird klar, was sonst meist unter den Tisch fällt, dass man es auch mit einem Klassenproblem zu tun hat – der Lord, der allerdings gar kein Geld hat. Und die Bürger, die verdammt reich sind. Der adelige Hochmut und die betuchte Selbstsicherheit prallen ganz schön auf einander…

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Und schon die Bühnenbilder (Paul Steinberg) und Kostüme (Brigitte Reiffenstuel) zeigen das genau. (Im Kino konnte man übrigens in den Umbaupausen zusehen, wie aufwendig dies gestaltet war.) Das noble Hotelzimmer, das „Sir“ John nicht bezahlen kann, das Restaurant, wo sich die „lustigen Weiber“ treffen (ein bisschen wie das Quartett aus „Sex in the City“), die Clublounge, wo Sir John Zeitung liest und von Mrs. Quickly heimgesucht wird, die mit Extraapplaus bedachte Nobelküche der Mrs. Ford, schließlich der Pferdestall (ein echtes Pferd steckt den Kopf hinein), wo der aus der Themse gezogene Sir John räsoniert – und dann, eine ganz besondere Lösung für den Schluß, kein Zauberwald, sondern einfach eine dunkle Gegend, wo die Rache, die die Bürger an dem Adeligen nehmen, plötzlich in ihrer ganzen Grausamkeit klar wird. Dass Falstaff dennoch obsiegt und uns wissen lässt, dass alles Spaß auf Erden sei – das hängt mit der Stärke zusammen, die dieser Charakter in dieser Inszenierung bekommt. Nicht Prügelknabe, sondern immer ungebrochener Sieger.

Dabei ist das Ganze alles andere als realistisch, es ist komödiantisch in Sinn der schnellen, witzigen, brillanten Verdi-Musik, die von Daniele Rustioni mit der genau richtigem Mischung von Akkuratesse  und Elastizität geleitet wird, die die Handlung gewissermaßen auf natürliche Weise vorantreibt. Da läuft alles wie am Schnürchen, Orchester und Sänger in equilibristischer Harmonie. Die Selbstverständlichkeit, mit der das extrem Schwierige hier absolviert wird, stellt der nunmehrigen „Falstaff“-Besetzung der Met das denkbar beste Zeugnis aus.

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Es ist der Abend des Michael Volle. Seitdem er sich im letzten Jahrzehnt als der große Sachs und Wotan etabliert hat, rundet Verdis Falstaff hier mit ganz anderen Tönen und Gesten den vollen Radius dieses Künstlers ab. Abgesehen davon, dass er die Rolle ohne die geringsten Schwierigkeiten stimmschön und präzise in jedem Detail realisiert, ist seine Darstellung des Sir John ein Juwel für sich – und er, der Wagners Würde und Weh so nobel verkörpert, kommt hier geradezu mit einem Spitzbubengesicht auf das Publikum zu. Dabei ist das kein Komödiant, der dem Publikum quasi zuzwinkert, wie lustig alles ist und wie wenig ernst seine Figur zu nehmen sei, sondern ein Mensch, der durch und durch echt ist, der seine schlechten Eigenschaften für gute hält (das gibt es) – und in diesem strahlenden Selbstverstrauen einfach unwiderstehlich wirkt. Er liebt seinen Bauch, ohne ihn billig auszuspielen, er übertreibt nicht und ist dennoch brüllend komisch. Das Publikum trug ihn und die Aufführung auf den Händen.

Bei den Damen schoß die Franko-Kanadierin Marie-Nicole Lemieux den Vogel ab, sie zeigte wieder einmal, was man aus der Rolle der Quickly  machen kann. Seit urdenklichen Zeiten hat man solch ein „Reverenza“ nicht gehört, was auch auf das Konto dieses wirklich prächtigen Alts geht – eine dunkle Superstimme seltenen Zuschnitts.

Die Laune, die den Abend treibt, scheint von einem Sänger zum anderen überzuspringen, die berühmte „Ensembleoper“ ist hier wirklich eine. Ailyn Pérez, Inbegriff einer Latina-Schönheit, zieht die Fäden souverän in Spiel und Gesang, Jennifer Johnson Cano steht ihr als urkomische Meg zur Seite (und nicht im Abseits wie sonst so oft).

Die südkoreanische Sopranistin Hera Hyesang Park und der ukrainische Tenor Bogdan Volkov gaben zwar ein hübsches junges Paar ab, sind aber stimmlich über ihre Rollen schon hinaus – weder gibt es die zarten, schwebenden Nanetta-Töne noch die schmelzende Fenton-Lyrik.

Auch der ausgefeilten Regie zu danken ist der ungemein lebendige Mr. Ford des baritonal schönstimmigen Christopher Maltman. Durch und durch komische Schurken liefern Chauncey Packer (Bardolfo), Richard Bernstein (Pistola) und Carlo Bosi (Dr. Cajus).

Es war unmöglich, von diesem Abend nicht mitgerissen zu sein, der immerhin gefragt genug war, dass das Cineplexx-Kino auf der Landstraße einen zweiten Saal geöffnet hat. Kein April-Scherz am 1. April, sondern schönste Opern-Realität.

Renate Wagner

 

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