Fotos: Metopera
NEW YORK – WIEN / Die Met im Kino im Village Cinema Wien Mitte:
DIE ZAUBERFLÖTE von W.A. Mozart
3. Juni 2023
Die Metropolitan Opera gibt bei ihren weltweiten Übertragungen in die Kinos den Regisseuren stets breiten Raum, ihre Konzepte zu erläutern. So konnte man hören, was sich der britische Regisseur Simon McBurney (der auch im Theater und im Film unterwegs ist) zu Mozarts „Zauberflöte“ ausgedacht hat. Was er da von Schikaneder, dem Theater an der Wien, 1791 und anderem schwurbelte, offenbar oberflächlich aus dem Internet zusammen gelesen, hatte mit Mozart so gut wie nichts zu tun.
Wie viele Regisseure, die im Grunde nichts von den Werken verstanden haben, machte er, was ihm einfiel. Und das hatte in New York bei Presse und Publikum, man muss es ehrlich sagen, viel Erfolg. Als Wiener, der die „Zauberflöte“ auf und ab kennt (sozusagen jedes Wort und jeden Ton), konnte man da nur staunen – was es alles nicht gab. Und was man anstelle dessen bekam.
Drei Damen im Military-Look, die sich geradezu sexuell belästigend auf Tamino stürzen und ihm Schuhe, Jacke und Hose ausziehen (Beutestücke, an denen sie sich ergötzen). Wie man eine Regieidee begründen könnte, den armen Prinzen die längste Zeit in weißer Unterwäsche agieren zu lassen – keine Ahnung. Kein Mann würde darin gut aussehen, das Ergebnis war peinlich.
Dass die Königin der Nacht entmachtet ist, gut, aber bei Mozart immer noch „sternflammend“ – hier bekommt man eine rabiate Greisin im Rollstuhl. Und die drei Knaben, ja, die sind zu uralten Männern mutiert, weißhaarig, klapprig, mit Stöcken. So könnte man Schritt um Schritt nacherzählen, was sich alles Seltsames begibt – Pamina Fotos auf dem Smartphone, kein Isis und Osiris, sondern Sarastro mit seinen Mannen am Konferenztisch mit Mikrophonen, ein Papageno, dessen einziges Kennzeichnen darin besteht, dass er dauernd eine Leiter mit sich schleppen muss…
Dass all dies „heutig“ gemeint und weit weg vom Original ist, wird durch zwei Verfremdungseffekte bestärkt, die verspielt und reizend wirken sollen, einem aber auch schlichtweg dumm vorkommen können. Dass auf der Seite der Bühne, hinter einer „Bar“ mit vielen Versatzstücken, Ruth Sullivan die Geräusche macht (Vogelgeflatter mit Arbeitshandschuhen), ist eines. Dass auf der anderen Seite Blake Haberman dabei bewundert werden darf, wie er die rückwärtige Videowand mit ein paar Schattenpuppen und einer Kreidewand beschreibt (da steht dann so Erleuchtetes wie „1. Akt“ oder „Feuer“), ist das zweite.
Man hat das als große Ideen gefeiert, ebenso die Tatsache, dass Tamino seine Flöte keinesfalls selbst zu spielen vorgibt, sondern an den Flötisten Seth Morris weiter gab. Und dass Papageno sein „Glockenspiel“ (in einer Art Ziehharmonika-Kasten) dem Pianisten Bryan Wagorn überließ, wies weiter darauf hin, dass es hier nicht darum geht, die „Zauberflöte“ zu realisieren, sondern ein paar Ideen dazu abzusondern, die danach schreien, als originell bewundert zu werden. Wozu auch gehört, dass man das Orchester gehoben hat, damit die Darsteller immer wieder darin spielen konnten, ebenso wie Ausflüge in den Zuschauerraum stattfanden (Papageno drängte sich durch eine Sitzreihe – was man ehrlich gestanden auch schon erlebt hat…).

Die Bühne (Michael Levine) kreierte keine wie immer geartete Welt, die Kostüme (Nicky Gillibrand) sorgten für gegenwärtigen Alltag, und nur die ausufernden Videoprojektionen der Feuer- und Wasserprobe boten Schauwerte – in das „Wasser“ wurden Pamina und Tamino auf Stricken gehoben, imitierten zu schwimmen und sorgten so für das berühmteste Foto dieser Inszenierung, die ein Sammelsurium von unzusammenhängenden Ideen war, die sich keinesfalls zur „Zauberflöte“ formten.
Dass der Abend dennoch gut ausging, lag an der musikalischen Seite. Dirigentin Nathalie Stutzmann (sie musste auf strenge Anordnung von Direktor Peter Gelb sich beim Orchester demütig entschuldigen, weil sie einmal gemeint hatte, die Herrschaften sollten nicht so gelangweilt dreinsehen) war hier lockerer unterwegs als bei ihrem eher verkrampften „Don Giovanni“ und verbreitete mit der Musik Stimmung, die nur schwerlich von der Bühne kam.

Und Erin Morley, die man als Koloratursopran kennen gelernt und die sich wunderbar zum lyrischen Sopran entwickelt hat, war eine zwar sehr heutige Pamina (keine liebe, verwirrte Prinzessin), aber stimmlich schlechtweg wunderbar, ein schlanker und doch kräftiger Sopran mit der richtigen Mozart-Kantilene. Und tadellosem Deutsch, was man von fast allen Sängern (außer dem holländischen Papageno lauter Amerikaner) sagen kann. Da muss die Met eine Menge in Sprach-Coaches investiert haben, dass das Deutsch nie zum Kauderwelsch wurde (auch nicht in den gesprochen Passagen) – deutlicher hört man es auch hierzulande bei Muttersprachlern nicht.
Ebenso ideal Lawrence Brownlee als Tamino (nach der Unterwäsche bekam er ein Che Guevara-Outfit, bevor er den Rest der Oper im weißen Hemd bestreiten musste). Er ist zwar optisch nicht das Ideal eines Prinzen, stimmlich aber sehr wohl, ein angenehmer, technisch ausgefeilter, ausdrucksstarker Tenor.

Kein Hauch von echtem Vogelfänger oder gar Wienerischem (nein, muss in New York nicht sein) war um Thomas Oliemans (der auch ein wenig alt für die Rolle wirkte), aber er entwickelte seinen eigenen Humor (wenn auch nicht „Schmäh“), wobei er am Ende von seiner Papagena (Ashley Emerson). so kurz die Rolle auch sein mag, in die Tasche gesteckt wurde.

Als grauhaarige, körperlich gebrechliche, aber von böser Energie strotzende abgewrackte Königin bot Kathryn Lewek nicht eben kulinarische, aber perfekte und für ihre Rolleninterpretation deckende Koloraturen. Am Ende muss sie nicht als besiegt verschwinden, sondern wird von Sarastro gewissermaßen emporgehoben und in die allgemeine Versöhnung einbezogen – sicher eine der wenigen schönen Ideen dieser Aufführung.
Mit der üblichen Sarastro-Würde war Stephen Millings unterwegs, und als hyperaktiver Monostatos (hier kein Schwarzer wie bei Mozart, sondern ein weißer Bösewicht) fiel Brenton Ryan auf. Dazu gab es noch drei hektische Damen (Alexandria Shiner, Olivia Vote und Tamara Mumford ) und drei greisenhafte Nicht-Knaben (was in einer Kritik als Genie-Idee gefeiert wurde…)
Niemand sagt, dass eine „Zauberflöte“ immer gleich aussehen soll, um Gottes Willen. Aber ein bisschen näher am Stück oder auch in sich konsequenter hätte die Inszenierung schon ausfallen dürfen. Wie gesagt – das Publikum in New York war sehr angetan, und auch in Wien war es ziemlich voll im Kino.
Renate Wagner

