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NEW YORK / WIEN Die Met im Kino: DIE WALKÜRE

31.03.2019 | KRITIKEN, Oper

NEW YORK / WIEN
Die Met im Kino / Village Cinemas
DIE WALKÜRE von Richard Wagner
30. März 2019

Anders als die Wiener Staatsoper, wo die Direktion dankenswerterweise so gut wie jede Saison mindestens einen „Ring“-Zyklus anbietet, hat die Metropolitan Opera ihren „Ring“ von Robert Lepage seit der Saison 2012/13 nicht mehr gezeigt. Nun ist er endlich wieder da – aber für „die Met im Kino“ gibt es nur die „Walküre“. (Man muss sich damit trösten, den ganzen Lepage-„Ring“ wenigstens auf DVD zuhause zu haben.) Zwar gilt die „Walküre“ als des Publikums Lieblingsoper aus dem „Ring“, aber der Ansturm im Village-Kino schien nicht so heftig, als wenn die großen Namen locken.

Immerhin, Namen, die für uns wichtig sind, gab es auch. Dirigent Philippe Jordan zum Beispiel, erhoffen wir uns doch von der neuen Direktion einen neuen „Ring“, der entschieden interessanter ausfallen sollte als der gegenwärtige. Und Jordan ist auch ein Wagner-Dirigent, seine „Walküre“ war immer griffig, spannend, sehr auf die Sänger bedacht und ließ doch immer wieder mit Details aus dem Orchester aufhorchen.

Die Besetzung der sechs Hauptrollen war teils großartig bis fast optimal, teils gewöhnungsbedürftig. Ideal schien diesmal das Liebespaar Sieglinde und Siegmund: Eva-Maria Westbroek und Stuart Skelton hatten eine fast greifbare Beziehung zu einander, waren an Intensität kaum zu überbieten, sangen makellos, er ohne Einschränkungen, ohne Forcieren, in geradezu belcantesk fließender Qualität. Dass sie in der Höhe gelegentlich tremoliert, mindert ihre Leistung nicht. Fast ein Traumpaar.

Ideal auch der Hunding von Günther Groissböck, der in den ersten Akt ungeheure Spannung einbrachte, durch sein anfängliches Misstrauen, dann die spürbare Feindseligkeit, schließlich den Positionskampf, den er sich mit Siegmund liefern will, indem er sein Recht auf Sieglinde deutlich macht – und das alles nicht nur stark gespielt, sondern auch stark gesungen. Gut, dass Groissböck im übrigen nicht nur Bassestiefen, sondern auch Höhen hat – er wird sie, wie man weiß, brauchen können, wenn er die Rolle wechselt…

Glänzend auch Jamie Barton als Fricka, die zwar zu den „zänkischen“ Vertreterinnen der Wotansgattin zählt (Sarah Connolly hat zuletzt in London eine ungemein verführerische Version der Dame gezeigt), aber stimmlich und technisch hervorragend war.

Das „Technische“ ist zu betonen, weil es bei den beiden anderen Hauptrollensängern doch ein Problem darstellte. Die Amerikaner machen viel Wind um Christine Goerke, und das ist zu verstehen – sie ist eine „Landsmännin“, hätte man früher gesagt, „Landsfrau“? kurz, Amerikanerin, und sie hat schon vor einem Vierteljahrhundert, in ihren Anfängen, im „Young Artist Program“ der Met gesungen. Sie gehört gewissermaßen hierher. Neuerdings ist sie im hochdramatischen Fach unterwegs, das sie mit einer bemerkenswert „leichten“ Stimme angeht.

Ob die Anfangsschwierigkeiten des Abends, wo sie immer wieder in Sprechgesang ausglitt, auf Nervosität zurück zu führen waren, ist schwer zu entscheiden, das Gespräch mit Wotan im dritten Akt war dann sehr gut, obwohl man nicht das Gefühl hat, dass sie über perfekte Wagner-Technik verfügt. Man würde sie auch nicht im Besitz einer genuinen Brünnhilden-Stimme nennen, und wenn eine Dame um die 50 das „lustige“ blondgelockte Mädchen spielt, gibt es auch Passagen am Rande der Peinlichkeit. Kurz, das geht besser.

Und einen besseren Wotan könnte man sich auch vorstellen. Nun ist Greer Grimsley, der uns in Wien nie untergekommen ist, offenbar ein Met-Veteran, und so klingt er auch – obwohl man mit Anfang 60 eigentlich für diese Rolle ideal sein könnte. Man müsste allerdings noch über Stimme verfügen, nicht nur über die Reste, die man mit hörbar letzter Kraft mobilisiert. Von der Erscheinung her nicht das, was man sich als Wotan vorstellt, eher schlaksig-flapsig, was dann nicht so überzeugt, hatte er darstellerisch ein paar großartige Momente – wenn er nach dem Gespräch mit Fricka fast zusammenbricht, weil ihm klar wird, dass er seinen Sohn geopfert hat; wenn er den sterbenden Siegmund in die Arme nimmt und dieser dem Vater, den er offenbar erkennt, die Hand reicht; wenn er in echter Ergriffenheit von Brünnhilde „die Gottheit küsst“ – nicht inzestuös, wie der Londoner Wotan zuletzt, sondern so voll Liebe, dass man ergriffen ist. Aber das reicht natürlich nicht, obwohl die Diktion bewundernswert ist (wie bei Amerikanern oft) Also fehlten im Sechsergefüge der Hauptrollen zwei Pfeiler. Die acht Walküren könnte man auch als nicht gänzlich qualitäts-homogen bezeichnen.

Der „Maschinen“-Ring ist wieder da. Ich habe mich in die „Maschine“, die Regisseur Robert Lepage und Carl Fillion für den New Yorker „Ring“ erfunden und geschaffen haben, auf Anhieb verliebt. Sie hat meines Erachtens nur Vorteile. Erstens schaffen diese 24 „Bretter“, scheinbar aus Holz, tatsächlich aus Aluminium („Planks“ nennen sie die Bühnenarbeiter, die viel Mühe damit haben, weil die Maschine nicht nur Computer, sondern auch Menschen zu ihrer Bedienung verlangt) etwas, was kaum eine „Ring“-Aufführung leistet: ein optisch überzeugend zusammenhängendes Konzept. (Der „Tunnel-Ring“ von Götz Friedrich hatte das einst auch.) Zweitens ist eine abstrakte Bühnenbildlösung, die so viele Varianten kennt, nicht nur technisch faszinierend, sie bietet immer wieder Überraschungen – ob der Walkürenritt auf den schwankenden Brettern, jedes ist auf einmal ein Pferd, ob das „Walküren“-Finale, wo Brünnhilde (hängt sie wirklich persönlich kopfüber oder hat man sie gegen eine Statistin ausgetauscht?) am Ende in einer aufrechten Feuerwand erscheint… wui! Und drittens erspart eine solche Ausstattung all den inszenatorischen Plunder, den Regisseure und Ausstatter (von Castorf bis Warner) auf die Bühnen räumen, um uns zeitgemäße Fingerzeige zu geben, in welche Richtung sie ihre Inszenierungen gedeutet haben wünschen (eh schon wissen, von Wall Street bis Massenmord). Dagegen ist etwas so einfach Kompliziertes, so genial Strukturiertes wie die „Maschine“ eine geradezu „saubere“ Lösung. Abstrakt. Intelligent. Unaufhörlich überraschend.

Die Pausengespräche waren wieder schön, und es war schon ein Clou, Deborah Voigt als Gastgeberin einzusetzen – schließlich war sie die erste Brünnhilde dieser Produktion (die ab 2012 in Szene ging), damals mit Kaufmann als Siegmund und Terfel als Wotan. Sie konnte mit den Sängern aus eigener Erfahrung plaudern, und sie tat es souverän. Einen besonderen Auftritt hatte Günther Groissböck, der mit bestem Englisch und viel Charme jede Menge Informationen lieferte – von seinen ersten Wagner-Eindrücken am Stehplatz der Wiener Staatsoper bis zu dem Wotan, den er 2020 erstmals bei den Bayreuther Festspielen singen wird…

Renate Wagner

 

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